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Ayatollah Khomeiny &endash; der Mystiker und Politiker

Biographie über die prägende Figur der iranischen Revolution

M. L. Wie kaum eine andere Revolution des 20. Jahrhunderts ist die iranische von 1979 im Rest der Welt auf völliges Unverständnis gestossen, im Westen vor allem wegen der wichtigen Rolle, die die Religion gespielt hat. Zwanzig Jahre nach dem einschneidenden Ereignis hat Baqer Moin, der Leiter des persischsprachigen Diensts der BBC, eine wohltuend distanzierte Biographie des Revolutionsführers Khomeiny veröffentlicht, die die Vorgeschichte, die Gründe und den Verlauf der Revolution erklären hilft.

Ein Mann, der niemanden kalt liess

Moins Biographie ist ein Meisterstück angelsächsischer Geschichtsschreibung; sine ira et studio versucht er, seinem Thema und seiner Hauptfigur gerecht zu werden, was angesichts der bisher üblichen Verteufelung oder Hagiographie nicht selbstverständlich ist. Seine Erzählung ist flüssig geschrieben, und &endash; wirklich kein einfaches Unterfangen &endash; sie erklärt die theologischen und sozialen Hintergründe der iranischen Geschichte dieses Jahrhunderts in Worten, die auch westliche Leser nachvollziehen können. &endash; Moin beginnt mit der Darstellung der Welt, in die Rouhollah Musavi Hendi Khomeiny 1902 hineingeboren wurde: eine wohlhabende Notabelnfamilie im ländlichen Iran unter der Qajarendynastie, wo es kaum Rechtssicherheit gab und der imperialistische Druck der Europäer allgegenwärtig war. Khomeiny genoss eine traditionelle Ausbildung an Koranschulen und religiösen Seminaren in Qom, dem iranischen Zentrum für religiöse Studien, mit dem Berufsziel eines Mullahs &endash; eines Dorfgeistlichen, -lehrers und -richters. Mit 32 Jahren wurde er selber Lehrer und Mojtahed (ein Rang im schiitischen Klerus, der zur eigenen Auslegung von Koran und Sunna berechtigt).

Aus eigenem Antrieb befasste sich Khomeiny intensiv mit der persischen und schiitischen Mystik, die orthodoxen Theologen seit je ein Dorn im Auge war. Im Gegensatz zu vielen anderen Mystikern (oder Sufis) war Khomeiny kein Quietist, der sein Heil nur in der jenseitigen Welt zu finden trachtet und sich nicht mit weltlichen und politischen Dingen befassen will. Er übernahm die Lehre anderer berühmter Mystiker, die die schiitische Lehre der zwölf Imame mit dem Ideal mystischer Vervollkommnung vereinten. Die Führung der Gläubigen sollte allein bei den «perfekten Menschen» liegen, die auf dem mystischen Pfad Gott ganz nah gekommen seien wie einst die schiitischen Imame.

Protest und Verbannung

Unter dem Regime von Schah Reza Khan Pahlavi, der die Säkularisierung Irans nach dem Vorbild Atatürks forcierte, und von seinem jungen Nachfolger Mohammed Reza Pahlavi ab 1941 kam Khomeiny schnell in Konflikt mit dem weltlichen Staat. 1963 kam es in Qom zum ersten massiven Gewaltausbruch gegen die einseitigen Modernisierungspläne des Regimes, als es den Widerstand der «schwarzen Reaktionäre» aus dem Klerus brutal brechen wollte. Khomeiny nutzte politisch geschickt die schiitische Märtyrertradition, indem er den Widerstand gegen den weltlichen Herrscher mit dem (vergeblichen) Kampf der ersten Schiiten gegen die sunnitischen Kalifen im Kampf um die Nachfolge Mohammeds verglich und die rituellen Gedenktage für politisch-religiöse Veranstaltungen nutzte.

Anderthalb Jahre später verhaftete der Sicherheitsdienst Khomeiny, und der 63jährige wurde ins Exil in die Türkei abgeschoben. Diese Episode ist eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen Moin amüsante Anekdoten erzählt, zum Beispiel, wie Khomeiny und andere Kleriker vom Treiben an einem Strand in der Nähe Istanbuls völlig entsetzt waren. 1965 wurde Khomeiny auf Betreiben des iranischen Geheimdiensts weitergeschickt und in die irakische schiitische Gelehrtenstadt Najaf verbannt. Das iranische Regime versprach sich davon, dass Khomeiny dort unter den unzähligen anderen Gelehrten zur quantité négligeable würde.

