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Letztzeitfülle

Hans Urs von Balthasar in einer neuen Studienausgabe

Von Iso Camartin

Man muss sich das einmal vorstellen: ein gerade 20 Jahre junger Mann macht sich ans Ganze und ans Letzte. Und ziemlich sicher damit auch ans Schwierigste. – Käme heute ein Doktorand zu einem Professor mit dem Wunsch, als Dissertation gleich eine «Geschichte des eschatologischen Problems in der modernen deutschen Literatur» schreiben zu wollen, wäre die Reaktion im besten Fall freundlich warnend. Gemach, gemach, junger Mann! Den Jüngling ziert Bescheidenheit! Hans Urs von Balthasar hätte diesem Rückpfiff den Spruch Goethes entgegenhalten können: «Nur die Lumpe sind bescheiden, Brave freuen sich der Tat!» Er hätte es so vermutlich nicht gesagt, denn er war Autoritäten gegenüber kein Rebell des auftrumpfenden Wortes. Getan aber hätte er jedenfalls, was er ohnehin vorhatte. Kein Professor der Welt hätte ihn herunterzuschrauben vermocht auf weniger riskante und überschaubarere Unternehmungen. Wer Schwierigstes will, muss die Gewissheit schon in sich selbst haben, dass er es schafft.

Das Projekt war – selbst wenn man den Begriff «moderne Literatur» eng fassen wollte – vom Material her uferlos und vom Problem her ein Abgrund. Robert Faesi, liberaler Germanist und Gelehrter, erwies sich aber als offen genug, um seinen philosophisch und literarisch begabten Letztzeitstürmer nicht unnötig zu bremsen. Er liess ihn arbeiten. Nicht in einem vorgegebenen und umschriebenen Korpus, sondern gemäss der Forscherlust und Entdeckerlaune des angehenden Akademikers. 1930 – Balthasar war inzwischen 25 – legte der Doktorand eine Dissertation vor, die er als Bruchstück einer umfänglicheren Untersuchung bezeichnete. Er äusserte die Hoffnung, in «absehbarer Zeit» die gesamte Arbeit publizieren zu können. So kam es denn auch. Der erste Band des Riesenwerks, das den definitiven Titel «Apokalypse der deutschen Seele – Studien zu einer Lehre von letzten Haltungen» tragen sollte, erschien 1937. Band 2 und Band 3 folgten 1939. Insgesamt über 1600 Druckseiten Endzeitlehre aus philosophischer, literarischer und theologischer Sicht.

«DEUTSCHE SEELE»

Dank der von Alois M. Haas geleiteten Studienausgabe lässt sich jetzt verfolgen, wie jemand eine schon beachtliche Dissertation durch Fleiss und noch mehr durch Mut im denkerischen Zugriff zu einem Erkundungsgelände macht für eine zentrale Frage christlicher Existenz. Diese Frage lautet: Wie können wir uns das Ende, die Offenbarung, das Noch-Ausstehende denken und vorstellen, wenn wir uns dabei der Mittel der Philosophie, der Theologie und der deutenden Literaturwissenschaft bedienen? Der Titel «Apokalypse der deutschen Seele» klingt heute – und klang vermutlich schon damals – ziemlich missverständlich. Es geht hier weder um Enthüllungen des deutschen Wesens (woran man bei der Jahreszahl 1939 unwillkürlich denkt) noch um traditionelle katholische Seelenlehre. Es geht vielmehr um Letzthaltungen, sofern diese in der deutschen Geistesgeschichte, zumal in der deutschsprachigen Literatur, als «Spiegel und Ausdruck» eines Selbstverständnisses angesichts jener Grenze greifbar werden, die wir als Tod, Jenseits oder Zukunft des Menschen bezeichnen. Es ist im Grunde eine christliche Existenz-Theologie, die sich bild- und ideensüchtig mit Einfühlung und Kompetenz der grossen deutschsprachigen Literatur und Philosophie zuwendet.

Was Balthasar mit einer ästhetischen Leidenschaft versucht, die man bei keinem anderen katholischen Theologen unseres Jahrhunderts antreffen dürfte, ist eine philosophisch-literarische Basiserweiterung für eine moderne christliche Existenz. Das mag man begrüssen oder als illegitime Indienstnahme von Kunst durch Religion verwerfen. Nur muss man dabei bedenken, dass niemand verpflichtet werden kann, sich mit dem abzufinden und zufriedenzugeben, was die Tradition an Denkvorstellungen und an Bewältigungsversuchen zu einer vom Geheimnis umhüllten Daseinsfrage bereitstellt. Die Neugierde und die Lust, besser als anhin etwas zu begreifen, das für das eigene Leben zentral ist, befällt nicht nur den Naturwissenschafter. Sie steht auch einem angehenden Theologen zu, der die im Lauf der Zeit verfestigten, zum Schema und zur Formel geronnenen Einsichten der Vorgänger dynamisieren möchte. So kann er vielleicht eine neue Art von Licht in die Dunkelzonen der Existenz bringen, die den Denkenden beunruhigen und zur Klärung locken.

