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Bunte Glasbilder in grüner Landschaft

Ein Rundgang zu modernen Kirchenfenstern im Jura

In keiner andern Gegend unseres Landes, ausgenommen vielleicht in der Umgebung von Romont, trifft man sie so oft wie im nördlichen Teil des Jura. Die bunten und häufig vom Boden bis zur Decke reichenden modernen Glas- und Wandgemälde in Kirchen, Kapellen und Schulhäusern. Nicht nur einheimische Künstler wie Bodjol, Coghuf und Bréchet schufen hier in wenigen Jahrzehnten ihre bedeutendsten Werke, sondern auch Meisterstücke der Franzosen Maurice Estève, Fernand Léger, Alfred Manessier und Jean Lurçat sind hier zu bewundern. Ihnen nachzugehen, sich an den Formen und Farben zu freuen und durch das grüne Land wandern ist ein besonderes Erlebnis.

Begonnen hat die farbige Moderne im Jura, bald nachdem Le Corbusier im grenznahen Ronchamp seine erste Kirche baute. Noch näher, im Süden von Montbéliard, liegt das Städtchen Audincourt, wo 1951 Jean Bazaine und Fernand Léger ein neues Gotteshaus mit Farbfenstern schmückten, welche auch das einfache Volk zu begeistern vermochten. Mutige Pfarrherren und Architekten in und um Delémont liessen sich davon anstecken und fragten vorerst französische Künstler, sehr bald aber auch einheimische Maler, ob sie bereit wären, bei Neu- und Umbauten von Kirchen mitzuwirken. Die Zusagen folgten unverzüglich. So kam es, dass schon 1954 der berühmte Fernand Léger farbenfrohe Glasgemälde für die erweiterte Kirche von Courfaivre schuf und Jean Lurçat den Chor mit einem Wandteppich schmückte. Im Bauernweiler Berlincourt errichtete die junge Architektin Jeanne Bueche eine moderne Kapelle aus hellem Jurastein, in die Maurice Estève einen farbenreichen Kranz aus Glas unter die Holzdecke setzte.

Neuer Impressionismus

Erste Station unseres Rundgangs im Hauptort Delémont ist die Kapelle Saint-Joseph. Ein bescheidener Bau von 1954 ohne Turm im Osten der Stadt (brauner Wegweiser «Vitraux» an der Route de Moutier). Der einheimische Künstler André Bréchet erhielt 1979 den Auftrag, die neun farblosen Fenster zu beleben. Er tat dies mit nichtfigürlichen und farbenfrohen, jedoch sanften Kompositionen. Weiter nördlich, bei der Mündung des Ticle in den Fluss Sorne, betreten wir das 1954 erbaute Progymnasium, um das grosse Wandbild «Drei Generationen» von Coghuf, der eigentlich Ernst Stocker hiess und ein Bruder des Basler Malers Hans Stocker war, zu sehen. Ein kraftvoll-rhythmisiertes und abstraktes Bild, in dem das Figurative dennoch deutlich sichtbar ist.

Wieder kündet ein Wegweiser an, dass es weiter oben, an der Route du Vorbourg, weitere «Vitraux» zu sehen gibt. In der Kapelle des Centre Saint-François begegnen wir diesmal einem andern Werk von André Bréchet aus dem Jahre 1970. Links vom Altar schmückte er eine 28 m2 grosse Glaswand mit ineinanderfliessenden Farben. Zwischen Grün, Blau und unterschiedlich kräftigem Rot mischen sich diskrete Weiss, Grau und ein helles Grün. Man denkt dabei unwillkürlich an die Werke der französischen Impressionisten. Doch sind hier keine Figuren zu erkennen. Nur das mannigfache Spiel der Farben, das in den Raum hineinleuchtet und mit der Sonne wandert, überrascht und erfreut. Der Künstler, der auch ein begabter Bildhauer war, schuf jeweils nicht nur die Entwürfe, sondern führte auch alle handwerklichen Arbeiten selbst aus.

Auch in der angrenzenden Kirche des Kapuziner-Klosters gibt es neue Verglasungen zu sehen, die Albert Schnyder 1955 entworfen hat. Zwei schmale Streifen im Schiff und hohe, von oben bis unten reichende Öffnungen im Chor. Und in der nahen protestantischen Kirche an der Rue du Temple stehen wir schliesslich vor farbenreichen, jedoch eher dunklen Kompositionen von Bodjol (Walter Grandjean) aus den Jahren 1958–59.

