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Armee und Antisemitismus im Zweiten Weltkrieg

Unterschiedliche Einstellung gegenüber Schweizer Juden und Immigranten

Von Korpskommandant a. D. Hans Senn, Gümligen

Im Zusammenhang mit dem Verhalten von Behörden und Bevölkerung gegenüber den Flüchtlingen stellt sich auch die Frage der Verbreitung des Antisemitismus im Schweizervolk. Der folgende Artikel beschränkt sich auf die Untersuchung von Judenfeindlichkeit in der Armeeleitung und der Truppe während des Aktivdienstes 1939–1945. Der Verfasser kommt zum Schluss, dass assimilierte Juden in der Regel gut aufgenommen wurden und nur ausnahmsweise unter Ausschreitungen zu leiden hatten. Verbreiteter war die Auffassung, dass jüdische Immigranten aus Osteuropa nur schwer integrierbar seien und daher eine politische Gefahr bedeuteten.

Ambivalente Signale Henri Guisans

Von General Guisan sind Äusserungen überliefert, die darauf schliessen lassen, dass er vom latenten Antisemitismus gewisser Volkskreise nicht ganz frei war. Sein Biograph Willi Gautschi erwähnt folgende Begebenheit: Nach dem deutschen Überfall auf Skandinavien machte der General den Vorsteher des Militärdepartementes auf drohende innenpolitische Gefahren aufmerksam, wobei er nicht nur auf die deutsche Kolonie und die schweizerischen Extremisten von links und rechts hinwies, sondern darüber hinaus die Juden besonders erwähnte. Verschiedenen Berichten sei zu entnehmen, dass sich jüdische Emigranten, denen das Asylrecht zugestanden wurde, zu einer nicht unbedeutenden Gefahrenquelle entwickelten.

Guisan teilte offenbar die Befürchtung des Chefs der Polizeiabteilung, Rothmund, die Anhäufung nicht integrierter Ostjuden könnte eine Gefahr für unsere Sicherheit bedeuten. Er verhielt sich aber nicht als grundsätzlicher Antisemit, scheute er doch keineswegs den Kontakt mit Persönlichkeiten jüdischer Abstammung, die man als assimiliert bezeichnen kann. Er schätzte beispielsweise die Kompetenz des Berufsoffiziers Herbert Constam hoch ein. Dessen Vater wurde als Sohn eines jüdischen Farbhändlers namens Kohnstamm in New York geboren, kam mit seiner Mutter in die Schweiz, wo er studierte, sich einbürgerte, den protestantischen Glauben annahm und zum Professor an der ETH avancierte. Guisan ernannte Herbert Constam nicht nur zum Korpskommandanten, sondern zog ihn auch als persönlichen Berater für die Kampfführung im Reduit bei. Major Albert R. Mayer, einen Bijoutier jüdischer Abstammung aus Montreux, berief der General 1939–1941 als ersten Adjutanten, woraus eine lebenslange Freundschaft entstand.

Im Januar 1941 schrieb der General an den Generaladjutanten: «Je suis en possession de rapports dignes de foi qui me présentent sous un jour menaçant la mainmise de personnalités et d'organisations étrangères sur le cinéma suisse.» Anschliessend bat er um Mitteilung, ob und wie viele Israeliten der Armeefilmdienst beschäftige. Divisionär Dollfus beruhigte ihn, es sei nur ein Israelit im Armeefilmdienst tätig, und dies bloss zeitweise. Eine Stelle im Brief des Generals lässt erahnen, was den Anlass zu seiner Intervention gegeben hat. Er erkundigt sich nämlich, warum drei qualifizierte welsche Bewerber vom Leiter des Armeefilmdienstes bisher nicht berücksichtigt worden seien.

