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Drehscheibe für Informationen und Phantasien

Der Vatikan als Spionageobjekt im Zweiten Weltkrieg

Inwieweit konnte ein Kleinstaat von 44 Hektaren, der nicht direkt in die kriegerischen Auseinandersetzungen des Zweiten Weltkrieges verwickelt war, eine Zielscheibe für Spionagedienste darstellen? Doch nur, indem ihm ein hoher Stellenwert als Informationsplattform unterstellt wurde. Spekulation und Angeberei fanden hier ein ideales Terrain. Robert A. Graham, Mitherausgeber der «Actes et Documents du Saint- Siège», der offiziellen Dokumentensammlung des Vatikans im Zweiten Weltkrieg, bezog bei der Vorbereitung dieser Edition auch das Umfeld der Quellen in seine Untersuchungen ein. Ihn interessierte vor allem das Bild, das die im Vatikan akkreditierten Diplomaten von Papst und Kirche entwarfen. Es gelang ihm, Sachbehauptungen in den Berichten der Diplomaten an ihre Auftraggeber richtigzustellen. Neben der traditionellen Berichterstattung und den offiziellen Kanälen gab es noch andere, eher auf zufällige Konstellationen hin eingeschaltete Informanten. Es waren meist Abenteurer, die mit verworrenen Behauptungen das Interesse ihrer Auftraggeber lebendig zu erhalten versuchten.

Bescheidene Ausbeute

Graham ist darauf einer Reihe dieser Informanten nachgegangen und hat ihre recht verschlungenen Lebenswege und Praktiken erforscht. Er kommt in seiner Darstellung zum Ergebnis, dass das Resultat der intensiven Bespitzelung des Vatikans seitens des Deutschen Reiches recht mager war. Das hängt damit zusammen, dass die einzelnen Abteilungen in Staat und Partei einander konkurrenzierten und nicht aufeinander abgestimmte Spitzeldienste beschäftigten. Ihnen kam es nicht so sehr darauf an, ob die gelieferten Informationen stimmten, sondern ob eine Chance bestand, dass sie von einer höheren Dienststelle akzeptiert wurden, vielleicht sogar an den «Führer» gelangten. Nachrichtendienste fielen daher gerne auf Schwindler herein, die froh waren, endlich jemanden gefunden zu haben, der ihnen zuhörte und sie dafür bezahlte. Die meisten dieser Nachrichten bewegten sich auf dem Hintergrund konfuser Vorstellungen über Vatikan und Kirche: Herkömmliche Spekulationen über jesuitische Intrigen wurden angereichert durch vage Vermutungen über eine Zusammenarbeit des Vatikans mit den Alliierten; man verbreitete phantastische Behauptungen wie diejenige eines vom Papst abgesegneten missionarischen Feldzugplanes in Russland nach dem deutschen Angriff auf Russland 1941; oder man sprach 1943 von der Vermittlung eines Separatfriedens mit Italien.

Kontakt zum Widerstand

In richtiger Einschätzung, dass es im Vatikan selber undichte Stellen geben konnte, waren die Entscheidungsprozesse Pius XII. nur einem kleinen Kreis von höchstens vier oder fünf Mitarbeitern bekannt. Wie eine Ironie mutet es an, dass derjenige Nachrichtendienst die engste Verbindung mit päpstlichen Mitarbeitern anknüpfen konnte, der in Zusammenhang mit den Verschwörern gegen Hitler stand. Über den päpstlichen Beichtvater P. Leiber unterrichtete Josef Müller, der spätere Münchner Oberbürgermeister, den Papst 1939/40 über den deutschen Widerstand. Der britische Gesandte Sir d'Arcy Osborne, der privilegierten Zugang zum Papst hatte, vermittelte diese Informationen der englischen Regierung.

Ein wichtiger Ertrag der Studien von Graham ist ihr Beitrag zu Hermeneutik und kritischer Lektüre von Berichten von Diplomaten oder Nachrichtendiensten, ganz besonders in Diktaturen oder totalitären Regimen. – Eine sorgfältige Durchsicht des Manuskriptes in bezug auf deutsche Eigennamen (Marschall v. Bieberstein zum Beispiel ist ein Eigenname und bezeichnet keinen militärischen Rang) wäre dem Text nicht abträglich gewesen. Ebensosehr ist zu bedauern, dass ein biographischer Hinweis auf den 1997 verstorbenen Verfasser Graham fehlt, dessen «Vatican Diplomacy» (Princeton 1959) ein Klassiker bleibt.

Victor Conzemius

 

David Alvarez und Robert Graham S. J.: Nothing sacred. Nazi espionage against the Vatican 1939–1945. Frank Cass Publishers, London 1997. Französische Übersetzung: Papauté et espionnage nazi 1939–1945. Bauchesne, Paris 1999.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 19.10.1999

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