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Wenn es nicht am Geld, sondern an Boden fehlt

Siedlungsbau mit Schweizer Hilfe in Nicaragua

Ein knappes Jahr nach der Katastrophe, die der tropische Wirbelsturm «Mitch» verursacht hatte, hausen in Nicaragua Tausende von Obdachlosen nach wie vor in Notunterkünften und sind auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen. Trotz massivem internationalem Einsatz gehen vor allem der Wiederaufbau von Häusern und die Bestellung der Äcker schleppender vor sich, als sich dies Hilfsorganisationen und Betroffene wünschten. Schweizer Spendengelder gelangen über vielfältige Kanäle in die am schwersten betroffenen Gebiete.

bau. Matagalpa/León, im Oktober

Wie auf einem Adlerhorst thront im hügeligen Hinterland von Matagalpa, tief im Landesinnern von Nicaragua, die neu entstandene Dorfschaft Wasakita. Zwölf aus kräftigen Zementsäulen und einfachen Backsteinwänden gebaute, erdbebensichere Häuschen mit einem Grundriss von jeweils 36 Quadratmetern sind kurz vor der Vollendung. Unter Anweisung eines Maurermeisters haben die zukünftigen Besitzer ihre Behausungen innert knapp sechs Monaten selber gebaut. Die ehemalige, in beängstigender Flussnähe errichtete Siedlung haben die Hochwasser von «Mitch» im Oktober letzten Jahres mitgerissen. Zunächst diente eine Kapelle als Notunterkunft. Dann zügelten die mittellosen Familien in selbstgebaute Hütten aus Plasticplanen und Zinkblech. In Wasakita könnten diese Leute jetzt erstmals in ihrem Leben einen sicheren Wohnort beziehen, meint der Genfer Gérald Fioretta, der in den achtziger Jahren als Internationalist in Matagalpa gearbeitet hatte und sich jetzt für ein Jahr freistellen liess, um die Projekte der Association Nicaragua - El Salvador de Genève zu betreuen.

Wohin mit den Latrinen?

Das Wiederaufbauprojekt von Wasakita wird mit Spendengeldern aus der Schweiz – 80 Prozent via Glückskette – unterstützt. Man rechnet mit Kosten von 1800 Dollar pro Haus. Ein einziger mit Wellblech überdachter Innenraum ist die Standardausführung; wie er später unterteilt wird, bleibt der Initiative und den finanziellen Möglichkeiten jeder Familie überlassen, desgleichen der Bau von Küche und Herd im Vorgarten. Heftige Diskussionen sind zwischen den künftigen Nachbarn über die Placierung der Latrinen entstanden. Ob der Wind nicht den Geruch in die Nachbarhäuser trägt? Gemeinsam soll jetzt entschieden werden, welches die beste Lösung für das Toilettenproblem ist.

Die kleine Neusiedlung wird von allen Beteiligten als geglücktes und kostengünstiges Gemeinschaftswerk bezeichnet. Ähnliche private Initiativen sind im Gefolge von «Mitch» in ganz Zentralamerika wie Pilze aus dem Boden geschossen. Der wichtigste Eigenbeitrag der meist völlig mittellosen Bevölkerung ist deren Arbeitskraft. Die Ortsbehörde, in diesem Fall ein dynamischer sandinistischer Bürgermeister, löste das vertrackte Landproblem. Er verhandelte geschickt mit der Eigentümerin, einer eher wohlhabenden Kaffeeplantagenbesitzerin, und erwarb das Bauterrain mit Steuergeldern. Odesar, eine der zahllosen in den frühen neunziger Jahren gegründeten Nichtregierungsorganisationen (NGO), ist die eigentliche Promotorin und technische Beraterin des Projekts. Deren Mitarbeiter, allesamt sandinistischem Denken verpflichtet, kennen die Gegend und die Bedürfnisse der Leute. Deren Gründer waren unter den Sandinisten in der Staatsverwaltung tätig gewesen. Nach der Wahlniederlage im Jahre 1990 suchten sie, wie viele andere Linke, einen Freiraum in einer eigenen, meist von Sympathisanten aus dem Ausland unterstützen NGO.

Schweizer Freiwillige im Einsatz

Während das Welternährungsprogramm Lebensmittel an die Obdachlosen verteilt, bis sie wieder von der eigenen Ernte leben können, sind die Schweizer Gelder vornehmlich für den Materialeinkauf bestimmt. Im Raum Matagalpa sind für 440 000 Franken 150 Häuser in abgelegenen Landgemeinden im Bau. 375 000 Franken hat man zusätzlich im Stadtgebiet für den Neubau von 70 Häusern und das Ausbessern von 100 bescheidenen Wohnstätten eingesetzt. Die Brücke zwischen Nicaragua und der schweizerischen Glückskette stellt das Genfer Solidaritätskomitee her, als Bürge fungiert das Schweizerische Arbeiterhilfswerk. Die Internationalisten aus Genf organisierten seit 1983 – der Zeit des Bürgerkriegs zwischen Sandinistenregierung und Contra-Rebellen – Freiwilligeneinsätze in Matagalpa und standen später der Odesar mit Rat und Tat zur Seite. Die Verwendung der Spendengelder überwachen Schweizer des Groupe Volontaire Outre- Mer. Diese erhalten für ihren Einsatz ein Taschengeld und einen Beitrag für die Wiedereingliederung, wenn sie in die Schweiz zurückkehren. Die Kosten dafür trägt die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) über ein Programm der auf Freiwilligeneinsätze spezialisierten Vereinigung Unité.

