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Ägypten als Hort esoterischen Wissens

Eine Studie von Erik Hornung

In das Gästebuch des Hotels Winter Palace in Luxor schrieb Thomas Mann: «In den Märchen gibt es, Sonntagskindern erreichbar, Zauberwiesen auf dem Grunde tiefer Brunnenschächte. Solch ein Brunnenschacht ist die menschliche Vergangenheit, und solch eine Zauberwiese ist dies Land: durch die Jahrtausende tief hinabversetzt, wandelt man hier in anderem Lichte auf dem Grunde des Vergangenen, unter den heiligen Malen menschlich-kulturellen Anbeginns.» Ein Ergebnis dieser Morgenlandfahrt wurden dann die vier Bände von «Joseph und seine Brüder» (1933–1942). «Einfach ein Lese- und Geschichtenbuch vom Menschen», spielt der Roman im Ägypten der Amarnazeit, das durch die Entdeckung des Grabs von Tutanchamun in den zwanziger Jahren en vogue war. Aber Manns Held erscheint, bei aller Treue zur biblischen Geschichte, auch als «ein fleischgewordener Hermes, mondhaft ist sein Wirken, auf Ausgleich gerichtet».

Mit diesem Urteil vermag ihn der Basler Ägyptologe Erik Hornung in die Kette der grossen von Ägypten inspirierten Figuren der abendländischen Kultur- und Religionsgeschichte aufzunehmen. Ihre Schöpfer – wenngleich keineswegs alle Sonntagskinder wie Mann – waren davon überzeugt, dass man es im Schatten der Pyramiden besser habe. Meistenteils wussten sie diesen Umstand einem Geheimwissen geschuldet, dessen Umrisse Hornung nun nachgezeichnet hat. Damit hat er sich eines Stoffs angenommen, der unter Vertretern seiner Zunft lange Zeit verpönt war: der bisweilen elitären, oft freilich populären Konstruktion einer uralten Weisheit, die in Hieroglyphen gefasst und als Sphinx verkörpert, von Pharaonen und Priestern geschaffen, von Eingeweihten bis auf den heutigen Tag bewahrt und an ihresgleichen weitergegeben, vielleicht der Menschheit insgesamt, jedenfalls aber wenigen Erwählten eine bessere Zukunft ermögliche.

Entstanden ist so die zweitausendjährige Geschichte eines imaginären Ägypten und der auf es ausgerichteten Esoterik, die einen Teil des antiken, christlichen, aber auch islamischen «kulturellen Gedächtnisses» darstellt, um einen Ausdruck von Jan Assmann zu gebrauchen. Dessen «Moses der Ägypter» (NZZ vom 10. 3. 99) kann als Stimulans für Hornungs Buch gelten, das Assmann auch gewidmet ist.

Am Anfang steht ein Kapitel über altägyptische Wurzeln des «anderen» Ägypten. Denn beim Leser mag sich die Frage erheben, warum gerade am Nil die Wahrheit zu finden sei. Die Antwort gibt die Gestalt des Hermes Trismegistos, des «Dreimalgrössten», in den sich in der Spätzeit (664–332 v. Chr.) der autochthone Gott Thot verwandelt hat. Der Erfinder der Hieroglyphen und Verfasser heiliger Schriften, «Herr der Gottesworte», der als ibisköpfiges Mischwesen dargestellt wird, gilt nach seiner vollendeten Hellenisierung als Stifter der Hermetik. Seit der Zeitenwende als solche nachweisbar, enthält die Hermetik «eine Religion ohne Tempel und Kult», gnostische und alchemistische Vorstellungen. Ihr Credo aus der «Tabula Smaragdina», die man im Grab des Hermes Trismegistos gefunden haben wollte – ein arabischer Gelehrter des 8. oder 9. Jahrhunderts hat sie verfasst –, lautet: «Wahrhaftig, ohne Lügen, sicher und am allerwahrsten: was hier unten ist, ist gleich dem, was droben ist, und was droben ist, gleich dem, was hier unten ist.» – Die Entsprechung von Mikrokosmos und Makrokosmos hat, in ihrer magischen «Umsetzung» und der erforderlichen Geheimhaltung, das Abendland fasziniert. Es liess sich darin die Erfüllung seiner Einheitswünsche versprechen. Gerade diese Wünsche musste das Christentum, durch die Betonung des Glaubens und der Orthodoxie immer wieder zu Sezession oder Spaltung gezwungen, unbefriedigt lassen. Das hermetische Ägypten war hingegen zu allen Zeiten à la mode, weil es Toleranz und die Aufhebung der Gegensätze versprach. Den Florentiner Neoplatonikern galt ihr Meister als «Erbe von Hermes Trismegistos, Moses, Orpheus und Pythagoras». Der spätantiken Ausbreitung des Isiskultes in der mediterranen Welt zeigt sich eine Verehrung der Göttin – nun freilich als Göttin der Vernunft –, wie sie in der Französischen Revolution unternommen wurde, als entfernt verwandt. Rudolf Steiner (1861–1925) war von der «Hermesweisheit» zeitlebens ebenso fasziniert, wie dem Begründer des Afrozentrismus, Scheich Anta Diop (1923–1986) aus Senegal, Ägypten als edelster Ausdruck des schwarzen Afrika galt. Der arabische Geograph Ibn Fadlallah al-Umari (gest. 1348) war wohl im Recht, als er schrieb: «Alles fürchtet sich vor der Zeit, die Zeit aber vor den Pyramiden.»

Martin Treml

Erik Hornung: Das esoterische Ägypten. Das geheime Wissen der Ägypter und sein Einfluss auf das Abendland. Verlag C. H. Beck, München 1999. 232 S., 31 Abb., Fr. 39.80.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 20.10.1999

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