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Liberale Lehrstunde

Fritz Stern erhielt den Friedenspreis

Die Erwartung gab es, aber Fritz Richard Stern hat sie unerfüllt gelassen. Mit keinem Wort erwähnte der diesjährige Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels seinen Vorgänger Martin Walser, als er gestern Sonntag in der Frankfurter Paulskirche seine Dankesrede hielt. Jede Stellungnahme zu Walsers Rede und dem daraus erwachsenden Disput mit Ignatz Bubis unterblieb. Jede Stellungnahme? Stern hat sehr wohl die gleichen Themen, das Verhältnis von Deutschen und Juden und ihre Geschichte, ja er bedient sich sogar eines ähnlichen Vokabulars wie Martin Walser, wenn er eine «Instrumentalisierung des Holocausts» attackiert oder davon spricht, wir lebten heute «im Zeichen einer Erinnerungskultur», in der persönliches Gedenken mit «öffentlicher ritualisierter Erinnerung» einhergeht.

Jedoch fehlt der durchaus zupackenden Rhetorik des Historikers Stern die aggressive Verve des Schriftstellers Walser, das Schillernd-Anstössige, die Einladung zum Missverständnis. Fritz Stern hat gestern in Frankfurt eine dezidiert politische, engagierte und überaus klare Rede gehalten. Es dürfte unmöglich sein, sie zu skandalisieren. Eine Debatte wird ausbleiben. Nichts anderes freilich hatten die Auguren erwartet.

«Er hat dem Frieden gedient, indem er die Brücken des Verständnisses zwischen den Zeiten und den Völkern errichtete, und hat die stets umstrittene Präsenz der Juden in der deutschen Politik und Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft in seinem Lebenswerk ausgewogen dargestellt», begründet der Börsenverein des Deutschen Buchhandels seine Entscheidung. Nach dem amerikanischen Diplomaten George F. Kennan, der den Friedenspreis 1982 erhielt, ist Fritz Stern der zweite Historiker, dem diese Ehre zuteil wird. Und wenn am Ursprung des Preises die Idee stand, Menschen aus dem Ausland zu ehren, die nach dem Zweiten Weltkrieg bereit waren, sich mit den Deutschen zu versöhnen, so wird Sterns Würdigung dieser Ursprungsidee in ausgezeichneter Weise gerecht: Nach Kräften hat der gebürtige Breslauer und Jude, der als Zwölfjähriger mit seinen Eltern vor den Nazis in die USA flüchten konnte, versöhnend gewirkt: als ausländische Stimme von Gewicht, als Historiker, mehr noch aber wohl als politischer Berater der Mächtigen und als Kommentator des Zeitgeschehens. Stern sei ein Historiker, «der auf besondere Weise teilnimmt», brachte Bronislaw Geremek gestern die Qualitäten des Geehrten auf den Punkt: «Er möchte verstehen, aber nicht rechtfertigen.»

Polens Aussenminister, Historiker wie Stern und Laudator auf dessen Wunsch, zeichnete in seiner Laudation das Bild eines Wahrheitssuchers, der als «Historiker der Selbstzerstörung Deutschlands» begann, der wie François Furet die «antibourgeoise Leidenschaft» zur Zeit der Jahrhundertwende analysiert, die politischen Gefahren des Kulturpessimismus allerdings viel früher als sein französischer Kollege erkannt hat. Geremek erinnerte an den «Tabubruch», den Stern mit seiner Doppelbiographie über Bismarck und dessen jüdischen Bankier Bleichröder beging (ein Tabubruch, da Historiker bisher Gerson Bleichröder als Unperson behandelt und deshalb in ihren Darstellungen stets ausgeblendet hatten), und er rühmte Sterns Gabe zur Verschränkung von Personen und Geschichte, wie sie sich zumal in seinen biographischen Essays zeigt.

Stern revanchierte sich, indem er seine Rede über «Erinnerung und Historie» mit einer Laudatio auf den Laudator begann: Er nannte Geremek den «ersten grossen Historiker seit Alexis de Tocqueville, dem das Amt eines Aussenministers anvertraut worden» sei – zu Recht, da Geremek «unter Hinnahme eigener Verfolgung» zu denen gehört habe, die den friedlichen Zerfall des kommunistischen Imperiums bewirkt und Polen den Weg in ein freies Europa gewiesen hätten.

Danach folgte eine politisch-historische Lehrstunde. Erneut bekräftigte Stern sein Diktum aus dem Historikerstreit, dass Vergangenheit nicht vergehe, dass Geschichte «keinen völlig neuen Anfang», kein Ende und «auch keinen Schlussstrich» kennen kann. Der Berliner Republik sprach er sein demokratisches Vertrauen aus, rügte aber die ungute Tradition, deutsche Demokratien durch Städte zu identifizieren und so zu begrenzen: Weimar, Bonn, Berlin. Stern gab sich als Sympathisant des Nato-Einsatzes in Kosovo zu erkennen, nicht ohne allerdings für die Zukunft eine völkerrechtliche Grundlage solcher Einsätze einzuklagen. Der europäischen Einigung sprach er das Wort, warf sich für die Ostdeutschen in die Bresche, deren «unverdient» schwierigere Nachkriegsgeschichte von den westdeutschen Brüdern und Schwestern nicht hinreichend gewürdigt werde, und las der politischen Klasse die Leviten: Sie bevormunde und manipuliere, anstatt zur Selbstbestimmung zu erziehen, sie «rede zuviel und sage zuwenig».

Als Historiker besteht Stern darauf, dass Geschichte nicht allein aus der Perspektive der Gegenwart verstanden werden kann; finalistisch, als seien ihre Stationen, die Glücksfälle wie die Katastrophen, Folge einer zwangsläufigen Entwicklung. Geschichte sei offen, und weil es gilt, sie offenzuhalten, begegnet man in Stern einem bekennenden Liberalen alten Schlages. In Frankfurt gab es gestern viel Beifall, und es blieb, anders als im Vorjahr, niemand während der Ovationen sitzen.

Joachim Güntner

 

© Neue Zürcher Zeitung - 18.10.1999

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