Endlich eine Bleibe

In der Hauptgasse der weissen Zeltstadt von Santa María sticht eines der wenigen Aushängeschilder besonders ins Auge. Doña Pastora hat im Vorraum ihrer behelfsmässigen Behausung einen Kramladen eingerichtet, wo sie Getränke und Süssigkeiten verkauft. Mit zittriger roter Schrift steht auf dem rohgezimmerten Holzschild zu lesen: «Pulpería González Aquí me quedo». Der Name des Familienbetriebs González «Hier bleibe ich» ist Programm für eine Mutter von neun Kindern, die in weniger als einem Jahr fünf verschiedene Notunterkünfte beziehen musste. Haus und Hof am Abhang des Vulkans El Casitas waren von den Schlammassen begraben worden. Doña Pastora und ihre Kinder überlebten, 2000 Menschen kamen ums Leben.

Die beiden Dörfer Rolando Rodríguez und El Porvenir gibt es nicht mehr. Mitten auf der fruchtbaren Ebene im Gemeindebezirk von Posoltega wollen sich jetzt die Überlebenden aus den ehedem benachbarten Dorfschaften neu ansiedeln. Zu Recht, wenn auch viel zu spät, hat die Regierung einen Wiederaufbau der Dörfer in der Risikozone des abgeholzten, nach wie vor aktiven Vulkans verboten. Was sie nicht getan hat, ist, den Überlebenden ein Dach über dem Kopf und eine neue Existenzgrundlage zu geben. 350 von 1800 Familien, welche die Schlammlawine um ihr ganzes Hab und Gut und ihre Äckerchen brachte, haben sich aus eigener Kraft zu einer Notgemeinschaft zusammengeschlossen, ihren Vorstand bestimmt und in einer schäbigen Hütte ein Büro eingerichtet. Alonso Hurtado, der Präsident der Vereinigung, koordiniert mit den Hilfswerken die Organisation der Arbeit und die Verteilung der Lebensmittel, geht auf Bittgänge zu den Behörden und spielt bei Händeln zwischen den Bewohnern des Zeltdorfes Polizist und Richter in einem.

Doch dort, wo in Zukunft die Neusiedlung Santa María zu stehen kommen soll, sieht man vorläufig nichts als grünes Grasland. Auf dem danebenliegenden, für Schrebergärten vorgesehenen Teil des Grundstücks haben 1900 Siedler mit Hilfe des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz und der amerikanischen Rotkreuzgesellschaft ein dauerhaftes Provisorium bezogen. Für Doña Pastora war der Umzug in die mit Wellblech gedeckten weissen Zelthäuser ein Freudentag. Die pechschwarze Farbe der Plasticplanen der ersten Notunterkünfte, die engen Platzverhältnisse, die Ungewissheit, all das habe sie bedrückt. Jetzt lebe sie wieder wie ein Mensch.

Verzögerter Baubeginn

Nicht das Geld, sondern der Boden fehle, um mit dem Wohnungsbau vorwärtszumachen, sagt Bauingenieur Sergio Balmaceda, der seine Jugendzeit zusammen mit weiteren 3000 nicaraguanischen Schülern als Kostgänger des Castro- Regimes auf der «Insel der Jugend» in Kuba verbracht hat. Er koordiniert als Mitarbeiter der internationalen Hilfsorganisation Care die Vorbereitungsarbeiten für die Überbauung. Monatelang habe man erfolglos nach einem geeigneten Grundstück Ausschau gehalten. Auf die Frage, warum die Gemeindebehörde denn nicht, wie in anderen Ländern üblich, Land gegen Entschädigung expropriiere, meint Sergio kopfschüttelnd, Enteignung sei nach all den Streitereien um den Grundbesitz zwischen Sandinisten und Liberalen in Nicaragua ein Tabu. Die mausarme Gemeinde Posoltega – fest in Sandinistenhand – verfüge selber über keine Landreserven. Schweren Herzens habe man sich entschlossen, 170 000 Dollar an Hilfsgeldern aus den USA und Österreich für den Aufkauf eines Gutshofs hinzublättern.