Mauern aus Licht

Eine der kühnsten modernen Kirchen in der Schweiz, jene in Vicques, einem Vorort im Südosten der Stadt, ist unser nächstes Ziel. 1957–61 errichtete dort der Architekt Pierre Dumas einen dreieckigen Betonbau, dessen Innendecke er ganz in Holz auskleiden liess und dessen Aussenwände er mit Glasplatten deckte. So spiegeln sich im zeltartigen Bau die umstehenden Häuser mit den Menschen und die weite Landschaft mit den nahen Wäldern. In enger Zusammenarbeit mit dem Architekten schuf der Freiburger Künstler Bernard Schorderet zwei Reihen von Glasgemälden, die sich beidseitig, nur wenig höher als die Bänke, von hinten bis zur Spitze im Chor hinziehen, wo die zwei grössten Felder bis zur Decke reichen. Schorderet nannte die Kompositionen zu beiden Seiten des Altars «Glorreiche und schmerzvolle Geheimnisse». Die schweren Farben Blau, Braun, Grün und Violett auf der Abendseite symbolisieren das Leiden und den Tod am Kreuz. Die hellen und leuchtenden gegen Morgen die Auferstehung.

Wiederum im Süden von Delémont, jedoch gegen Westen im Tal der Sorne, begegnen wir in Courtételle dem zweiten Künstler mit Namen Stocker, dem schon erwähnten Hans von Basel. 1972 durfte er dort die erweiterte Kirche Saint- Germain und Randoald mit sechs grossen Glasgemälden bereichern. Für die breite und durchgehende Fensterfront im Schiff wählte er lichte Farben, in denen man jedoch gut die vier Elemente erkennen kann. Braun für die Erde, helles Blau für die Luft und dunkleres für das Wasser, leuchtendes Rot für das Feuer. Zwei Fenster an der Chorwand zeigen anschaulich die Titelheiligen der Kirche und den Ritter und Märtyrer Mauritius. Die zwei grossen im Chor hingegen sind Glanzstücke des Kubismus. Sie enthalten sechs verschiedene Episoden des Lebens.

Auch in den mystischen Fenstern von Fernand Léger im nahen Courfaivre triumphiert das Licht über die Dunkelheit. Als Thema wählte er, verteilt auf zehn grosse Medaillons, das Glaubensbekenntnis, beginnend im Chor mit «Ich glaube an einen alleinigen Gott» und endend hinten im Schiff mit «Amen». Wie schon zuvor in Assy (Savoyen) und in Audincourt äusserte er sich dazu so: «Mich interessiert nur, allen Gläubigen und Nichtgläubigen einen sich entwickelnden Rhythmus von Formen und Farben vorzustellen, etwas Nützliches, das von den einen wie den andern akzeptiert wird und Freude und Licht in ihre Herzen bringt.» Für ihn war ein Kunstwerk nur gut, wenn es Schönheit schuf.

«Alsobald krähte der Hahn»

Zum Abschluss unseres Rundgangs wandern wir nach Norden auf die Höhen des Jura. 1970 wurde dem kleinen Dorf Mettembert von einem anonymen Gönner eine neue Kapelle geschenkt, und der Maler Coghuf schuf dazu in leuchtenden Farben drei grosse und hohe Fenster zu den Themen Tod, Auferstehung und Wiederkunft (Pfingsten). Bemerkenswert in diesem weissen Bau sind auch der Altar, das Weihwasserbecken und andere Gegenstände, die der Bildhauer Ludwig Stocker von Basel aus Vulkangestein geformt hat.

In der Kirche des Nachbardorfes Pleigne lernen wir noch neun grossformatige Werke von 1953 kennen, welche der damals noch junge André Bréchet in Auftrag bekam. Sie gehören zu den frühesten neuzeitlichen Glasgemälden im schweizerischen Jura. Das Gotteshaus ist den Apostelfürsten Petrus und Paulus geweiht. Deshalb wählte der Künstler für die Fenster im Schiff Szenen aus dem Leben des Missionars und solche der Taten und Untaten des Petrus, beginnend auf der einen Seite mit «Alsobald krähte der Hahn» und endend im Chor mit der Übergabe eines deutlich sichtbaren, zentnerschweren Schlüssels für das Himmelreich. Die Fische im Netz, die im Fenster über dem Eingang baumeln, passen hingegen zu beiden Menschen-Fischern.

Josef Wüest

 

Informationen: Insgesamt 37 Kirchen und Kapellen mit modernen Glasfenstern gibt es allein im nördlichen Jura, einige davon im bernischen Teil. Mehr darüber von Jura-Tourisme, Place de la Gare 12, 2800 Delémont. Tel. (032) 422 97 78, Fax 422 87 81. Oder Jura-Tourisme, Grand Rue 5, 2900 Porrentruy. Tel. (032) 466 59 59, Fax 466 50 43.

Literatur: Kunstführer «République et Canton du Jura» von Marcel Berthold. GSK Bern 1989. Fr. 27.–. «Vitraux du Jura». 1988. Fr. 79.–, oder «Vitraux du Jura», Guide illustré. Fr. 20.–. Beide Edition Pro Jura, 2740 Moutier.

Wanderkarte 1:60 000 «Delémont - Porrentruy - Bienne - Soleure» von Kümmerly + Frey. Alle genannten Orte haben Bahn- oder Busverbindung von und nach Delémont.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 21.10.1999

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