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Ein Weltgebäude ohne Architekt

Darwin, der Papst und die Rolle Gottes in der Evolution

Von Eugen Drewermann*

Während die Behörden im amerikanischen Bundesstaat Kansas Darwin soeben aus den Schulstuben verbannt haben, liess die römische Kurie kurz vorher verlauten, dass man die Evolution nicht mehr länger ablehne. Damit lässt sich jedoch die traditionelle Vorstellung eines Schöpfergottes nicht mehr länger aufrechterhalten. Die Theologie muss vollständig umdenken: Gott kann nicht mehr aus der Natur hergeleitet werden.

Manch frommem Kirchgänger und wohl den meisten Theologen muss es scheinen, als sei es «früher» einmal sehr viel einfacher gewesen, an den Gott der Bibel zu glauben, als in unseren vermeintlich so «gottlosen» Zeiten. Der Anschein trügt, doch ist er gut verständlich. Man geht im Frühling durch den Garten und fühlt sich wie betäubt vom Anblick und vom Duft der Blumen und der Bäume – was für ein Wunder ist das Leben, rätselhaft und derart komplex, dass es völlig unmöglich das Resultat des blossen Zufalls sein kann; es muss ein Gott sein, der es so «gemacht» hat!

Unterstützt wird dieses «Argument» von dem überholten mechanistischen Weltbild der Naturwissenschaften. Mit der Newtonschen Physik lassen sich die Bahnen der Planeten und der Fixsterne am Firmament erklären, den Gesetzen dieser Physik folgt die Bewegung aller toten Körper, doch das Leben verlangt offensichtlich nach einer eigenen Erklärung. Offenbart sich nicht in den von aller Mechanik so grundverschiedenen Erscheinungen des Lebens am allermeisten die Weisheit und die Güte und die Grösse des göttlichen «Schöpfers»? Und dann erst der Mensch! Erfordert seine Existenz nicht erst recht den Gedanken eines besonderen Eingreifens Gottes in den Strom des Lebens?

Dass es so einfach trotzdem nie war und nicht ist, an einen «Schöpfer» hinter der Schöpfung zu glauben, zeigte sich und zeigt sich an all dem Schrecklichen in der Welt. Arthur Schopenhauer hat es gesehen: Ein einziger Nachtfrost im Mai kann genügen, um das Meer von Blüten dahinzuraffen. Was ist das für eine Welt, in der ein Lebewesen sich nur erhält um den Preis der Verdrängung oder Vernichtung anderen Lebens? In der Erdbeben, Feuersbrünste und Seuchen ungerührt millionenfaches Elend über fühlende Wesen zu bringen vermögen? In der bereits Kinder verkrüppelt zur Welt kommen können und Krankheiten, Siechtum und Tod die steten Begleiter am Wegesrand sind? Hätte wirklich ein Gott diese Welt geplant, gewollt, gemacht und gestaltet – sie dürfte dieses Antlitz nicht tragen! Die Theologie vergangener Tage antwortete auf derartige Formen von Zweifel und Verzweiflung auf zweifache Weise: Der Teufel, erklärt die römische Kirchendogmatik bis heute, hat die Natur gegen den Willen ihres «Schöpfers» durcheinandergebracht. Und: Der kleine Geist des Menschen ist zu gering, um die Planungen des Unendlichen begreifen zu können.

Darwin und der Papst

Man begreift, was Charles Darwin bedeutet, wohl so lange nicht, als man nonchalant, ganz wie beim Wechseln von Schuh oder Hemd, nun auch kirchlicherseits den «Gläubigen» mitteilen lässt, der derzeit «regierende» Papst anerkenne neuerdings auch die Evolution. Evolution ist eben nicht eine halt nur etwas andere, nur ein bisschen geschicktere Manier, in welcher der «Schöpfer» die Welt ja nun auch gemacht haben könnte, Evolution beschreibt ein methodisches Erkenntnisprinzip und ein objektives dynamisches Geschehen, das an jeder wissenschaftsrelevanten Stelle den dogmatisch verkündigten Gott der Kirche wie einen Nachtmahr bei Anbruch des Tages vertreibt.

Drei Stichworte mögen zum Beleg dieses Eindrucks hinreichend sein.

1. Von unten nach oben. Noch hängt der Kirchenglauben vor allem in römischer Sicht an zwei wichtigen Vorgaben: Die Welt würde nicht existieren ohne den Willen einer allumfassenden Macht und Weisheit; mag auch das Leben sich in Jahrmilliarden entwickelt haben – immerhin die Tatsache der Welt ebenso wie die Einrichtung der Welt unterliegt nach kirchlicher Meinung dem ewigen Ratschluss der Gottheit. Und wie im Himmel, so auch auf Erden: Auch in der Kirche selbst liegt die «Wahrheit» der «Offenbarung» Gottes in den Händen der sie hütenden Hierarchie; sie ist von aussen und von oben gegeben werden; keinesfalls darf sie von unten, vom Volk etwa, ausgehen. Evolution bedeutet das genaue Gegenteil: Alles hat sich gestaltet, weil es keinen Aufseher gab, der «von aussen» die Dinge in die richtige Bahn gelenkt hätte; vielmehr besteht der Gedanke Darwins gerade darin, alles Höhere auf das Niedere zurückzuführen und das Komplexere durch geringförmige Abwandlungen in riesigen Zeitmassen aus dem weniger Komplexen abzuleiten. Es wird nicht geplant, es wird nicht eingegriffen, es wird von selbst!

