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Das Schicksal der Katakombenheiligen in der Moderne

Skelette in Kirchen – Indikatoren der veränderten Einstellung dem Tod gegenüber

Von Paul Hugger

Vereinzelt sind sie in katholischen Kirchen noch anzutreffen, die reich verzierten Knochenmänner und -frauen des Barocks, die sogenannten Katakombenheiligen, Inbegriff einer expressiven Volksfrömmigkeit. Die Moderne hat das Verständnis für eine solche Schaustellung weitgehend verloren. Das Schicksal dieser Reliquien wird zum Paradigma einer völlig veränderten Einstellung zum Tod. Doch das letzte Wort scheint noch nicht gesprochen.

Das Museum für Kunst und Geschichte in Freiburg bietet eine eindrückliche «mise en scène» kultureller Werke der Vergangenheit, sei es im ehemaligen Schlachthaus oder im angestammten historisierenden Bau. Hier wandelt man durch helle Räume, in denen gediegene Objekte der Wohn- und Sakralkultur der Region ausgestellt sind. Höher steigend kommt man bei den Werken der religiösen Kunst und des Kultes vorbei. Dann – beim Eintritt in einen alkovenartigen Nebenraum – stutzt man. Da starrt einen aus einer Wandvitrine ein Skelett an, Schädel, Brustkorb, Arme und Beine reich verziert, den linken Unterarm wie zum Gruss erhoben. Tunika, Mantel und Schuhe sind aus rotem Samt, neben der rechten Hand liegt ein Palmzweig. Vorne in der Vitrine erkennt man ein Schwert und bei dessen Knauf ein Glasgefäss, das gemäss der Inschrift «Blut» des hier Gebetteten enthält. Der Hintergrund der Vitrine ist mit gelben Seidenstoffen ausstaffiert.

Der Schock im Museum

Der Anblick des Knochenmannes löse bei vielen «Erstaunen, manchmal gar Entsetzen» aus, heisst es im Begleittext des Museums, der offensichtlich um Verständnis wirbt. Der arme heilige Felix, der es so zum Museumsschreck gebracht hat, gelangte, mit Sehnsucht erwartet, um 1755 als sogenannter Katakombenheiliger von Rom ins Freiburgerland. Er war über 200 Jahre lang Gegenstand frommer Verehrung und fristet nun ein Dasein als Museumsobjekt. Zusammen mit dem heiligen Prosper bildet er ein Depositum der Pfarrei Tafers, wo beide die Ehre der Altäre genossen. Anlässlich der Renovation der Kirche 1965–69 wurden sie ins Museum übergeführt. So stehen die heutigen Besucher verwundert, grinsend, vielleicht sprücheklopfend, wohl meist auch kopfschüttelnd vor diesem Kultobjekt der Vergangenheit, und nichts kennzeichnet anschaulicher das rasche Vergehen und Vergessen früherer Volkskulturen. Das Schicksal der Katakombenheiligen in der Moderne ist ein Paradigma unseres veränderten Verhaltens zum Tod. Noch zu Beginn dieses Jahrhunderts hätten die meisten katholischen Freiburger einen solchen Umgang mit Reliquien als Frevel empfunden. Damit ist ein spannendes Kapitel katholischer Volksfrömmigkeit in der Schweiz aufgeschlagen, eines Höhepunktes auch der volkskulturellen Gestaltungsfreude und Kreativität.

Die Wurzeln dieses Kults reichen ins 3. Jahrhundert zurück. Die Märtyrer verehrte man nicht nur als Glaubenszeugen, sondern auch als Fürsprecher im Himmel, da sie nach damaliger Ansicht gleich beim Tod zur himmlischen Seligkeit gelangt waren. Das Bedürfnis nach physischer Nähe zum Grab oder zum Leib des Toten war stark. Gedenken und Gedächtnis sind generell vor allem an Orte gebunden, an eine räumliche Verankerung. Der Märtyrerleib verkörperte den Sieg des Glaubens über Bedrängnis und Tod. So bezog man bald bei der Verehrung der Märtyrer auch die leiblichen Überreste ein, ein Vorgang, welcher die Geschichte des abendländischen Bestattungswesens, vor allem die Lokalisierung der Friedhöfe, entscheidend prägte. Ein Grab in der Nähe eines Märtyrers gewährte Teilnahme am göttlichen Gnadenstrom – die im Mittelalter so wichtige Bestattung «ad sanctos», von der unsere Kirchhöfe ferne Ableger sind, beruht auf dieser Vorstellung.

