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Die Deutschen und das Glück der «zweiten Chance»

Der Historiker Fritz Stern erhält den Friedenspreis des deutschen Buchhandels

Von Norbert Frei

Er hat einen ausgeprägten Sinn für das moralisch Bewegende; und er leistet – als Historiker wie auch in öffentlicher Rede – Dolmetscherdienste für Deutschland: für das Land, aus dem er 1938 fliehen musste. – Am Sonntag wird Fritz Stern in der Frankfurter Paulskirche der Friedenspreis des deutschen Buchhandels verliehen.

Die Szene spielt im Sommer 1954 in Berlin, zehn Jahre nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler: In einer Gedenkstunde im Hof des Bendlerblocks bekennt sich die politische Klasse der jungen Bundesrepublik zu Claus Graf Stauffenberg und seinen Mitverschwörern. Bundespräsident Theodor Heuss hält eine Grundsatzrede, denn noch ist das Vermächtnis des 20. Juli in Deutschland alles andere als unumstritten, macht das fatale Wort von den «Eidbrechern» nicht nur an Stammtischen nach wie vor die Runde. Kein Wunder also, dass der junge Historiker aus Amerika, der gerade zu Gast ist an der Freien Universität, diesen Staatsakt miterleben möchte; er mischt sich unter das Publikum und beobachtet vor allem die «Gesichter der Hinterbliebenen». Drei Jahrzehnte später bekennt der Assistenzprofessor von damals, längst ein berühmter Mann: «In Erinnerung an das, was die Märtyrer darstellten, hat sich meine eigene Auffassung über Deutschland und über unsere Vergangenheit geändert.»

Der Satz, wie beiläufig eingeflochten in einen grossen Essay über den «Nationalsozialismus als Versuchung», ist charakteristisch für Fritz Stern: Sehr früh schon, zu Beginn seines Forscherlebens, brachte er die Kraft auf, für sich persönlich den Deutschen eine «zweite Chance» einzuräumen. Der darin aufscheinende Wille, das illusionslose Studium der Vergangenheit mit grosszügigem Vertrauen auf die Zukunft zu verbinden, prägt seitdem all sein Nachdenken über Deutschland.

EMIGRATION

Gut möglich, dass Sterns so ganz besonderes Talent im Umgang mit den Deutschen und der deutschen Geschichte auch ein wenig zurückgeht auf jene nonchalante Neugier, mit der sich der Teenager die Neue Welt erschloss, als 1938, ein paar Wochen bevor die Synagogen brannten, für ihn und seine dem jüdischen Grossbürgertum entstammenden Eltern in Deutschland kein Bleiben mehr war. Sterns Erinnerung an die Tränen des Vaters jedenfalls vermittelt nicht nur eine Ahnung von der Dramatik des Abschieds, sondern auch von den Unterschieden in den Empfindungen der Generationen: «Es war ein einmaliger Ausbruch von Gefühlen, Trauer um eine zerstörte Vergangenheit, Sorge um eine Zukunft voller Ungewissheit. Ich allerdings als Zwölfjähriger empfand nichts als Freude – Freude, den Gemeinheiten jener Zeit zu entrinnen.»

Wirklich los wurde man Hitler-Deutschland freilich auch als Emigrant in den USA nicht; die ständig weiter sich verschärfende antijüdische Politik des Regimes, das Schicksal der im nationalsozialistischen Machtbereich verbliebenen Verwandten, das quälende Warten auf den Kriegseintritt der Vereinigten Staaten, schliesslich dann die Gewissheit über Auschwitz und die «Judenvernichtung» – Fritz Sterns Schulzeit und die Collegejahre in New York lagen im Schatten des deutschen Zivilisationsbruchs. Seine Entscheidung für ein Studium der Geschichte war deshalb wohl keine Wahl, die sich gegen das Vorbild des verehrten Patenonkels Fritz Haber, gegen den Rat des im Sommer 1944 in Begleitung der Mutter (einer promovierten Physikerin) konsultierten Mit-Emigranten Albert Einstein oder gegen die Mediziner-Tradition der Familie (Vater, Grossväter und alle vier Urgrossväter waren Ärzte) richtete; sie war vielmehr die Konsequenz aus den sich aufdrängenden Fragen an die Gegenwart.

