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Buchkritik: Führer der Unschlüssigen

Eine Biographie des Maimonides

Man nannte ihn «Adler der Synagoge» und «Arzt des Jahrhunderts»: Rabbi Moses ben Maimon, in der lateinischen Tradition als Maimonides bekannt. Ihm ist ein Buch von Maurice- Ruben Hayoun aus dem Jahr 1994 gewidmet, das nun in deutscher Übersetzung vorliegt. Der Autor, der zunächst an der Université de Strasbourg arbeitete und seit 1983 an der Hochschule für jüdische Studien in Heidelberg lehrt, ist Mittelalterspezialist; man darf also eine profunde Darstellung von Leben und Werk des wohl bedeutendsten jüdischen Religionsphilosophen erwarten.

Zunächst zum Lebensgang, dem Hayoun relativ viel Platz einräumt: Maimonides wurde 1138 in Cordoba als Sohn eines bekannten jüdischen Tora-Gelehrten geboren. Cordoba stand zu dieser Zeit unter der Herrschaft der muslimischen Almoraviden. Diese waren in bezug auf Religionsangelegenheiten relativ tolerant, so dass Muslime, Christen und Juden friedlich zusammenleben konnten. Diese Situation änderte sich jedoch um die Mitte des 12. Jahrhunderts. Als die fundamentalistischen Almohaden die Almoravidenherrschaft beseitigten (1148 wurde Cordoba von ihnen erobert), liessen sie den Andersgläubigen nur die Wahl zwischen Annahme des Islams, Auswanderung oder Tod. Maimonides' Vater wählte die Auswanderung. Nach einigen «Wanderjahren» gelangte die Familie 1160 nach Fes (Nordafrika) und liess sich hier für einige Zeit nieder, wobei der Grund für diese Niederlassung letztlich nicht geklärt ist. Laut Hayoun (er pflichtet hier u. a. dem grossen jüdischen Gelehrten Ismar Elbogen bei) trat die Familie damals nicht zum Islam über, wie gelegentlich behauptet wurde.

Ausbildung

In Fes jedenfalls vervollständigte Maimonides seine Ausbildung, nicht nur die talmudische und philosophische, sondern auch die schon in Spanien begonnene medizinische. Schon 1165 verliess die Familie Fes und gelangte per Schiff nach Akko. Noch 1165 zog man nach Alexandrien (Ägypten) um. Nach dem Tod des Vaters und des Bruders liess sich Maimonides in Fostat (Alt- Kairo) nieder. Hier heiratete er und übte den Beruf des Arztes aus (wobei er bis zur Position des Leibarztes am ägyptischen Hof aufstieg). Von 1176/77 an war Maimonides geistliches Oberhaupt der Juden Ägyptens. Er starb 1204 in Fostat. Nach einigen Jahren wurden seine sterblichen Überreste nach Tiberias übergeführt.

In Fostat schrieb Maimonides, trotz der gewaltigen Belastung durch den Arztberuf, seine Hauptwerke. Ende der sechziger Jahre des 12. Jahrhunderts schloss er einen Mischna-Kommentar in arabischer Sprache ab. Er äusserte darin deutliche Kritik an den oft verwirrenden Diskussionen der Rabbinen über die einzelnen Mischna-Abschnitte und legte grossen Wert auf die Darlegung des praktisch gültigen Religionsgesetzes.

Als nächstes wichtiges Werk entstand das «Buch der Gebote». Darin listete Maimonides die im babylonischen Talmud nur summarisch erwähnten «613 Gebote des Judentums» (365 Verbote und 248 Gebote) einzeln auf. Er hatte sie nach bestimmten in der Einleitung dargelegten Grundregeln aus den fünf Büchern Mose extrahiert. Dieses Buch war eine Art Vorstudie für seinen «Mischne Tora», den er nach etwa zehnjähriger Arbeit Ende der siebziger Jahre des 12. Jahrhunderts vollendete.

