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Keine Girlanden für den Papst in Indien?

Radikale Hindus drohen mit Protesten

Vierzehn Jahre nach seinem ersten Besuch in Indien steht die nächste Visite von Papst Johannes Paul II. bevor. Diesmal muss sich das reisefreudige katholische Oberhaupt auch auf Proteste gefasst machen. Sie kommen von radikalen Hindu-Gruppen, die im Papst den Ausgangspunkt einer weltweiten Kampagne der Christianisierung sehen.

By. Delhi, Ende Oktober

Startet der Papst einen neuen Kreuzzug? Wer in den letzten Wochen die Pamphlete, Pressemitteilungen, Flugblätter und E-Mails der radikalen Hindu-Organisationen gelesen hat, muss dies annehmen. Der Anlass ihrer Veröffentlichungen ist der bevorstehende Besuch von Papst Johannes Paul II. in der indischen Hauptstadt, wo er am 6. und 7. November an der Schlusssitzung der Synodalkonferenz der Bischöfe Asiens teilnehmen wird. Im Gegensatz zu seiner ersten Indienreise im Jahr 1986, wo er 14 Orte besuchte, beschränkt sich das Programm dieses Mal auf Delhi, und auch hier gibt es nur einen einzigen grossen Auftritt in Form einer Messe in einem Sportstadion. Dennoch hagelt es in mehreren Teilen des Landes Proteste, und in Goa hat sich eine Demonstration in Bewegung gesetzt, die am Tag vor der Ankunft des Papstes in Delhi eintreffen will.

Bizarre Ängste

Es handelt sich um Organisationen wie den Welt-Hindu-Rat VHP, den Bajrang Dal – eine Kampfgruppe, die sich den Sturm auf die Moschee von Ayodhya ans Revers heftet – und den Nationalen Freiwilligenverband RSS. Er ist die ideologische Mutterorganisation der vielen Gruppierungen, inklusive der Regierungspartei BJP, welche sich die Renaissance der religiös- nationalistischen «Hindutva»-Kultur auf die Fahne geheftet haben. Sie fordern vom Papst, dass er sich für die Greueltaten der Inquisition und für Zwangsbekehrungen entschuldige, dass er laut und deutlich sage, dass das Christentum nicht der einzige Heilsweg sei. Dahinter verbirgt sich die tiefsitzende Angst vor einer Christianisierung Indiens, sichtbar gemacht in der bizarren Äusserung des VHP, die Papst-Reise sei auf den Zeitpunkt geplant gewesen, an dem die gebürtige Italienerin Sonia Gandhi das Amt als Premierministerin hätte übernehmen sollen. Der Besuch sei nicht nur der Auftakt für das Jubeljahr 2000, sondern stelle auch den Beginn eines neuen Anlaufs einer riesigen Bekehrungswelle dar.

Die Kirchen wenden ein, Bekehrungen seien ein privater Akt, der durch sie nicht beeinflusst werde. Dies entspricht zwar nicht der ganzen Wahrheit, gibt es doch eine Reihe von Evangelikern, namentlich aus den USA, welche mit teilweise aggressiven Methoden auf Seelenfang aus sind. Doch für die etablierten Kirchen haben Sozialdienste die koloniale Bekehrungswut längst verdrängt. Zudem macht der Anteil der Anhänger des Christentums – das in Indien fast so alt ist wie dieses selbst – nur 2,3 Prozent der Bevölkerung aus, bei abnehmender Tendenz. Alan de Lastic, der Erzbischof von Delhi, weist auch darauf hin, dass der Anspruch der alleinseeligmachenden Kirche seit dem zweiten Vatikanum nicht mehr gilt und dass es gerade ein Ziel der kommenden Bischofssynode sei, den Dialog zwischen den Religionen zu vertiefen. All dies ficht den RSS und seine Mitstreiter nicht an. Nach der Kampagne gegen die Arbeit christlicher Missionare in Stammesgebieten im letzten Frühjahr haben sie den bevorstehenden Besuch wiederum zum Anlass genommen, Störungen christlicher Gebetstreffen im Land zu unternehmen, verbunden mit dem Vorwurf, es seien verkappte Versuche zur Massenbekehrung.

Kulturpolitische Agenda?

Trotz ihrer Lautstärke beschränken sich die Proteste auf kleine Randgruppen aus der städtischen Mittelschicht. Deren Ängste werden von der grossen Mehrheit der Bevölkerung nicht geteilt. Auch die von der BJP angeführte Regierung tut das Ihre, um den Papst gebührend zu empfangen. Sie wird ihn nicht nur als religiösen Führer begrüssen, er erhält auch die protokollarischen Ehren eines Staatsoberhaupts. Dennoch fällt auf, dass sich die Regierung bisher nicht vor die kleine christliche Minderheit stellte, ebensowenig wie sie ihren radikalen Anhängern die dem Hinduismus innewohnende Tradition der religiösen Offenheit in Erinnerung rief. Dieses Schweigen, ebenso wie die sich abzeichnende Kulturpolitik der neuen Regierung, haben in liberalen Kreisen die Befürchtung verstärkt, dass sich hinter dem pragmatischen Programm der BJP die alte intolerante Agenda einer «Hinduisierung» der Gesellschaft verbirgt. Für den Erziehungsminister Joshi sind staatlich unterstützte Kulturinstitutionen wie Universitäten und akademische Verbände links unterwandert, und er hat sogleich begonnen, sie mit BJP-Getreuen zu besetzen. In einer Fernsehdiskussion pochte er auf sein Recht, die Schulbücher und Unterrichtspläne stärker auf «nationale Ziele» auszurichten – für viele eine Worthülse für die Ersetzung der religionsneutralen Grundhaltung durch eine betont hinduistisch-nationalistische.

Es ist auch nicht so, dass die Regierung für die anti-christliche Kampagne unempfänglich bleibt. Das Innenministerium, das vom BJP-Strategen Advani geleitet wird, hat begonnen, kirchlich geführten Nichtregierungsorganisationen das Recht streitig zu machen, vom Ausland finanziell unterstützt zu werden. Sie klassifiziert die Tätigkeit dieser Organisationen, die sich vor allem für Arme, Frauen, Ureinwohner und Landlose einsetzen, als politisch, und sie beruft sich auf das Gesetz über Auslandsgelder, das politische Aktivitäten verbietet. Für die Kirchen ist es ein Beweis, dass hinter der Kampagne gegen Bekehrungen die Angst steckt, die sozialreformerische Tätigkeit der Missionare bedrohe die Kastengesellschaft mit ihren rigiden sozialen Ungleichheiten. Ein Indiz dafür sind die gleichzeitigen Massnahmen des Innenministers gegen Nichtregierungsorganisationen, die sich zwar auf bestimmte Sachbereiche spezialisieren – Gewalt gegen Frauen, Gesundheit, Schuldarbeit – , die aber ihre Arbeit als im weitesten Sinn politisch verstehen. Auch ihnen droht der Entzug ausländischer Geldhilfe.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 27.10.1999

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