Die Suche nach den tieferen Ursachen jener «deutschen Katastrophe», welche die Historiker der älteren Generation (und zwar nicht nur die in mehr oder weniger klarer Dissidenz im Lande Gebliebenen wie Friedrich Meinecke, sondern auch viele derer, die durch ihre «nichtarische Abkunft» in die Emigration gezwungen worden waren) eher konstatierten als erforschten: bald schon, Anfang der fünfziger Jahre, wurde dies die Aufgabe der Jungen. Fritz Stern gehörte zu dem kleinen Zirkel hoch motivierter und nicht minder hoch begabter Nachwuchskräfte auf beiden Seiten des Atlantiks, die sich dieser Herausforderung stellten. Aus dezidiert kritisch-liberaler Perspektive entwickelte er eine moderne Ideengeschichte des politischen Ressentiments in Deutschland, ohne sich in den Aporien der damals populären Sonderwegsthese zu verlieren.

Sterns erstes Buch, hervorgegangen aus seiner 1953 von der Columbia University angenommenen Dissertation, wurde schlagartig berühmt. «The Politics of Cultural Despair» (1961), eine subtile wirkungsgeschichtliche Studie über Paul de Lagarde, Julius Langbehn und Arthur Moeller van den Bruck, drei Vertreter jenes völkisch-nationalen Irrationalismus, der gewiss nicht zwangsläufig, aber genausowenig zufällig ins «Dritte Reich» gemündet war, erschien zwei Jahre später auch in der Bundesrepublik. Der deutsche Titel war von jenem pädagogischen Charme, zu dem sich die junge, um ihre akademische Anerkennung durchaus noch ringende Disziplin der Zeitgeschichte mit ebenso berechtigtem wie trotzigem Selbstbewusstsein bekannte: «Kulturpessimismus als politische Gefahr». Zusammen mit Kurt Sontheimers fast gleichzeitig veröffentlichter Habilitationsschrift über «Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik», und wie diese schliesslich als Taschenbuch erhältlich, leistete Sterns Darstellung an Generationen von Studenten geistesgeschichtlichen Aufklärungsdienst.

«GOLD UND EISEN»

Als eminenter Historiker also schon seit den sechziger Jahren international geachtet, im transatlantischen Wissenschaftsaustausch nach vielen Seiten hin Kontakte haltend und Freundschaften pflegend, wurde Fritz Stern einer breiteren Öffentlichkeit in Deutschland doch erst mit seiner monumentalen Arbeit über Bismarck und dessen Bankier Bleichröder bekannt. «Gold and Iron», nach langjährigen Archivstudien 1977 in den USA erschienen und bereits im Jahr darauf übersetzt, ist eine fulminante Charakter- und preussisch- jüdische Beziehungsstudie. Golo Mann pries das Buch in dieser Zeitung damals als «eines der bedeutendsten historischen Werke unserer Jahrzehnte»; heute darf man es zu den Meisterwerken der Geschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts rechnen. Die Intensität und psychologische Genauigkeit, mit der Stern das weithin verdeckte, vertrackte und vielschichtige Verhältnis zwischen dem Kanzler und seinem «Hofjuden» ausleuchtet und zugleich nach der überindividuellen Bedeutung dieses Verhältnisses fragt, macht die Darstellung zu einer Doppelbiographie von unerreichter Feinheit.

Die Dialektik von Emanzipation und Assimilation, von erhoffter deutsch-jüdischer Symbiose und sich verhärtendem Antisemitismus, die «Gold und Eisen» auf faszinierende, oft anrührende Weise beleuchtet: es ist wohl nicht zuviel gesagt, dass der Historiker Stern darin sein Lebensthema gefunden hat. Dafür sprechen auch jene herausragenden Essays zur deutsch-jüdischen Beziehungsgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert, die er dem grossen Werk, es gleichsam perspektivisch ergänzend, seitdem zur Seite gestellt hat – so etwa einfühlsame Porträts von Fritz Haber, Albert Einstein und Paul Ehrlich.

Mit Blick auf die Genannten und die Blüte der Naturwissenschaften im Deutschland der Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg hat Stern das Wort von der «zweiten Geniezeit» geprägt, die er in einem engen Zusammenhang mit dem einzigartigen Aufstieg des deutschen Judentums sieht. Und in einer Nachschrift zu «Gold und Eisen», gewidmet dem Lehrer und «bewunderten Freund» Lionel Trilling, hat er daran aufschlussreiche Überlegungen geknüpft, die seine geschichts- und wissenschaftspolitischen Beweggründe offenlegen: Stern ging und geht es darum, «dass der ganze Verlauf der deutschen Geschichte nicht länger prinzipiell aus der Perspektive von 1945 gesehen werden sollte, das heisst von der Katastrophe ausgehend rückwärts, mit der unvermeidbaren Konsequenz, dass man jenen Strängen, die das Unheil vorbereiteten, besondere Aufmerksamkeit widmet und die anderen vernachlässigt, sondern von einer besonderen Vergangenheit vorwärts, mit all ihren Unsicherheiten, Sehnsüchten und Illusionen».

