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Jüdische Religion – jüdische Philosophie

Ein Blick in neue Literatur

Was ist das Judentum, was bedeutet es, Jude zu sein? Die Frage ist ebenso schwierig zu beantworten, wie sie alt und zugleich unabschliessbar ist. Die babylonischen Juden der talmudischen Zeit beantworteten diese Frage gewiss anders als die osteuropäischen Juden des 19. Jahrhunderts, die amerikanischen Juden des 20. Jahrhunderts oder die israelischen Bürger seit 1947. Norman Solomon (Oxford) hat unter dem Titel «Judentum. Eine kurze Einführung» einen Versuch unternommen, die Frage zu beantworten. Solomons Einführung wäre allerdings angemessener mit «Eine Einführung in die jüdische Religion» überschrieben, denn der Aspekt, unter dem er das Judentum vorstellt, ist die Religion, genauer: die Religion des rabbinischen Judentums.

«Wir betrachten als Juden alle Mitglieder jener heutigen Gruppen, die sich positiv auf die von den Rabbinen des Talmuds definierte Tradition beziehen.» Damit freilich zieht Solomon die Grenzen eng. Denn so schliesst er nicht nur die «Religion des Alten Testaments» aus, sondern auch ein nicht mehr religiöses Judentum, wie es zu einem beträchtlichen Teil gerade die israelische Gesellschaft ausmacht. Auch da also, wo Solomon die «heutige Identität der Juden» und Probleme der modernen Gesellschaft (von Abtreibung bis Euthanasie) zu beschreiben unternimmt, hat er als Modell das rabbinische Judentum vor Augen.

Das entspricht ungefähr der Perspektive eines liberalen oder reformierten Judentums, wie es der englische Rabbiner Jonathan Romain und der niedersächsische Landesrabbiner Walter Homolka unter dem Titel «Progressives Judentum» vorgestellt haben. Es ist dies ein Judentum, das sich im 19. Jahrhundert in der Folge der Aufklärung zunächst in Deutschland als Gegenbewegung zur jüdischen Orthodoxie und als Alternative zur Assimilation herausgebildet hat und heute vor allem in den USA verbreitet ist. Im Gegensatz zum orthodoxen Judentum erlaubt es einen «kritischen Umgang mit der Tradition» und damit, die jüdische Religion zu «modernisieren».

Ungefähr aus dieser Perspektive also beschreibt Solomon die Geschichte der jüdischen Religion. Den Anfang setzt er eben nicht mit der biblischen Religion der «schriftlichen Thora», sondern mit der rabbinischen Religion der «mündlichen Thora» (d. h. Talmud und Midrasch), wie sie sich bei der «Spaltung» zwischen Judentum und Christentum erst herauskristallisierte. In diesem Sinne wehrt Solomon die übliche Sicht, dass das Christentum die Tochterreligion des Judentums sei, ab und hält dagegen, dass die beiden Religionen förmlich in einem Wettstreit der Interpretation des Alten Testaments entstanden, wobei die rabbinischen sogar jünger als die christlichen Schriften sind. So skizziert Solomon – bei teilweise pragmatischen, teilweise programmatischen Auslassungen – die Religionsgeschichte des Judentums vom Talmud-Kommentator Raschi bis zur «Theologie des Holocaust». Wer sich übrigens insbesondere über die Facetten des religiösen Judentums seit der Aufklärung genauer informieren möchte – Reformbewegung, Konservativismus, Rekonstruktionismus, Orthodoxie, Chassidismus –, kann dazu Gilbert Rosenthals und Walter Homolkas aus einer ähnlichen Perspektive geschriebene Einführung «Das Judentum hat viele Gesichter. Die religiösen Strömungen der Gegenwart» konsultieren.

Norman Solomons Einführung enthält neben dem historischen Überblick auch Erklärungen zur Systematik der jüdischen Religion: Bräuche, Riten, Gebete. Auch diese Teile von Solomons Einführung tragen die Handschrift eines religiösen Judentums, wenn es etwa im Kapitel «Die Gründung des jüdischen Heims» heisst: «Betrachtet werden soll in diesem Kapitel diejenige Art von Jude, der oder die wenngleich nicht gerade heiligmässig, so doch bereit und willens ist, das Leben an den Idealen der Thora auszurichten.» Solche Formulierungen lassen den Verdacht aufkommen, dass sich das Stuttgarter Lektorat des Reclam-Verlags, der Solomons Einführung verlegt, nicht so ganz im klaren darüber war, was es hier in seiner publikumswirksamen Reihe präsentiert. Man wird jedenfalls enttäuscht sein, wenn man, dem Titel entsprechend, eine allgemeine und differenzierte «Einführung in das Judentum» erwartet, denn Solomons «Einführung» erweist sich – nochmals – als Resultat eines wenig ausgewogenen religiösen Blicks auf das Judentum.