Aus den Grüften Roms

Im Jahr 1578 wurden in Rom die Katakomben wiederentdeckt. Zum archäologischen Interesse trat bald der religiöse Eifer, glaubte man doch, dass es sich bei den hier Bestatteten insgesamt um Märtyrer handelte. Nach 1600 begann man, systematisch Skelette zu erheben. Europaweit setzte die Nachfrage ein, das Prozedere war langwierig, und ohne gute Beziehungen zum päpstlichen Hof ging es nicht. Der für das Ressort zuständige Prälat musste die Herkunft aus den Katakomben beglaubigen. Den meist anonymen Skeletten gab man Namen, die vielfach auf eine Tugend des Glaubenszeugen hinwiesen. Die Glaubensinbrunst – wir stehen mitten in der Gegenreformation, und die kirchliche Hierarchie förderte eine expressive Volksfrömmigkeit als Schutzschild gegen den Protestantismus – verlangte nach sicht- und fassbaren Spuren des Heiligen.

In der Schweiz ging, wie anderswo, die treibende Kraft zunächst von den Klöstern aus. 1623 gelangte der erste Leib nach Luzern, wenig später waren auch die Klöster St. Gallen und Einsiedeln im Besitz von Katakombenheiligen. Als Vermittler wirkten vor allem Offiziere der Schweizergarde, die aus den katholischen Ständen stammten. Diese Nähe zu den päpstlichen Instanzen erklärt auch, warum die Schweiz besonders reich mit Katakombenheiligen bedacht war. Bis 1700 befanden sich gemäss Hansjakob Ackermann allein in den Klöstern und Stiften des schweizerischen Teils des Bistums Konstanz 60 Skelette, Pfarr- und Wallfahrtskirchen nicht eingerechnet.

Der Transport durch Italien und über die Alpen stellte Probleme. Nicht selten kam die kostbare Fracht unterwegs abhanden. Boten wurden bestochen oder überfallen. Gerne vertraute man deshalb die Gebeine heimreisenden Angehörigen der Garde an. Sie trugen die versiegelte Kiste, worin die Knochen in Tüchern eingebettet waren, auf dem Rücken. Am Ziel mussten die Gebeine durch den lokalen Bischof oder Abt verifiziert werden. Oft befanden sie sich in schlechtem Zustand, zerbröckelt oder in kleinen Stücken, selten lag ein vollständiges Skelett vor.

Translationen als barocke Festfreuden

Das Form- und Schmucklose musste gefasst werden. Hier entwickelte sich in der Folge eine besondere Kunst der Präsentation. Wurden ursprünglich die Gebeine gemäss der Tradition der alten Reliquiare als verzierte Einzelteile ausgestellt, so begann man später, sie ganzheitlich als Personen zu präsentieren. Die Skeletteile wurden von Klosterfrauen soweit möglich zusammengefügt, ergänzt, mit bestickten und durch Glasflüsse verzierten Bändern umwickelt und liegend, sitzend oder stehend arrangiert. Den Leib bettete man in einen kostbaren Schrein. Wer je ein armseliges Knochenhäufchen gesehen hat, etwa in Ossuarien, kann sich vorstellen, welche Kenntnis und Kunstfertigkeit eine solche Arbeit bedingte. Kenntnis der Anatomie zum Beispiel, um nur eine einzige Hand richtig montieren zu können. Woher hatten die Nonnen dieses Wissen? Ich stelle sie mir vor, wie sie in ungezählten Stunden ehrfurchtsvoll über die Gebeine gebeugt arbeiteten und damit eine dauernde Meditation über Tod und Vergänglichkeit verbanden.