Verhalten der Truppe

Persönlich bin ich während des Aktivdienstes niemals judenfeindlichen Handlungen begegnet. Von den durch mich befragten Bekannten der Aktivdienstgeneration hat nur einer antisemitische Verstösse erlebt. Mein Schwager, ein Musiker jüdischer Abstammung, aber protestantischer Konfession, bekleidete den Grad eines Wachtmeisters und übte später die Funktion eines Gasoffiziers im Bataillon aus. Er war Leiter bzw. Konzertmeister zweier Orchester, die im Auftrag von «Heer und Haus» «La Gloire qui chante» der Gebrüder Lauber und «La cité sur la montagne» von Volkmar Andreae in allen Teilen des Landes aufführten. Nirgends stellte er Animosität gegen Juden fest. Er wurde stets freundlich, ja herzlich empfangen. Dennoch muss es Fälle der Diskriminierung von Juden in der Armee gegeben haben, weil einzelne Teile der Bevölkerung antisemitisch gesinnt waren. Meine Nachforschungen im Bundesarchiv und im Archiv für Zeitgeschichte in Zürich ergaben hauptsächlich Differenzen bei der Beurlaubungspraxis an jüdischen Feiertagen. In Büchern und Zeitungen wurden in letzter Zeit vereinzelte antisemitische Ausfälle gegen jüdische Wehrmänner beschrieben. Ich habe ein halbes Dutzend gefunden.

– Der Arzt Erich Goldschmidt wies in einem Leserbrief des «Tages-Anzeigers» 1997 auf zwei krasse Fälle von Judendiskriminierung hin.
Fall l: Bei einer Krankenvisite schickte er vier Soldaten mit fieberhafter Grippe ins Krankenzimmer. Am Hauptverlesen rief der Kompaniekommandant aus: «Von einem Judenoffizier nehme ich keine Befehle an. Die Soldaten müssen ausrücken.» Die Meldung des Truppenarztes an den Bataillonskommandanten und sein Gesuch um eine dienstliche Unterredung blieben resultatlos.
Fall 2: Bei der Generalmobilmachung im Mai 1940 rückte die Füs Kp II/98 mit acht jüdischen Füsilieren ein. Nach dem Lichterlöschen im Kantonnement schrie plötzlich ein Soldat, der als Nazi bekannt war: «Sobald Hitler einmarschiert ist, werde ich persönlich sieben Juden der Kompanie erschiessen, Füsilier S. R. nehme ich aus!»

– Rechtsanwalt Sigi Feigel erzählt Klara Obermüller im Buch «Schweizer auf Bewährung», die Nidwaldner Gebirgsartilleristen hätten ihn akzeptiert. Sie liebten vielleicht die Juden nicht, aber gegen die Schwaben waren sie bereit zu kämpfen. «Nur einmal behauptete ein als Judenhasser bekannter Korporal, ich hätte mich im Postbüro vorgedrängt. Zur Strafe müsse ich Liegestützen machen.» Feigel schlug einen Wettkampf vor. Nach der fünfzigsten Liegestütz gab der Korporal auf. Mit seiner Freundin besuchte Feigel gelegentlich Tanzanlässe im Hotel Winkelried in Stansstad. Dort verbrachten auch Offiziere der Flugwaffe ihre Freizeit. Einige davon gebärdeten sich antijüdisch. Als ein Hauptmann besonders ausfällig wurde, stand ein Zivilist auf, wies sich als Oberst Brügger aus und befahl: «Packen Sie Ihre Sachen, gehen Sie nach Hause, ich habe genug von dem Blödsinn, den Sie hier verzapfen!»

– Die «Jüdische Rundschau» vom 26. August 1999 enthält ein Gespräch von Gisela Blau mit Fourier Raymond Bollag. Obwohl Bollag im ersten Kriegswinter ein Einreisevisum der USA erhielt, blieb er trotzdem in der Schweiz, weil er dem geschworenen Fahneneid nicht untreu werden wollte. Von seinen Dienstkameraden wurde er gut aufgenommen. Als er eines Abends seine Freizeit mit dem Feldweibel in einem schlecht geheizten Restaurant verbrachte, lieh er der frierenden Serviertochter seinen Militärmantel aus. Da kam ein Bauer herein, erfasste die Situation und fuhr die Serviertochter an, sie solle diesen Judenmantel sofort ausziehen. Bollag wollte aufstehen und den Mann handgreiflich Mores lehren, aber der Feldweibel hinderte ihn daran mit den Worten: «Lass mich das erledigen.» Worauf er den Bauern kurzerhand vor die Türe setzte.