2. Zwischen Zufall und Notwendigkeit. In dieser Feststellung liegt, dass die entscheidende Alternative des theologischen Denkens im Abendland für falsch gelten muss: Zufall oder Planung, Materie oder Geist, blinde Kausalität oder göttliche Vorsehung . . . Der Gedanke der Evolution bietet eine Synthese zwischen diesen Gegensätzen, er bedeutet das Ende sowohl des mechanistischen wie des vitalistischen oder kreatianistischen (schöpfungstheologischen) Denkens.

Ein entscheidender Durchbruch in der Physik und der Biochemie der letzten Jahrzehnte besteht in der Einsicht, dass das Darwinsche Erklärungskonzept von Mutation und Selektion, von ungerichteten Zufallsschwankungen und der Auswahl des Tauglichsten, sich bereits auf die Geschehnisse in der unbelebten Welt anwenden lässt: Immer wieder führen synergetische Prozesse dazu, bei hohem Energiedurchfluss Systeme von Ordnung fernab vom thermodynamischen Gleichgewicht zu bilden. Dissipative Strukturen, autokatalytische Zyklen, Boolsche Netzwerke – mit solchen Begriffen der Physik, der Biologie und der Mathematik gelingt es heute, Formen eines nichtlinearen Denkens auszubilden, in denen die Entstehung des Lebens unter geeigneten Voraussetzungen sich nicht länger als ein unbegreifbares «Wunder», sondern als ein überaus wahrscheinliches Geschehen darstellt. Weder der reine Zufall noch irgendeine Planung helfen zur Erklärung, einzig ein angemessenes Verständnis dessen, was Evolution ist, hat uns die Augen für die Wirklichkeit geöffnet, der wir selber entstammen. Wohl sind wir noch immer nicht in der Lage, die Einzelschritte der Entstehung des Lebens vollständig und plausibel nachzuzeichnen, doch dürfte unsere derzeitige Kenntnis der Naturgesetze ausreichen, um sämtliche noch bestehenden Teilprobleme passend in das sich abzeichnende Gesamtbild der Entwicklung des Lebens einzufügen.

3. Jenseits von Gut und Böse. Wer von der Erwartung ausgeht, die das christliche Weltbild lehrt und nährt, der kann nur zutiefst verstört und empört sein über die Welt, wie sie ist: Kampf ums Dasein, Zufälle etwa im Aufbau des genetischen Codes, in der Bildung der Proteine oder im Aufbau der Zellen, das Gesetz vom Überleben der Fittesten, der Egoismus der Gene, Nahrungskette und Energiepyramide – mit solchen und vielen anderen Begriffen lässt eine Welt sich begreifen, in welcher ein biochemisches Gebilde zwischen belebter und unbelebter Materie, das HIV zum Beispiel, wichtiger, jedenfalls «erfolgreicher» sein kann als der liebste Mensch an unserer Seite; in welcher Tod, Schmerz und Angst die nichtwegzudenkenden Begleiterscheinungen von Vielzelligkeit, Empfindsamkeit und Bewusstheit sind; in welcher kein anderes Gesetz zu regieren scheint, als mit allen Mitteln für die bestmögliche Verbreitung des Erbguts Sorge zu tragen; in welcher alle Ziele und Zwecke sich stets erst im nachhinein bilden, poststabilisiert, wenn's erst einmal weitergeht, niemals jedenfalls prästabilisiert – eine Welt, in der alles möglich ist, das Schönste wie das Hässlichste, das Grösste wie das Grässlichste, das Beste und das Böseste. Wie lässt sich in einer solchen Welt ein Gott glauben?

Woran und warum wir glauben sollten

Seit den Tagen des jüdischen Philosophen Spinoza gibt es Versuche, Gott und Natur identisch zu setzen. Alle Theologie, die von der Welt her den Glauben an Gott zu begründen versucht, scheint heute dazu verurteilt zu sein, im Spinozismus oder Hegelianismus zu enden. Doch gerade deshalb ist sie ausserstande, die Fragen zu beantworten, um derentwillen Religion wirklich nötig ist. Denn das Paradox, dem wir uns heute gegenübersehen, besteht gerade in dem Kontrast zwischen der Welt, die wir naturwissenschaftlich zu erklären vermögen, und der Bedürftigkeit der menschlichen Existenz. Wir sässen endgültig in der Falle, gäbe es nur die Natur, die uns umgibt.