Bezogen auf die jüdische Erfahrung mit den Deutschen bedeutet dies ein Plädoyer gegen historiographische Verkürzungen und eine «sogenannte weinerliche Tradition jüdischer Geschichtsschreibung», sei es in der Darstellung der «‹jüdischen Beiträge› zur deutschen Kultur», der «unerwiderten Liebe, die die Juden den Deutschen entgegenbrachten» oder des «Märtyrertums» des Holocaust. Statt dessen gelte es, die Geschichte des deutschen Judentums, die so «gross begonnen» hatte, als eine «eigenartige Strömung» zu betrachten, «die sich aus vielen Bächen innerhalb des breiteren deutschen Stromes zusammensetzte». Gewiss sei das ein «schwieriges Studienobjekt, weil die deutschen Juden ihre formale Integration in die deutsche Gesellschaft anstrebten» und dadurch «viel von dem, was man gemeinhin als Wesen des deutsch- jüdischen Lebens betrachtet, unausgesprochen und unerkannt» blieb. Gleichwohl müsse die Erforschung – sozusagen durch die aus der späteren Entwicklung entstandene Überladung mit «Schuldgefühlen und Unbehagen» hindurch – vorangetrieben werden: «um etwas von der Denkweise und den Gefühlen dieser Gemeinschaft aufzudecken, denn sie geben Aufschluss über die Sozialgeschichte des modernen Bewusstseins».

Aus dieser nur selten solchermassen explizierten, um so mehr aber in glänzenden Vorträgen praktizierten Position heraus hat sich Fritz Stern seit den frühen achtziger Jahren stärker der NS- Zeit zugewandt. Mag dem ein Zögern aus persönlicher Betroffenheit vorausgegangen sein, so beeindrucken diese Arbeiten nicht zuletzt durch das konsequente Bemühen um Empathie auch für die von Hitler faszinierten Zeitgenossen der zwanziger und dreissiger Jahre. Für viele Deutsche, so Stern, habe der Weg zum Nationalsozialismus durch «eine Wüste persönlicher und kollektiver Ängste und Ressentiments» geführt. Vor diesem Hintergrund habe die Versuchung, an «Hitler als Erlöser» zu glauben, es ihnen leicht gemacht, «das Ominöse, radikal Böse im Nationalsozialismus zu übersehen, zu entschuldigen».

«POPULARITÄT»

Immer wieder finden sich in diesen Texten Passagen, deren Eindringlichkeit wohl auf Beobachtungen beruht, die Stern noch als Knabe in Deutschland machen konnte. So seine Formulierung vom «terroristischen Idealismus der Hitlerbewegung», so auch seine Erläuterungen zur Fähigkeit des Wegschauens im «Dritten Reich»: «Manches glaubte man nicht, man fesselte sich an das, was einen besonders beeindruckte oder was not tat, und nahm das Allgemeine, das Versprechen einer starken nationalen Volksgemeinschaft, als das Gemeingültige, als den Kern der Verheissung.» Mit unziemlicher Nachsicht hat solche Einfühlung nichts zu tun; zumal die Frage nach der spezifischen Verantwortung der deutschen Eliten verliert Stern nie aus dem Blick, das zeigt jetzt auch wieder der Leitaufsatz in seinem neuen Essayband «Das feine Schweigen». Und eigentlich stets widmet Stern, seiner Neigung zur intellectual history folgend, den Repräsentanten des geistigen Lebens und ihrem Verhalten im «Dritten Reich» besonderes Augenmerk, zum Beispiel auch der anfänglichen Ambivalenz eines Thomas Mann.

Sterns Fähigkeit, auf die im Abstand eines halben Jahrhunderts keineswegs schwächer, sondern eher drängender gewordenen Fragen an die Geschichte des «Dritten Reiches» mit einem ausgeprägten Sinn für das moralisch Bewegende sich einzulassen, hat ihn in Deutschland in den letzten beiden Jahrzehnten zu einem der populärsten, vielleicht sogar zum beliebtesten Historiker gemacht. Seine Essays werden gelesen, seine Stimme wird gerne gehört – und zwar von einem jungen Publikum nicht weniger als von seinen Generationsgenossen.