– Im Mai 1940 betrat der Hauptmann, ein Sympathisant der «200», das Büro des Fouriers und sagte: «Jetzt kommen bald die Deutschen in die Schweiz, dann wird alles besser.» Bollag schaute ihn an, zeigte auf seine Dienstwaffe und erklärte: «Wenn Hitler die Schweiz überfällt, dann ist die erste Kugel für dich.» Der Hauptmann änderte später seine Einstellung.

– In Attinghausen weigerten sich die Geschäftsleute, dem Fourier Waren zu verkaufen. Als er gar Morddrohungen erhielt, stellte der Hauptmann während 24 Stunden eine Wache vor sein Zimmer.

Die Zahl der unbekannten Fälle dürfte wesentlich höher sein als jene der dokumentierten; denn die Juden wollten in der Regel nicht auffallen. Sie schwiegen sich daher über unangenehme Erlebnisse aus. Dennoch darf festgestellt werden, dass virulenter Antisemitismus in der Truppe nur punktuell vorhanden war. Er ging auf das Konto von Frontisten, Rechtsextremisten und religiösen Fundamentalisten. Diese mussten sich aber in acht nehmen, da Politik in der Armee nicht betrieben werden durfte.

Im Frühjahr 1940 eröffnete der General Untersuchungen gegen 125 frontistische Offiziere. Einige davon wurden aus der Armee ausgeschlossen. Innerhalb der festgefügten militärischen Einheiten konnte sich antijüdische Gesinnung nur schwer manifestieren. Fast alle dokumentierten Fälle ereigneten sich ausserhalb der Dienstzeit. Die angegriffenen Juden erhielten nicht selten Unterstützung von christlichen Kameraden. Der in gewissen Volkskreisen vorhandene, historisch begründete, latente Antisemitismus äusserte sich auch in der Truppe hauptsächlich durch stereotype, kaum überlegte, diskriminierende Redewendungen. Die Juden mussten als Sündenböcke für üble Erfahrungen herhalten.

«Heer und Haus» wird aktiv

Im Wehrbrief Nr. 26 vom Mai 1943 hatte «Heer und Haus» das Thema Judenfrage aufgegriffen (siehe Kasten). Warum befasste sich «Heer und Haus» überhaupt mit dem Antisemitismus, und das erst in der zweiten Hälfte des Aktivdienstes? Ein Grund lag wohl darin, dass Vertrauensleute der Sektion immer häufiger auf ein Zunehmen des Antisemitismus hinwiesen, was sie auf die Wirkung unsachlicher ausländischer Propaganda zurückführten. Einer von ihnen machte beispielsweise im November 1942 auf die Missstimmung aufmerksam, die durch die wachsende Zahl von Emigranten verursacht werde: «Mit wenigen Ausnahmen sieht man diese Zuwanderung von Juden sehr ungern. Sie werden in vielen Dörfern, wo sie einquartiert sind, als eine Belastung empfunden und dürften es in erster Linie für die einheimischen Juden sein. Sie sind undankbar, meckern sehr gerne und tun sehr wenig dafür, sich Sympathien zu erwerben. Es fragen sich sehr viele, ob dies nicht für unser Land Schwierigkeiten politischer Natur bedeute.»

Oberst Oskar Frey, bis kurz zuvor Chef der Sektion «Heer und Haus», fasste 1943 die Lage wie folgt zusammen: «Eine Judenfrage gab es bei uns bisher nur für einige Fanatiker oder Hitzköpfe. Man muss sich nun aber wirklich fragen, ob heute nicht eine Judenfrage für breite Schichten im Entstehen und Werden ist.» Um zu verhindern, dass der Antisemitismus zum politischen Problem wurde, das undemokratischen Ideen Vorschub leistete, sah sich die Sektion veranlasst, die Judenfrage gerade in jenem Zeitpunkt aufzugreifen. Vorher war sie offenbar als für den innern Zusammenhalt der Nation ungefährlich empfunden worden.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 20.10.1999

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