«Wiederholung der Lehre»

Der «Mischne Tora» («Wiederholung der Lehre»), in hebräischer Sprache geschrieben, war eine vollständige Kodifikation des jüdischen Religionsgesetzes. Es sollte ein «endgültiges» Werk sein. Niemand – so Maimonides – sollte mehr «irgendein anderes Hilfsmittel nötig haben [. . .], um das jüdische Gesetz kennenzulernen, da dieses Werk eine vollständige Sammlung aller Einrichtungen, Gebräuche und Bestimmungen von Moses bis auf den Abschluss des Talmuds, einschliesslich der späteren Erläuterungen der Geonim, bildet». Maimonides weiter: «Wenn jemand zuerst die Schrift (die Tora) und dann den Kodex (den ‹Mischne Tora›) studiert, so kennt er die gesamte Lehre der mündlichen Überlieferung und braucht dazwischen nicht nach einem anderen Werk zu greifen.» In vielen Fällen, in denen die Rabbinen in bezug auf das Religionsgesetz unentschieden waren, traf Maimonides selbst eine Entscheidung. Nicht von ungefähr wurde dieses Werk also von Zeitgenossen mit dem Titel «Jad ha- chasaka» («Die starke Hand») versehen; doch ebensowenig von ungefähr wurde es auch von jüdischen Gelehrten schon zu Lebzeiten Maimonides' kritisiert, u. a. wegen der Tendenz, die Lektüre des Talmuds überflüssig zu machen.

Es verwundert ein wenig, dass über die erwähnten Schriften in dem Buch Hayouns nicht mehr als Andeutungen zu finden sind. Auch über den medizinischen Autor Maimonides erfährt man nicht viel. So wird etwa das medizinische Hauptwerk, die «Aphorismen», nur äusserst knapp dargestellt. Überdies blieb wichtige Sekundärliteratur unberücksichtigt, was dazu führte, dass das bekannte «Morgengebet eines Arztes» von Hayoun Maimonides zugesprochen wird («zeigt unzweifelhaft seinen Stil»), obwohl es – wie J. O. Leibowitz und S. Munter darlegten – Ende des 18. Jahrhunderts verfasst wurde.

Der Schwerpunkt der Darstellung Hayouns liegt eindeutig auf dem letzten grösseren Werk des Maimonides, dem «Führer der Unschlüssigen» (im arabischen Original: «Dalalat al-Hairin», hebräisch: «More Nebuchim»). Den auffälligen Titel erklärt Hayoun damit, dass der Autor das Ziel hatte, den «philosophisch gebildeten und frommen Juden», die entdeckten, «wie gross die Gegensätze waren zwischen ihrem Glauben und der Philosophie», zu helfen. Um dieses Ziel zu erreichen, musste Maimonides bestimmte Abschnitte der Bibel allegorisch auslegen. Den Schöpfungsbericht der Genesis deutete er als eine «Zusammenfassung der aristotelischen Physik», die «Prophetien und Visionen Jesajas, Ezechiels und Zacharias' waren für ihn bildhaft ausgesprochene metaphysische Wahrheiten» (Hayoun). Doch Maimonides begrenzte die allegorische Exegese strikt: Sie betraf nie die Gesetze der Tora.

Überblick

Auf die zahlreichen Einzelheiten, die Hayoun ausführlich erörtert, kann hier nicht eingegangen werden. Nur so viel sei erwähnt, dass – immer laut Hayoun – Maimonides (gegen manche Stellen in der Bibel) Gott als unkörperlich ansah. Bezüglich der Ewigkeit des Alls äusserte er sich nicht eindeutig, tendenziell neigte er aber (gegen den Wortsinn des Schöpfungsberichts) der Ansicht von der Anfangslosigkeit des Alls zu. Bezüglich der Frage nach der Vorsehung ging er von der Allwissenheit und Allmacht Gottes aus, doch er betonte, dass Gott dem Menschen die Wahl zwischen Gut und Böse gelassen habe, dass der Mensch also für seine Taten auf Erden verantwortlich sei.

Summa summarum: Hayouns gefällig geschriebenes Buch bietet einen guten Überblick über das Leben und das religionsphilosophische Hauptwerk des Maimonides, den «Führer der Unschlüssigen». Es enthält keine Darstellung des Gesamtwerks. Diesbezüglich darf der Interessierte beispielsweise auf die – keineswegs überholte – mehr als 300 Seiten lange Einführung von A. Weiss zu seiner deutschen Übersetzung des «Führers der Unschlüssigen» (Leipzig 1923) verwiesen werden.

Udo Benzenhöfer

 

Maurice-Ruben Hayoun: Maimonides. Arzt und Philosoph im Mittelalter. Eine Biographie. Verlag C. H. Beck, München 1999. 332 S., Fr. 62.–.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 27.10.1999

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