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Grenzfall einer Kontinuität

Neunhundert Jahre Malteserorden

Der «Souveräne Ritterorden vom Hospital des heiligen Johannes zu Jerusalem, genannt von Rhodos, genannt von Malta» geht auf eine Gründung des Jahrs 1099 zurück und existiert heute noch. Statt «noch» hat man zeitweise «wieder» sagen können, doch auch das ist so lange her, dass das «noch» jedenfalls dominiert. Eine Gründung also aus der Zeit des ersten Kreuzzugs. Der Name deutet an, dass der Sitz des Ordens-, seit 1267 Grossmeisters vor der islamischen Rück- und Weitereroberung des östlichen Mittelmeerraums zurückweichen musste, von Jerusalem nach Zypern, von da nach Rhodos, dann nach Viterbo und 1524 nach Malta. Im Jahr 1798 eroberten die Franzosen die Insel und sicherten vier Jahre später im Friedensvertrag von Amiens den «Maltesern» die Rückgabe zu; es blieb aber bei der Absicht; seit 1834 residiert der Grossmeister in Rom.

In Rom (Via Condotti), nicht im Vatikan; vielmehr unterhält der Orden diplomatische Beziehungen zum Heiligen Stuhl, ebenso wie zu 82 anderen Staaten (in Europa allerdings nicht zu den wichtigsten) und, als Ständiger Beobachter, zu den Vereinten Nationen. Er hält an der staatlichen Souveränität fest, die er 1310 erlangt hat, damals auf Grund seiner Rechte auf das ihm zugewiesene Rhodos; er will aber seine Autonomie heute ausdrücklich nicht mehr von territorialen Ansprüchen ableiten: ein Vertrag mit der Republik Malta, am 5. Dezember des letzten Jahrs abgeschlossen, räumt ihm die Festung Sant'Angelo in La Valletta lediglich zur Benutzung (und Restaurierung) ein; Sitz der Ordensleitung bleibt Rom. Eine neue Verfassung (nicht «Regel») des Ordens ist vor zwei Jahren vom Vatikan genehmigt worden; sie löst die Malteser (mit Ausnahme der geistlichen Mitglieder) aus ihrer bisherigen, nicht immer spannungsfreien Abhängigkeit von der Kurie. – Anfang 1954 wurde in Neapel ein Studentenhaus eingeweiht; der Malteserorden hatte es bauen lassen, und ein knappes erstes Jahr lang stand es unter seiner Leitung; zwei Ordensfrauen sahen – die eine mit Strenge, die andere mit Milde – zum Rechten; die Lieferwagen trugen das Nummernschild mit der Aufschrift SMOM («Sovrano Militare Ordine di Malta»). Danach wurde das Haus dem Staat übergeben und begann zu verfallen. – Eine von ungezählten Initiativen (und gewiss eine der unwichtigsten), mit denen der Orden in sorgsam praktizierter Selbständigkeit, von Fall zu Fall zugleich Partnerschaft, eine Tradition fortsetzt, die auf die Zeit seiner Gründung zurückgeht. Denn so «militärisch», wie er sich nennt, war er eigentlich nie, obschon er aus einer kriegerischen Unternehmung hervorgegangen und von einem Eroberer, Gottfried von Bouillon, in Jerusalem eingesetzt worden ist; schon damals aber vor dem Hintergrund einer friedlichen Institution: eines 1022 gestifteten Hospitals für Pilger und Kaufleute in Amalfi. Die Krankenpflege war avant la lettre seine Hauptaufgabe gewesen, und sie ist es geblieben.

Krankenpflege im weitesten Sinn. Der Orden unterhält heute etwa hundert Spitäler, ausserdem aber Pflegestationen und Rehabilitationszentren, Altersheime, Flüchtlingslager, Kinderasyle und Schulen, Obdachlosen-Unterkünfte, Zentren für Drogenabhängige; er liefert Medikamente und medizinisches Zubehör in Kriegs- und Katastrophengebiete und organisiert Fahrten nach Lourdes. Die Zahl der Ordensmitglieder beträgt – bei drei Stufen der Zugehörigkeit – rund elftausend, die der ständigen Hilfskräfte achtzigtausend; ihre Aktivität erstreckt sich über die ganze Welt und ist in der Lage, sich ohne Zeitverlust auf aktuelle Krisen zu konzentrieren. Die Hilfstätigkeit auf dem Balkan hat in den letzten Jahren imponierende Ausmasse angenommen.

Man muss diese Werke vor Augen haben, um den Rahmen, in dem das Ordensleben sich abspielt, wenigstens teilweise zu verstehen: das heisst, in ihm nicht einfach nur die historische Maskerade zu sehen. Eine Aufgabe über neunhundert Jahre hinweg zu erfüllen ist eine Leistung, die vielleicht nicht ohne Sinnfälligkeiten auskommt. Kontinuität bedeutet: «bei der Stange bleiben»; und wen das Gefühl, sozusagen ein Kreuzritter geblieben zu sein, bei der Stange hält, dem muss man solche Anachronismen wohl nachsehen, wie sie sich in den Titeln und Riten und Festgewändern der Malteser darstellen. Auch die Kirche hat – und noch länger – der religiösen Motivation durch viele Zeichen nachgeholfen, und wo sie es nicht mehr kann oder will, ist ihre Überzeugungskraft kaum gewachsen.

Auf dem Aventin, im Priorat der Malteser, hat ihr Botschafter beim Heiligen Stuhl seinen Sitz. Die dazugehörige Villa verfügt über das einzige Schlüsselloch der Welt, durch das man mit Anstand schauen kann. Da blickt man durch eine lange Pergola über Rom hinweg auf die Kuppel der Peterskirche. Auch das eine Sinnfälligkeit: die Ausrichtung ist exakt, und die äussere Distanz wird betont. Der Malteserorden ist eine Institution, die weiss, wo sie steht und was sie zu tun hat.

Hanno Helbling

 

© Neue Zürcher Zeitung - 26.10.1999

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