Man darf von Balthasars Jugendschriften sagen, dass sie auf der Suche nach einer neuen Sprache sind für die Anziehungskraft einer im Glauben zentrierten Existenz. Die von ihm entfaltete «Literaturtheologie» ist kein ideologischer Angriff und Übergriff auf die Poesie. Aber sie ist ein Versuch, der Vorstellungsarmut und der Konventionalität des Denkens im Feld sowohl der spekulativen wie einer spezifisch christlichen Eschatologie gleichsam mit poetischer Munition den Garaus zu machen.

In einem äusserst informativen Geleitwort zeichnet der Herausgeber die Rezeptionsgeschichte von Balthasars «Apokalypse der deutschen Seele» nach. Externe Missverständnisse wie internes Unverständnis gegenüber einem solchen theologisch-poetologischen Neuansatz im Verstehen der «letzten Dinge» waren geradezu programmiert. Respekt vor der Belesenheit wie vor der synthetisierenden Kraft seines Denkens: ja, das konnte man diesem Mammutwerk und seinem Verfasser allenfalls noch entgegenbringen. Doch Verständnis für diesen Akt denkerischer Erneuerung oder gar Einfühlung in die Intensität, mit welcher ein junger Theologe hier Himmel und Hölle, Tod und Gericht, Pein und Glückseligkeit nach dem Ende der Zeiten neu zu bebildern suchte, das war schon weniger leicht anzutreffen.

Nicht weiter verwundert, dass für germanistische Grenzwächter und laizistische Fundamentalisten diese Arbeit von Anbeginn ein illegitimer Überfall auf fremdes Territorium sein musste. Es mag heute noch Menschen geben, die den hochgemuten Versuch, erzählende Eschatologie in eine «existentielle» umschlagen zu lassen, für katholischen Hokuspokus halten. An einer Sache kann es freilich keinen Zweifel geben: Hier rang einer mit Gott und mit der Welt, um vielleicht doch noch die Sprache für ein Daseinsrätsel zu finden, dessen definitive Klärung der individuelle Tod des Subjekts letztlich verhindert.

Die Wegstrecke, die Hans Urs von Balthasar uns durch die Geschichte der Philosophie und der Dichtkunst führt, ist weit. Die Vorgeschichte seiner Lehre von «letzten Haltungen» lässt er im Mittelalter beginnen und setzt sie im Schnellgang durch die Jahrhunderte fort zu einigen Einstiegsfiguren (Lessing, Herder, Kant, Schiller). Erster Kernbereich der Auseinandersetzung ist der deutsche Idealismus in seinen grössten philosophisch- literarischen Gestalten. In der Argumentation ist eine Doppelstrategie erkennbar: in den Vorbezirken der Untersuchung ist die Debatte thesenartig-summarisch. Es kommt einem manchmal vor, als wohne man einer philosophisch-theologischen Fechtübung bei, bei der das Repertoire verschiedener Schlagabtauschregeln vorgeführt wird.

Die eigentlichen Werkauseinandersetzungen sind es erst, bei denen wir von Balthasars hermeneutische Künste entdecken und erfahren können. Meine Vermutung ist es, dass sich heute selbst in Theologenkreisen schwer noch Leserinnen und Leser finden dürften, die sich mit systematischer Inbrunst und spekulativer Phantasie einer Von-A-bis-Z-Lektüre dieses eschatologischen Riesenwerks unterziehen werden. Wahrscheinlicher ist es schon, dass jemand figurenorientiert das Gesamtopus durchsuchen will, neugierig auf die apokalyptischen Dimensionen eines Novalis, eines Hölderlin, eines Jean Paul.

