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Jüdische Fundamentalismen in Israel

Gegenpol zum säkularen Zionismus

Neben christlichem, islamischem und hinduistischem Fundamentalismus gibt es auch einen jüdischen. Allen Fundamentalismen ist die Vorstellung einer «goldenen Zeit» eigen, die es wiederherzustellen gelte. In der kurzen Regierungszeit Benjamin Netanyahus trat das fundamentalistische Phänomen offen zutage. Israel wurde von einer rechtsnationalistisch-fundamentalistischen Regierung geführt. Der überragende Wahlsieg Ehud Baraks hat die Brisanz des jüdischen Fundamentalismus für Beobachter Israels jedoch wieder in den Hintergrund treten lassen. Fälschlicherweise, wie die Autoren einer provokativen Publikation meinen. Für sie bedeute er weiterhin eine ernste Gefahr für den demokratischen Bestand Israels.

Ewige Gültigkeit des orthodoxen Glaubens

Jüdischer Fundamentalismus ist der Glaube, dass die jüdische Orthodoxie, die auf dem babylonischen Talmud, dem talmudischen und halachischen Schrifttum beruht, uneingeschränkt gültig ist und ewig Gültigkeit beanspruchen wird. Die jüdischen Fundamentalisten glauben, dass das Alte Testament nur dann als autoritativ angesehen werden kann, wenn es anhand des talmudischen Schrifttums interpretiert wird.

Israel Shahak ist eine imposante Persönlichkeit; er zählt zu den «grossen» Kritikern der israelischen Politik. Er wurde im Warschauer Ghetto geboren und überlebte das KZ Bergen- Belsen. 1945 kam er nach Israel und wuchs jüdisch-orthodox auf. Seit dem Sechstagekrieg vom Juni 1967 wendet er sich gegen die Expansion Israels. Er gilt als strikter Verfechter der Menschenrechte. Seit seiner Emeritierung als Professor für Organische Chemie an der Hebräischen Universität in Jerusalem schreibt er über jüdische Religion und die Politik Israels. Sein Koautor, Norton Mezvinsky, ist Professor für Geschichte an der Central-State-Universität in Connecticut.

Die Autoren vertreten die These, dass der jüdische Fundamentalismus nur dann zu verstehen sei, wenn man die historische Periode identifiziert, die die Fundamentalisten wieder herstellen wollen. Sie teilen die Geschichte des Judentums in vier Perioden ein. Die jüdischen Fundamentalisten haben die Zeit von 1550 bis 1750 als die «goldene Zeit» des Judentums beschrieben, in der die grosse Mehrheit der Juden die Kabbala und ihre Regeln akzeptierte. Diese Ära sollte wiedererstehen.

Vielzahl von Strömungen

In Israel gibt es eine grosse Vielfalt von Fundamentalisten. Ihr gemeinsames Ziel ist die Errichtung des jüdischen Tempels auf dem Tempelberg. Wenn dies nicht zu erreichen ist, dann sollte der Platz, auf dem die islamischen Heiligtümer – Felsendom und Al-Aksa-Moschee – stehen, von Besuchern freigehalten werden. Die Bedeutung des jüdischen Fundamentalismus lässt sich nach Ansicht der Autoren nur in dessen Beitrag zur Spaltung der israelischen Gesellschaft verstehen. Diese drückt sich insbesondere in der Tatsache aus, dass die Linke in Israel die Normalität anstrebt und wie jedes andere Volk leben will – ein zentrales Dogma des säkularen Zionismus. Demgegenüber betonen die Rechte und die Fundamentalisten die Einzigartigkeit des jüdischen Volkes und wollen sich bewusst von anderen Völkern unterscheiden. «Juden sind und können nach diesem Standpunkt kein normales Volk sein. Ihre Einzigartigkeit beruht auf dem ewigen Bund mit Gott» – so argumentiert etwa ein Vertreter der Siedlerbewegung Gush Emunim (Block der Getreuen). Dies geht dann bei einigen extremen Fundamentalisten sogar so weit, dass auf Grund des «jüdischen Blutes» Juden zu einer anderen Kategorie gehören als Nichtjuden.

Die innerjüdische Diskussion, die von ranghohen Vertretern der Fundamentalisten wie Rabbi Ovadia Yoseph, dem geistigen Oberhaupt der Shas-Partei, und Vertretern von der Nationalreligiösen Partei (NRP) zu diesen Fragen geführt wird, mutet mehr als bizarr an. Die Autoren betonen mehrmals, dass diese Diskussion sich nie in der englischen Literatur wiederfinde und im Ausland völlig unbekannt sei.

Das Buch bietet einen erstklassigen Überblick über die verschiedenen fundamentalistischen Strömungen wie diejenige der Haredim, die sich in aschkenasische (europäische) und sephardische (orientalische) Juden teilen, der NRP und des Gush Emunim. Des weiteren werden der Massenmord Baruch Goldsteins, der in der Ibrahim- Moschee in Hebron 29 betende Muslime niedermetzelte, und das Attentat auf Ministerpräsident Yitzhak Rabin in den religiösen Hintergrund eingeordnet. Beides sei ohne die religiöse Tradition der Bestrafung und Tötung von «Häretikern» nicht zu verstehen. Shahak und Mezvinsky haben ein provokantes und faszinierendes Buch geschrieben. Es erschliesst dem Leser Aspekte des Judentums und Israels, die in dieser Form wenig bekannt sind.

Ludwig Watzal

 

Israel Shahak / Norton Mezvinsky: Jewish Fundamentalism in Israel. Pluto Press, London 1999.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 19.10.1999

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