Drei gute Gründe gibt es, die uns in Wahrheit dahin bestimmen, an einen persönlichen Gott zu glauben. Diese drei Gründe sind:

  1. Subjektivität und Individualität. Je höher die Lebewesen sich entwickeln, desto deutlicher bilden sie eine Sphäre der Wirklichkeit, die sich nicht mehr von aussen erklärend, sondern nur noch von innen verstehend beschreiben lässt. Um etwa zu wissen, was Gefühle sind, genügt es nicht, die chemischen Trägersubstanzen zu isolieren und ihre bioneurologische Wirkungsweise zu analysieren; was Angst, Schmerz oder Liebe in Wirklichkeit sind, lässt sich nur schildern aus dem subjektiven Erleben der betreffenden Lebewesen selbst. In der Natur mag das Individuum gleichgültig sein, in der Natur mögen Gefühle nur als Informationen oder als Reaktionsstimulanzien wichtig sein; doch wir Menschen erleben die Welt unserer Individualität und Subjektivität als etwas Einzigartiges und Eigenwertiges, mit dem weder ein Mensch noch ein Gott jemals so umgehen dürfte, wie die Natur jederzeit damit umgeht. Deshalb, nicht um die Natur zu erklären, sondern um als Menschen der Natur standzuhalten, setzen wir religiös ein absolutes Subjekt voraus, das die Subjekthaftigkeit unseres Daseins wie ein «Vater» ermöglicht und trägt.
  2. Freiheit. Die Natur mag erklärbar sein durch ein Zusammenspiel von Zufall und Notwendigkeit; doch alle Naturwissenschaften können stets nur bis zur Erklärung hin erklären. Mit dem wachsenden Spielraum der Freiheit ist etwas Neues entstanden, das, um Freiheit zu sein, in seinen Entscheidungen unerklärbar sein muss. Mit der Entdeckung der Freiheit verknüpft ist deshalb, wie Sören Kierkegaard wusste, der subjektive Reflex einer Angst, die sich im Raum der Natur niemals mehr beruhigen wird. Deshalb, nicht um unsere Überlegenheit gegenüber der Natur ideologisch weiter zu rechtfertigen, sondern um ein haltgebendes Gegenüber für die Haltlosigkeit unserer Existenz zu finden, stellen wir uns religiös eine absolute Freiheit vor, die wie ein «Hirte» den Weg unseres Lebens begleitet und leitet, ohne uns unsere Verantwortung zu nehmen.
  3. Schuld und Scheitern. Das Leben, wie die Natur es hervorgebracht hat, vergibt keinen Fehler, und es verurteilt sofort zum Untergang, was nicht auf seine Weise erfolgreich ist. Wir Menschen aber wissen um die Unvermeidbarkeit von Irrtum und Misslingen; wir können nur leben, wenn wir uns als entscheidenden Massstab unseres Daseins einen «Richter» vorstellen, der nicht hinrichtet, sondern aufrichtet. Und diese drei Vorstellungen nun: von dem «Vater», dem «Hirten» und dem «Richter» sind es, die, als Bilder, denn auch im Rahmen der tradierten Trinitätstheologie die gesamte Spannweite der christlich vermittelten Gottesvorstellung umgreifen.

Die moderne Evolutionstheorie verlangt im Grunde ein vollkommenes Umdenken der Theologie. All die «Gottesbeweise», die von der Natur her Gott als oberste Ursache zu erweisen suchten, basieren erkennbar auf falschen Voraussetzungen. Nicht die Natur zu erklären, einzig das Rätselwesen Mensch zu begründen, bildet die Aufgabe und den möglichen Grund der Religion. An Gott zu glauben bedeutet als erstes, eine Welt zu entwerfen, in der Angst überwindbar wird durch Vertrauen, in der die Person eines Einzelnen einen unvertauschbaren Wert in sich selber erhält und in der Schwächen nicht optimal ausgenutzt, sondern durch Hilfe und Beistand beantwortet werden. Und nun das Entscheidende: Erst wer von einer solchen Welt religiös fundierter Menschlichkeit ausgeht, wird die Welt der Natur als «Schöpfung» eines persönlichen Gottes interpretieren können. Die Beziehung zwischen dem, was da Gott heisst, und der Welt, wie wir sie heute kennenlernen, lässt sich weder von einem fertigen Gottesbegriff noch von der Erfahrung her formulieren, sie bleibt im Dunkel. Doch verbleibt, was kein Geringerer als Augustinus als amare in Deo bezeichnete: Es ist möglich, sogar diese Welt zu lieben von Gott her. Nur das Umgekehrte scheint nicht länger mehr möglich: einen liebenden Gott als Ursprung einer darwinistisch gedeuteten Welt zu erkennen.

 * Eugen Drewermann, 1940, Theologe und Psychotherapeut, veröffentlichte 1998 unter dem Titel Der sechste Tag eine umfangreiche Studie über die Herkunft des Menschen und die Frage nach Gott (erschienen im Walter-Verlag, Zürich). Demnächst erscheint eine Studie zu dem Verhältnis von Biologie und Theologie unter dem Titel . . . und es geschah so. In beiden Arbeiten geht es um eine grundlegende Neuformulierung christlicher Schöpfungslehre.

© Neue Zürcher Zeitung - 23.10.1999

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