Eigenbau als Maxime

Sobald die Regenzeit zu Ende ist, kann mit dem Bau der schmucklosen, aber zweckmässigen Einfamilienhäuschen von je 45 Quadratmetern Grundfläche begonnen werden. Jede Familie ist verpflichtet, mindestens ein Mitglied für die Bauequipe zur Verfügung zu stellen. Ohne den Ankauf des Grundstücks zu berücksichtigen, kommt ein einzelnes Haus auf etwa 4000 Dollar zu stehen, gut doppelt soviel wie in kleineren Projekten, die aus Mitteln der Glückskette bezahlt werden. Die staatliche luxemburgische Entwicklungshilfe stellt 1,2 Millionen Dollar für 330 Einheiten zur Verfügung. Aus der Spendensammlung des «St. Galler Tagblatts» wird das Material für weitere 20 Häuschen berappt. Ein Projekt der Schweizer Deza wird einen Brunnen bis auf den Grundwasserspiegel bohren und das Trinkwassernetz installieren helfen. Erst wenn die ganze Überbauung fertig ist, werden die einzelnen Häuser unter den Familien verlost, erfolgt die Überschreibung des Eigentumsrechts.

Zügiger vorangekommen ist man im nahegelegenen Dörfchen Goyena, wo die Überschwemmungen letztes Jahr Dutzende von Häusern weggerissen hatten. Auch dieses Jahr sind als Folge eines Dauerregens Flüsse und Bäche angequollen wie noch nie. Aus der Ferne sieht man auf einer Anhöhe die glänzenden Wellblechdächer von Neu-Goyena. Doch der Weg zur nahegelegenen Departementshauptstadt León ist einmal mehr unterbrochen. Was hier fehle, sei eine Brücke, meint Domingo Mercados trocken, bevor er ohne weitere Umstände Kleider und Habseligkeiten in einen Plasticsack packt und dann, bis zur Brust im Wasser, ans andere Ufer watet. Vor dem neuerlichen Hochwasser ist Domingo Hals über Kopf in den Rohbau seines selbstgebauten Heimes geflüchtet. Hauptsache sei, ein Dach über dem Kopf und die Füsse im Trockenen zu haben, sagt der Vater von fünf kleinen Kindern, der sich den Lebensunterhalt mit dem Jagen von Kleingetier in den Bergen verdient. Seit Beginn des Hausbaus lässt er die Schrotflinte ruhen. Selber hat er Zement gemischt, Fundamente und Böden gegossen, Bausteine aufeinandergeschichtet und das Dachwerk genagelt. Ein Meister und drei Gehilfen haben den Dorfbewohnern das Maurerhandwerk beigebracht – ein Nebeneffekt des Wiederaufbauprojekts, dem die alteingesessene evangelische Entwicklungsorganisation Cepad zu Gevatter steht. Sie war im Gefolge des Erdbebens von Managua 1972 entstanden und wird seit Jahren vom Hilfswerk der evangelischen Kirchen der Schweiz (Heks) unterstützt.

Die Glückskette hat versprochen, die 60 Einfamilienhäuschen mit je 36 Quadratmetern Grundfläche und Baukosten von 1200 Dollar in Neu-Goyena aus Geldern der «Mitch»-Spendenaktion zu bezahlen. Ende Oktober soll die Siedlung, halb evangelisch, halb katholisch, eingeweiht werden. Noch immer wartet man auf die erste Überweisung aus der Schweiz. Man hat mit Mitteln aus anderen ausländischen Quellen das Baumaterial vorfinanziert. Beim Cepad hat man den Eindruck, das Prozedere sei allzu bürokratisch, es fehle an Vertrauen in die am Bauprojekt Beteiligten. Bereits im Januar habe man dem Heks einen Zweijahreplan eingereicht, in dem man den Wiederaufbau von Goyena vorgesehen habe. Ende April erfolgte der erste Spatenstich. Wenn alles gutgeht, wird bis zum Einweihungstag gerade die Hälfte des in Aussicht gestellten Betrages überwiesen worden sein. Erst nach weiterem Papiereschieben und Evaluationsberichten kann der Rest ausbezahlt werden.

Zeichen der Solidarität

Cepad betreut in ganz Nicaragua eine Reihe von Wiederaufbauprojekten. In Goyena sei man rasch vorangekommen, weil die sandinistische Gemeindeverwaltung von León grosszügig Hand geboten habe bei der Ausarbeitung von Plänen, den topographischen Aufnahmen und der Anlage des Strassennetzes, sagt Evenor Jerez, ein Baptistenprediger. Eine landwirtschaftliche Genossenschaft überliess den Obdachlosen den notwendigen Baugrund kostenlos. Ein solches Zeichen der Solidarität sei von keinem privaten Landbesitzer in Nicaragua zu erwarten, meint Domingo. Nur die Bruderschaft mit den Evangelischen der Kooperative habe dies möglich gemacht.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 29.10.1999

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