BERGWERK

Der systematische Aspekt des Werks – für Hans Urs von Balthasar damals sicher von zentraler Bedeutung – mag heute weniger attraktiv erscheinen als die literarischen Einzelanalysen. Ich gestehe beschämt, dass auch ich die «Apokalypse der deutschen Seele» als ein Bergwerk und Minenfeld vergrabener Einsichten benütze. Der ideengeschichtliche Zusammenhang unter christlichem Dach, der wichtig wäre, um von Balthasars Leistung angemessen einzuschätzen und zu würdigen, interessiert die meisten von uns heute ja weniger, als die konkreten Deutungen der von ihm ausgewählten Text interessieren. Während die Auseinandersetzung mit Nietzsche und Dostojewski immer noch eine wachsende Sogkraft entfaltet, gibt es philosophische Debatten, die uns eher als zeitbedingte katholische Gebiets- und Flurbereinigungen erscheinen mögen. Jemand kann womöglich auf die Husserl- oder die Scheler-Debatte leicht verzichten, wird sich aber fasziniert dem Heidegger-Rilke-Kapitel zuwenden.

Nicht für jeden und jede, aber für viele ist bei Hans Urs von Balthasar etwas zu holen. Diese partikular-konsumistische Annäherung an Eschatologie unter Aussparung des letzten Gedankenbogens, wie alles ineinandergreift und zueinanderstrebt, darf man heutigen Lesenden und Suchenden nicht verübeln. Schliesslich kann man nicht gleichzeitig und mit gleich starkem Erkenntnisinteresse dem Prometheus und dem Dionysos nachlaufen. Was beim Autor eine über ein Jahrzehnt dauernde Lese-, Denk- und Schreibanstrengung verlangte, kann auch vom Adressaten nicht im Schnellverfahren angemessen bewältigt werden. Darum sind selektive und approximative Annäherungen an die Balthasarsche Eschatologie nicht nur unvermeidlich, in meinen Augen sind sie sogar wünschbar. Auch hier mag die Urformel dieses Denkers Anwendung finden: das Ganze im Fragment.

Nicht abstrakte Spekulation über die Fatalität und die Glücksaussichten des Endes entschädigen den Leser am meisten. Was ihn reich macht bei der Lektüre dieses Werks, sind die Bildfülle, der Vorstellungsüberfluss, der Erscheinungsreichtum, mit denen grosse Dichter und Denker die Grenze zum Jenseitigen ausgestattet haben. Wer sich darüber ärgert, dass hier ein entschiedener Christ und uneingeschüchterter Katholik zielsicher Gottesleugner, Schönheitsanbeter, Dogmenhasser und Systemüberwinder ästhetisch und theologisch plündert und ausbeutet, der soll nur in sich schauen und dabei bedenken, wie interessengeleitet doch sein eigenes Sehen und Erkennen bleibt. Man weiss, dass Hans Urs von Balthasar keineswegs nur den germanischen Poesieraum theologisch nutzbringend gedeutet hat. Er war auch ein Sohn französischer Denkungsart und überzeugter Anhänger eines universellen «renouveau catholique». Autoren wie Bloy, Bernanos und Péguy haben ihn später nicht weniger interessiert als Schriftsteller deutscher Zunge.

Als ich Gymnasiast war, schenkte jemand mir ein Buch, das «Das sanfte Erbarmen» hiess. Es handelte sich um Briefe von Georges Bernanos. Im Innern stand: «Auswahl und Übertragung von Hans Urs von Balthasar». Das Bändchen wurde auf Grund bestimmter Sätze, die sich darin finden, zu einer Schockerfahrung. Zum Beispiel schrieb Bernanos an die Tochter eines Freundes: «Ich bin, was euer aller Freundschaft will, dass ich sei.» Bis zum heutigen Tag denke ich darüber nach, ob dies ein vernünftiger Satz ist. Und bis zum heutigen Tag halte ich Hans Urs von Balthasar für einen der besten Überbringer lebensverändernder Sätze.

 

Die Studienausgabe Hans Urs von Balthasar (Herausgeber Alois M. Haas) ist im Johannes-Verlag, Einsiedeln/Freiburg, erschienen und besteht aus folgenden Schriften:

1. Die Entwicklung der musikalischen Idee – Versuch einer Synthese der Musik (1925) – Bekenntnis zu Mozart (1955). 63 S., Fr. 18.–.

2. Geschichte des eschatologischen Problems in der modernen deutschen Literatur (Diss. Zürich 1930). 270 S., Fr. 35.–.

3. Apokalypse der deutschen Seele – Studien zu einer Lehre von letzten Haltungen. Bd. I: Der deutsche Idealismus (1937); Bd. II: Im Zeichen Nietzsches (1939); Bd. III: Vergöttlichung des Todes (1939). 1613 S., Fr. 187.–.

4. Von den Aufgaben der katholischen Philosophie in der Zeit (1946). 79 S., Fr. 22.–.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 16.10.1999

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