So kann es nicht überraschen, dass der Historiker häufig auch als Interpret der Gegenwart und als Ratgeber der Mächtigen gefragt ist. Mit seiner Rede im Bundestag zum «Tag der deutschen Einheit» 1987 schrieb Stern sich in die Herzen vieler ein, aber auch in das Gedächtnis der Nation: indem er der Legende glasklar widersprach, der 17. Juni 1953 sei ein «Aufstand für die Wiedervereinigung» gewesen, den Protest der Ostberliner Arbeiter zugleich aber als Zeugnis für das «immer wiederkehrende Verlangen von Deutschen nach Freiheit» pries und als einen jener «grossen Momente, in denen Menschen sich gegen Gewalt und Unmenschlichkeit gewehrt haben»; indem er an die Revolution von 1848 und an Ferdinand Freiligrath erinnerte, bewegend und bewegt aus dessen Gedichten zitierte – und der politischen Klasse im Jahr nach dem «Historikerstreit» unmissverständlich erklärte, das Ausland betrachte die in der Bundesrepublik geführte «Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit als eine Art Seismograph für das deutsche Bewusstsein überhaupt. Die Vergangenheit verblasst, aber sie vergeht nicht und soll auch nicht vergehen.» Es bleibe, so Stern damals, «ein Hauch von Sorge um dieses Land, um seine Macht und seine politische Verantwortung». Pflicht der politischen Führung sei es deshalb, die zur Grundlage des Erfolgs der Bundesrepublik gewordene «Bekehrung zu Europa und die Versöhnung mit dem Westen» aufrechtzuerhalten.

Gut zwei Jahre später dann, eine friedliche Revolution war durch Europa gegangen, und die beiden deutschen Nachkriegsstaaten waren auf dem Weg zur Einheit, half Fritz Stern in öffentlicher Rede, mehr aber noch im stillen dazu, dass die Deutschen ihre «zweite Chance» vollenden konnten, die nach 1945 nur im Westen bestand. Als die britische Premierministerin Margaret Thatcher, wie Frankreichs Staatspräsident François Mitterrand alarmiert von der sich abzeichnenden deutschen Vereinigung, im März 1990 eine illustre Professorenrunde auf den Landsitz Chequers einlud, um sich ihre Vorbehalte gegen die Deutschen historisch untermauern zu lassen, hielten Stern und seine Kollegen dagegen: Nach vier Jahrzehnten Bundesrepublik könne und müsse man der Festigkeit ihrer demokratischen Institutionen und ihren Bürgern vertrauen.

DOLMETSCHER

Dolmetscherdienste dieser Art leistet der Amerikaner Stern («Ich komme aus einem Deutschland, das nicht mehr existiert und nie wieder existieren wird») freilich nicht nur bei den skeptischen Nachbarn der Deutschen in Ost und West, sondern in wachsendem Masse auch zu Hause. Denn als Vertreter der letzten Emigrantengeneration ist er sich bewusst, dass nur noch wenige seiner Landsleute wie er aus eigener Anschauung «five Germanies» kennen, beginnend mit den Kinderjahren in der Weimarer Republik. Deshalb war es auch nur folgerichtig, dass er sich 1993 dem neuen amerikanischen Botschafter in Bonn, seinem Freund Richard Holbrook, als Berater zur Verfügung stellte.

Natürlich blieb Stern in Deutschland präsent, als der Botschafter nach drei Jahren wechselte, und seit seiner Emeritierung im Januar 1997 – Stern lehrte ein Leben lang an seiner Alma mater in New York, unterbrochen nur durch eine Reihe bedeutender Gastprofessuren – sieht man ihn glücklicherweise noch öfters. Nicht zuletzt die Entgegennahme von Ehrungen und Preisen ist es, die Fritz Stern jetzt immer wieder in sein Geburtsland führt, und bisher noch jede seiner Dankesreden hat hohe Aufmerksamkeit gefunden. In der Frankfurter Paulskirche wird das nicht anders sein: Ein Wort des diesjährigen zum letztjährigen Preisträger und zu dessen erbittertem Streit mit dem unlängst verstorbenen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland steht immerhin noch aus.

Nicht ausgeschlossen, dass uns Stern bei dieser Gelegenheit auch auseinandersetzt, wie unterschiedlich Erinnerungen und vor allem Erinnerungsbedürfnisse selbst unter Generationsgenossen sich ausnehmen können und zu entwickeln vermögen: die des im März 1927 in Wasserburg am Bodensee zur Welt gekommenen Martin Walser, die des zwei Monate früher in Breslau geborenen Ignatz Bubis – und die des Fritz Stern, Jahrgang 1926 und ebenfalls aus Breslau.

 

 

© Neue Zürcher Zeitung - 16.10.1999

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