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Im Reigen seliger Geister

Jeffrey B. Russells Geschichte des Himmels

Im Himmel ist die Luft rein. Saftige Wiesen bedecken das Land, die Bäume tragen Früchte mit nährendem Duft, Lilien und Frühlingsrosen erfreuen das Auge, über glänzende Edelsteine plätschert das Wasser. Kommt eine Brise auf, singt vielstimmig der Wald. Eine goldene Säulenhalle trennt das Land von der Stadt. Strassen und Plätze bestehen aus Kristall, unter dem Baldachin steht lichtumkränzt der Thron. Dort erschauen die Auserwählten den Herrn. Der Thron brennt, aber das Feuer verzehrt sich nicht. Juwelen, Kerzen und singende Steine schmücken den Raum. Obwohl alle Menschen und Engel Gott betrachten, beachtet keiner den anderen. Sie blicken einander an, indem sie Gott schauen und lieben.

Kein langweiliges Idyll ist der Himmel, kein Ort eintönigen Lobgesangs oder endloser Predigt, sondern ein Gobelin mit tausend verschiedenen Szenen voller Glanz und Herrlichkeit. Mit diesem Versprechen beginnt Jeffrey Russell seine Ideengeschichte des christlichen Himmels. Gewiss wird es im Paradies keine Predigt und keine Zuchtmeister mehr geben, da gute Taten überflüssig sind. Aber welchen Unterhaltungswert eine ewige Welt seligen Zusammenklangs haben wird, bleibt auch nach der Lektüre eher zweifelhaft. Das Wahre und Gute gibt es nur einmal, der Abweichungen, Sünden und Bösartigkeiten hingegen sind unendlich viele. Der Dämon wechselt dauernd Gesicht und Gestalt, Gott leuchtet immer in demselben strahlenden Blendwerk. Zumindest von der Antike bis zum Mittelalter, jener Zeitraum, den Russell auf seiner Himmelfahrt durchmisst, wiederholen sich die Modelle, Metaphern und Streitfragen immerzu.

Russell durchstreift nicht die volkstümlichen Paradiesträume der sozialen Klassen, sondern wählt sich die Kirchenväter und Grossmeister der Mystik und Scholastik als Führer. Die Reise beginnt etwa 200 v. Chr. mit dem «Buch Henoch», der ersten Schilderung eines Himmelsaufstiegs in der jüdischen Literatur. Sie führt über frühe monastische Visionen, päpstliche Dekrete und universitäre Debatten und endet am höchsten Punkt des literarischen Himmels: in Dantes «Paradiso». Mit Enthusiasmus referiert Russell die Texte, wobei seine Bekenntnisse die Originale mitunter zu überschatten drohen. Metaphern türmen sich auf Metaphern, Bilder ersetzen denkbare Argumente, Gläubigkeit tritt an die Stelle begrifflicher Klarheit. Russell ist nicht nur ein sachkundiger Führer im fremden Gefilde, er ist auch ein Autor mit festen Überzeugungen. Nichts ist ihm fremder als das Gebot des methodischen Agnostizismus bei der Erforschung der Religion, nichts liegt seiner sogenannten «metaphorischen Ontologie» ferner als das Seziermesser der Logik.

Es mag sein, dass im Himmel andere Massstäbe der Einsicht gelten als in den Niederungen der Erde, liegt doch der Zeitpunkt der Heilsgeschichte jenseits der Sprache, des Raums und der Zeit. Gleicht der Himmel eher einem Garten, einer Stadt oder einem kosmischen Sphärengewölbe? Hat er überhaupt einen Ort, oder bedeuten die räumlichen Symbole nur einen Zustand innerer Harmonie &endash; mit der Welt, mit den anderen, mit sich selbst? So glanzvoll erscheint das Himmelreich in manchen Visionen, dass das menschliche Auge vor solcher Herrlichkeit zu erblinden droht. Ob die Erlösten Gott von Angesicht zu Angesicht oder nur vermittels eines Mediums erblicken werden, ob sie ihn überhaupt zu sehen bekommen, wie er ist, und wie weit ihre Ähnlichkeit mit dem göttlichen Ebenbild reicht, all dies gehört zu den Zweifelsfragen, welche die «glückselige» Himmelsschau eintrüben. Leider bricht Russell die Interpretation ab, bevor sie interessant zu werden verspricht. Die phänomenale und anthropologische Struktur der spirituellen Widerfahrnisse, welche in den Texten als Erleuchtung und Offenbarung beschrieben werden, bleibt im dunkeln.

