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Theologie in der Bewährung

Beiträge von Walter Kasper

Seit dem Frühsommer arbeitet Walter Kasper, vordem Bischof von Rottenburg-Stuttgart, noch früher Professor der Dogmatischen Theologie (zuerst in Münster, dann in Tübingen), als Sekretär des Päpstlichen Rats für die Förderung der Einheit der Christen («Pontificium Consilium ad Unitatem Christianorum fovendam») in Rom. Als Sekretär, das heisst als Leiter; das Amt des Präsidenten bekleidet vorläufig noch der australische Kurienkardinal Cassidy. Kaspers Ernennung verspricht dem ökumenischen Engagement des katholischen Lehramts einen neuen Impuls zu geben. Das Verhältnis zwischen der römischen Konfession und den protestantischen Bekenntnissen dürfte grössere Aufmerksamkeit finden als in den letzten Jahren; die Freundschaftsgesten gegenüber der Orthodoxie könnten auf ihre theologische Substanz und ihre kirchliche Relevanz hin überprüft werden.

Die Tätigkeit des Päpstlichen Rats &endash; abgekürzt: «für die Einheit» &endash; bildet im Vatikan mindestens potentiell ein Gegengewicht zu der in letzter Zeit überreichlichen Produktion glaubenspolizeilicher Verordnungen (man darf nur glauben, was man glauben muss). Dass aber dieser mögliche &endash; und dringend notwendige &endash; Ausgleich nicht erst durch den Wunsch nach Verständigung mit «Andersgläubigen», sondern schon durch die Reflexion über das eigene Tun und Lassen angeregt wird, zeigen die Beiträge Kaspers zu «Theologie und Kirche» aus den achtziger und neunziger Jahren.

Unter diesem Titel war 1987 ein erster und ist vor kurzem ein zweiter Band erschienen: insgesamt annähernd dreissig Aufsätze und Vorträge. «Theologie und Dogmatik heute» war der erste Hauptteil des früheren Buchs überschrieben; in dem jetzigen wiederholt sich das Wort «heute» durch alle drei Zwischentitel. Das ist keine Äusserlichkeit. «Seit das II. Vatikanische Konzil eine Öffnung zur heutigen Welt vollzogen hat», schreibt Kasper 1985, «ist der Katholizismus als ein gesellschaftliches Phänomen zusammengebrochen und die Kirche auch in sich selbst pluralistisch geworden». Pluralistisch und damit erneuerungsbedürftig von innen her, wenn der Unterschied zwischen Pluralität und Pluralismus, Subjektivität und Subjektivismus sichtbar und der «Ernst dogmatischer Abgrenzungen und Entscheidungen» erlebbar bleiben soll &endash; nämlich erlebbar dank einem «geschichtlich offenen Verständnis des dogmatischen Prinzips». Im selben Jahr (und der Zusammenhang ist offensichtlich) untersucht Kasper den Überlieferungscharakter der theologischen Erkenntnis, entgegen der Lehre von den «zwei Quellen der Offenbarung» (Schrift und Tradition), von der das Konzil sich hat loskämpfen müssen, aber auch entgegen einem reformatorischen sola-scriptura-Prinzip, das der Traditionsstruktur der Heiligen Schrift nicht gerecht wird.

Dem Verhältnis von Schrift und Tradition ist auch in dem neuen Band ein wichtiger Beitrag (1988/90) gewidmet. Wenn Kasper hier an die Erneuerung der Bibelexegese durch Maurice Blondel und Henri de Lubac anknüpft und dabei das Stichwort ressourcement aufnimmt, mag man sich an das andere Stichwort aggiornamento erinnert fühlen und die entscheidende Vertiefung des zweiten durch das erste bemerken. Das «Heute» der Kirche nicht als Ziel einer gesellschaftlich angepassten Modernisierung, sondern als neu ermittelter geschichtlicher Ort: ermittelt durch Vergegenwärtigung der als «Aktualpräsenz des Evangeliums» verstandenen Tradition.

Auf die ökumenische Bedeutung solcher Gedanken muss man kaum eigens aufmerksam machen. Wenn Kasper in einem Vortrag über «Kirche und neuzeitliche Freiheitsprozesse» (1987/88) ausdrücklich auf die Notwendigkeit «fälliger realistischer Schritte» im Sinn eines «gemeinsamen Öffentlichkeitsauftrags» hinweist, tritt er nicht nur für eine kirchenpolitische Strategie ein, sondern plädiert auch hier für innere Erneuerung, für die Überwindung einer Krise, die auf katholischer Seite unter anderem daher rührt, «dass es bisher nicht gelungen ist, die konziliare Neubestimmung des Verhältnisses von Kirche und neuzeitlicher Welt zu verarbeiten und fruchtbar zu machen». Wer wollte behaupten, dass solche Ratlosigkeit dem Protestantismus fremd sei. «Will das Christentum seinen geschichtlichen Auftrag erfüllen, so ist dies nur ökumenisch möglich», hat Walter Kasper vor zwölf Jahren gesagt; jetzt steht sein theologisches Denken vor einer neuen Bewährung.

Hanno Helbling

 

Walter Kasper: Theologie und Kirche II. Verlag Matthias Grünewald, Mainz 1999. 282 S., Fr. 39.&endash;.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 12.10.1999

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