Von ganz anderer Seite, nämlich von der Philosophie her, beschreiben Heinrich und Marie Simon (Berlin) das Judentum in ihrer «Geschichte der jüdischen Philosophie». Auch hier standen die Autoren zunächst vor der grundsätzlichen Frage, ob und wie von einer «jüdischen Philosophie» gesprochen werden kann, was, mit anderen Worten, das «Jüdische» an der «jüdischen Philosophie» sei. Der jüdische Philosophiehistoriker Julius Guttmann beispielsweise kam in seinem Standardwerk «Die Philosophie des Judentums» (1933) zum ernüchternden Schluss: «Das Judentum hat keine eigene Philosophie hervorgebracht.» Die Gründe, die Guttmann an der Existenz einer «jüdischen Philosophie» zweifeln lassen, sind folgende: Die Formulierung «keine eigene Philosophie» meint – dies der erste Grund – den philosophiegeschichtlichen Umstand, dass die Philosophie innerhalb des Judentums hauptsächlich in Entlehnungen besteht, in der Antike aus der griechischen, im Mittelalter hauptsächlich aus der arabischen, in der Neuzeit schliesslich aus der europäischen Philosophie. Wenn man dabei – dies der zweite Grund – dennoch von einer «jüdischen Philosophie» sprechen kann, dann weil ihr Gegenstand die jüdische Religion ist. Deshalb definierte Guttmann: «Die jüdische Philosophie ist . . . Philosophie des Judentums . . . Sie ist Religionsphilosophie.» «Jüdische Philosophie» ist folglich eine Interpretation und Beschreibung der jüdischen Religion in den Kategorien der griechischen, arabischen und europäischen Philosophien.

Heinrich und Marie Simon nun überbieten Guttmanns Reduktion der jüdischen Philosophie auf Religionsphilosophie, wenn sie definieren: Jüdische Philosophie ist «an Religion gebundene Philosophie», und das bedeutet: eine «mit den Vorstellungen der jüdischen Religion» vereinbare Philosophie. Dies ist freilich eine beträchtliche Einschränkung des philosophischen Denkens, selbst wenn, wie die Autoren hervorheben, die fehlende Instanz autoritativer Bibelauslegung im Judentum der Philosophie «einen relativ breiten Spielraum» liess. An Spinoza aber wird deutlich, was diese Einschränkung bedeutet: Wenn Philosophie nicht mehr mit den Prämissen der jüdischen Religion vereinbar ist, dann kann es sich nicht um «jüdische Philosophie» handeln, selbst da nicht, wo eine philosophie Interpretation des Judentums gedacht ist. Konsequenterweise fehlt bei Simon und Simon, anders als noch bei Guttmann, Spinoza. Ebenso konsequent ist es, wenn die Autoren ihre historische Darstellung der «jüdischen Philosophie» auf das Mittelalter konzentrieren und sowohl die an die griechische assimilierte antike jüdische Philosophie (Philo) als auch die an die europäische assimilierte neuzeitliche jüdische Philosophie (Mendelssohn, Cohen, Rosenzweig) nur als «Vor-» bzw. «Nachspiel» der eigentlichen Periode jüdischer Philosophie verstehen. – Diese «Geschichte der jüdischen Philosophie» müsste deshalb den Zusatz «im Mittelalter» tragen.

Ein derart durch Religion gegängelter Begriff jüdischer Philosophie ist jedoch, wie schon das Beispiel Spinoza zeigt, vor allem für die Moderne untragbar. Nicht nur suggeriert er, dass «jüdische Philosophie» immer religionskonform gewesen sei. Er schliesst auch eine philosophische Beschreibung des Judentums, die nicht mit der jüdischen Religion harmoniert oder, mehr noch: die religiöse oder metaphysische Fragen überhaupt ignoriert und mehr an kulturellen, gesellschaftlichen oder politischen Problemen interessiert ist, völlig aus. Dies hiesse aber, dass ein beträchtlicher Teil des jüdischen Denkens seit der Aufklärung schlicht nicht zur «jüdischen Philosophie» zu zählen wäre. Dass dies nicht angehen kann, muss einem spätestens dann klar werden, wenn man etwa folgende Namen nennt, Namen, die doch eine tiefgreifende philosophische Auseinandersetzung mit dem Judentum bezeugen: Margarete Susman, Max Horkheimer, Gershom Scholem, Leo Strauss, Theodor W. Adorno, Emmanuel Lévinas, Hannah Arendt.

Andreas Kilcher

 

Norman Solomon: Judentum. Eine kurze Einführung. Reclam-Verlag, Stuttgart 1999. 176 S., Fr. 8.–.

Jonathan A. Romain / Walter Homolka: Progressives Judentum. Knesebeck-Verlag, München 1999. 379 S., Fr. 56.50.

Gilbert S. Rosenthal / Walter Homolka: Das Judentum hat viele Gesichter. Die religiösen Strömungen der Gegenwart. Knesebeck-Verlag, München 1999. 200 S., Fr. 47.50.

Heinrich Simon / Marie Simon: Geschichte der jüdischen Philosophie. Reclam-Verlag, Leipzig 1999. 322 S., Fr. 20.–.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 26.10.1999

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