Es ist umstritten, wer neben den Propheten und Märtyrern, neben Maria, Jesus, Beatrice und den Engeln zur erretteten Bevölkerung des Himmels zu zählen ist: ungetaufte Kinder, tugendhafte Heiden, gläubige Juden, gar alle Intelligenzen, welche von Gott geschaffen wurden, einschliesslich Satans? Für Augustinus ist die Gesellschaft des Himmels ein Bund freier Stadtbürger. Alle sind sie gleich in der Verwirklichung ihrer individuellen Talente. Aber obwohl jeder glückselig ist, sind nicht alle gleich nah bei Gott. Hierarchie, Gemeinschaft und Egalität vertragen sich &endash; zumindest im Himmel &endash; problemlos. Die Freude überdeckt alle Unterschiede, das Glück umhüllt alle Guten im Bund der Communitas. Nicht Macht, Vertrauen, Sprache oder Geld sind die sozialen Medien der Himmelsgesellschaft, sondern Liebe. Anders als das Geld kann Liebe nicht gehortet werden. Sie vermehrt sich, wenn man sie verschwendet. Die Schulden sind alle getilgt, keiner erhebt mehr Ansprüche gegen einen anderen, und keiner trägt dem anderen noch etwas nach. Doch die Erlösten wissen sehr wohl um das Schicksal der Bösewichter. Laut Gregor dem Grossen bleibt der Verstand der Erwählten von Erbarmen unberührt. Ihre Glückseligkeit wäre beeinträchtigt, würden sie die Verdammten ihres Loses wegen bedauern.

Zur Sünde sind die Erlösten nicht mehr imstande, sie sind konstitutionell unfähig zum Bösen. Damit sind die Skrupel des moralischen Selbstverhältnisses aufgehoben. Glaube und Hoffnung, diese theologischen Tugenden des Mangels, werden im Himmel ohnehin nicht mehr benötigt, weil alles Wünschen und Wissen erfüllt ist.

Die Essenz der Erlösung jedoch ist die Ganzheit der Person, die Einheit von Seele und Körper. Nach dem Tod sehnen sich die Seelen zurück nach ihren Körpern, um sich wieder zu Personen zu vervollständigen. Bis zum Letzten Gericht müssen sie warten, bis zur Auferstehung des Fleisches. Was in dieser Zwischenzeit vor sich geht, lässt der Widerstreit der Lehrmeinungen offen. Voraussichtlich bleiben die Seligen bis zur Wiedererweckung körperlos. Dann aber vereinigen sie sich mit den Körpern, die sie auf Erden hatten, ohne Makel jedoch, ohne Gebrechen, ohne Krankheit, ohne Wunden. Wie auch immer der Körper auf der Erde war &endash; zersetzt, zerfetzt oder von Tieren zerfleischt &endash;, er wird in vollendeter Schönheit auferstehen, wie er im Alter von dreissig Jahren gewesen war. Eine Metamorphose, ein Wechsel der Körper ist im christlichen Himmel nicht vorgesehen. Aus ihrer Haut können die Seligen nicht heraus. Aber im Zustand ewiger Kontemplation sind Geist und Leib ohnehin vergessen. Der für den Menschen konstitutive Abstand zu sich selbst ist getilgt. Im Blick in das Ewige Licht werden die Menschen sich selbst verloren haben.

Wolfgang Sofsky

 

Jeffrey Burton Russell: Geschichte des Himmels. Böhlau- Verlag, Wien 1999. 196 S. (mit 14 Seiten Bildteil), Fr. 48.&endash;.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 12.10.1999

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