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Vatikan verbietet Schwesternorden Drogenarbeit

Empörte Katholiken – Australiens Premierminister zufrieden

gd. Sydney, 29. Oktober

Der Vatikan hat einem australischen Schwesternorden überraschend verboten, die Führung des ersten legalen Drogenzentrums in Sydney zu übernehmen. Das Parlament des Gliedstaats New South Wales hatte am Donnerstag abend in Sydney beschlossen, durch eine Gesetzesänderung die versuchsweise Eröffnung eines ersten Drogenzentrums zu ermöglichen. Drogenabhängige sollen in einem von Ärzten und Pflegepersonal überwachten Raum im Vergnügungsviertel Kings Cross Heroin spritzen können. Gleichzeitig sollen sie auf verschiedene Entzugsmöglichkeiten aufmerksam gemacht und an eine Rehabilitation herangeführt werden. «Sisters of Charity», ein für seine medizinische Tätigkeit landesweit bekannter Orden, der zahlreiche Fachleute für die Behandlung von Drogenabhängigen und Aids-Kranken beschäftigt, hatte sich bereit erklärt, die Leitung des Zentrums zu übernehmen. Wenige Stunden bevor der Parlamentsentscheid gefällt wurde, hatte der Erzbischof von Sydney, Kardinal Clancy, aber zu verstehen gegeben, dass an eine Mitarbeit der Schwestern nicht zu denken sei.

Kritik von Jesuiten

Die «Sisters of Charity» zeigten sich tief enttäuscht. Sie seien nicht einmal aufgefordert worden, ihre Pläne vorzulegen, hiess es. Die Nonnen seien traurig über den Entscheid und die damit verbundenen negativen Auswirkungen auf das Schicksal vieler Mitmenschen. Der für das Projekt zuständige Minister in New South Wales, John Della Bosca, selbst ein praktizierender Katholik, gab ebenfalls seiner Enttäuschung Ausdruck, machte aber deutlich, dass die Regierung seines Teilstaates das Projekt weiter vorantreiben werde.

In der katholischen Presse waren in den vergangenen Wochen Stimmen sowohl für als auch gegen das Drogenzentrum laut geworden. Die meisten Befürworter, unter ihnen einige prominente Jesuiten, sind der Meinung, dass der Versuch, Drogenabhängigen zu helfen, wenig mit Religion zu tun habe. Wichtig sei es, die bestqualifizierten Leute zur Mitarbeit bewegen zu können. Eine unabhängige katholische Parlamentarierin, in deren Wahlkreis Kings Cross liegt, brach nach dem Bekanntwerden des Entscheids in Tränen aus und meinte, das Verbot zeige, wie weit sich der Vatikan von jener Kirche, die sich an Ort und Stelle mit der gesellschaftlichen Realität befasse, entfernt habe. Der Erzbischof von Melbourne, George Pell, hielt sich in den letzten Tagen in Rom auf. Es wird angenommen, dass der für seine vehemente Ablehnung derartiger Drogenzentren bekannte Kleriker die Hand im Spiel gehabt hat.

Zahlreiche Drogentote

Die neue Regierung im Gliedstaat Victoria, deren Chef, Steve Bracks, Katholik ist, hat kurz nach ihrem Amtsantritt vergangene Woche bekanntgegeben, dass in Melbourne fünf derartige Zentren eröffnet werden sollen. Dort sind in diesem Jahr bereits über 240 Personen durch Drogen ums Leben gekommen. Die Einmischung des Vatikans nannte Bracks unglücklich. In der Hauptstadt Canberra wird ebenfalls ein Zentrum geplant. Australiens Premierminister John Howard, der für das Drogenproblem nur ein beschränktes Interesse und wenig Verständnis aufbringt, hat den Entscheid der katholischen Kirche sehr begrüsst. Wenn damit die Eröffnung des geplanten Drogenzentrums verzögert oder besser noch verhindert werde, sei er froh, sagte Howard in einem Radiointerview. Er habe die Einrichtung derartiger Zentren noch nie unterstützt und werde sie auch nie unterstützen. Demgegenüber meinte ein Jesuitenpater, es sei unchristlich, zuzuschauen, wie Menschen sterben, und nichts dagegen zu unternehmen.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 30.10.1999

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