Politisches Symbol auch für Säkularisten

Khomeiny hielt sich in dieser Zeit mit politischen Aussagen zurück. Doch er unterrichtete, schrieb theologisch-juristische Werke und stand in Kontakt mit vielen Landsleuten, die ihn besuchten. In dieser Zeit arbeitete er auch sein Konzept eines islamischen Staats aus, der unter der «Führerschaft des Rechtsgelehrten» stehen sollte (Velayat-e faqih). Obwohl er seine politischen Ansichten im Prinzip offengelegt hatte, genoss Khomeiny auch unter liberalen, gemässigten und linksgerichteten Oppositionellen in Iran ein hohes Ansehen, weil es selten genug jemand wagte, öffentlich gegen den Schah Stellung zu beziehen.

Die Unzufriedenheit in Iran wuchs weiter, und unzählige politische Grüppchen aller Schattierungen bereiteten den Boden für eine Revolution gegen den Schah. Nach der Flucht des Schahs kehrte der 77jährige Khomeiny im Februar 1979 im Triumph zum erstenmal seit 1964 wieder in seine Heimat zurück. Als geschickter Taktierer und Politiker stellte er sich sofort an die Spitze der Revolution, die er vorerst noch in einer breiten Koalition mit anderen Parteien führte. Er galt als Symbol für die Heilserwartung der Massen, so dass er als grosse Ausnahme den Ehrentitel Imam bekam &endash; einen sehr aufgeladenen Begriff, den die Schia sonst nur für die zwölf Imame der Frühzeit gebraucht. Khomeiny gewann schnell die Unterstützung des Militärs, das in den bürgerkriegsähnlichen Zuständen in den ersten Monaten der Revolution sehr wichtig blieb. Die Liberalen, die Linken und die gemässigten Religiösen sahen sich schon bald ausmanövriert, denn Khomeiny hatte seine eigene, weiterreichende Vision, die er nun umzusetzen begann.

Die Revolution frisst ihre Kinder

Im drohenden Bürgerkrieg und im Krieg gegen Saddam Hussein stärkte Khomeiny seine Macht weiter. Als Vali-ye faqih (auf deutsch meist als «Herrschender Gottesgelehrter» oder «Revolutionsführer» umschrieben) übte er zwar kein eigentliches politisches Amt aus, stand indessen explizit über dem Gesetz und glaubte sich nur Gott unterstellt. Er behielt die Fäden im Hintergrund in der Hand und fällte die wichtigsten Entscheide allein &endash; im «Dialog» mit sich selbst und mit Gott. So sorgte er (widerwillig) für das Ende des Golfkriegs, für die Absetzung des gemässigten, als sein Nachfolger vorgesehenen Ayatollahs Montazeri und für die Fatwa gegen den Schriftsteller Salman Rushdie (die übrigens nicht widerrufen, sondern nur von einem nach Charisma und Anhängerschaft vergleichbaren Ayatollah überstimmt werden kann).

Auch in späteren Jahren, mitten im Krieg, schrieb Khomeiny Traktate zu mystischen Problemen und traditionelle persische Gedichte. Wahrscheinlich glaubte er selbst, dass er die oberste Stufe auf dem Weg eines Mystikers zur Vereinigung mit Gott erreicht habe, gab dies mit Rücksicht auf orthodoxe Theologen aber nie öffentlich zu. Das erklärt auch die Arroganz von Khomeinys Macht: Er schreckte nicht davor zurück, Tausende von Menschen hinzurichten, die sich gegen seinen Willen &endash; den Willen eines der höchsten Geistlichen des Landes und eines weit fortgeschrittenen Mystikers &endash; gestellt hatten, denn dadurch hätten sie schliesslich direkt den Zorn Gottes erweckt!

Staat mit Khomeinys Charisma verbunden

Als Khomeiny im Juni 1989 starb, kam die grösste Prüfung für den islamischen Staat: Er hatte ohne seine charismatische Heilsfigur auszukommen. Dass nicht abschliessend geklärt werden konnte, wie der Staat fortan zu organisieren sei, zeigt der gegenwärtig tobende Kulturkampf in Iran eindrücklich. Der islamische Staat nach schiitischem Muster kann nämlich &endash; im Unterschied zu einem sunnitischen Modell &endash; sehr stark von den Rechtsgelehrten weiterentwickelt und neu interpretiert werden. Die Hauptrollen im heutigen intellektuellen und politischen Spiel um diese Neuausrichtung spielen der ehemalige Präsident Rafsanjani, der «Herrschende Gottesgelehrte» Khamenei als direkter Nachfolger in Khomeinys Position und der amtierende Präsident Khatami.

 

Baqer Moin: Khomeini &endash; Life of the Ayatollah. I. B. Tauris, London 1999. 350 S., £ 24.95; Fr. 71.20.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 14.10.1999

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