War der Heilige geschmückt, führte man ihn feierlich in die Bestimmungskirche ein. Der Anlass wurde zum Triumphzug, bei dem alle Register festlicher Überhöhung und Sinnesfreude gezogen wurden. Lebende Personen stellten die Ortspatrone dar, Spielszenen illustrierten das supponierte Leben des Märtyrers, Symbole des Glaubenslebens wurden mitgetragen. Die Züge sind teilweise auf grossen Kupferstichen festgehalten, Vorläufer der im 19. Jahrhundert beliebten Festleporellos. Noch im 19. Jahrhundert fanden solche Überführungen aus Rom statt, vor allem im Kanton Freiburg. Dann aber erkaltete der Eifer, die kirchliche Hierarchie förderte den Kult nicht mehr, und bei den Gläubigen verlor sich das Verständnis für die Zusammenhänge allmählich.

St-Placide, der Verstossene

Heute sind viele Katakombenheilige von den Altären verschwunden und zum Teil verschollen. Ihr Anblick verwirrt den modernen Menschen, er kann mit diesen Sinnbildern von Tod und Auferstehung nichts mehr anfangen. Nach dem Zweiten Weltkrieg schaffte man die Skelette bei Kirchenrenovationen da und dort verschämt beiseite, als «lugubres», wie sich ein Freiburger Pfarrer mir gegenüber ausdrückte. Man stellte sie in pfarreiliche Rumpelkammern oder gab sie in die Depots von Museen, diese modernen Katakomben. Man hatte sie seinerzeit aus den Grüften entnommen und in ihrer Grabesruhe gestört. Heute werden sie registriert, vermessen, von schädlichen Milben befreit und dann erneut versenkt. Sie haben anscheinend unserer Zeit nichts mehr zu sagen.

Im Südwestzipfel des Kantons Freiburg liegt das kleine Pfarrdorf St. Martin mit seiner neugotischen Kirche. Das Schicksal des heiligen Placide, des «Sanftmütigen», der hier verehrt wurde, belegt beispielhaft, wie unsere Zeit mit diesen goldumwirkten oder in Wachs gehüllten Knochenmännern und -frauen umgeht. Wer Placide heute in der Kirche von St. Martin sucht, findet ihn nicht. Er wurde bei der Renovation von 1972 vom rechten Seitenaltar entfernt und ins Museum nach Freiburg abgeschoben. Sein Schicksal entschied sich an den Sitzungen der Baukommission im Frühjahr 1972, innert Monatsfrist, ohne dass dieser Entscheid in den Protokollen begründet würde. Ich habe darin keine Stimme vermerkt gefunden, die für Placide eingestanden wäre.

Was so sang- und klanglos geschah, hatte einen ganz andern, einen festlichen Anfang genommen. Am 17. September 1826 war St-Placide im Beisein des Bischofs eingeführt worden, und als man um 1880 die alte Kirche durch eine neugotische ersetzte, wurde er frisch eingekleidet. Das bot am 26. September 1886 Anlass zu einer grossen Feier, mit viel Zustrom von auswärts, Pontifikalamt, Prozession und Mörserknallen. Das Dorf St. Martin steht mit der heutigen Verständnislosigkeit nicht allein. Was einst als sichtbares Zeugnis des Triumphs über den Tod, der christlichen Auferstehungsgewissheit verehrt wurde, hat sich in manchen Freiburger Kirchen, wenn überhaupt, nur noch als Kuriosität, als Relikt der Vergangenheit erhalten. Nicht selten schämt sich der Klerus solcher Reliquien als unzeitgemässer Überreste eines Obskurantismus.

Etwas anders stellt sich die Situation in der deutschen Schweiz dar. Zwar sind auch hier Katakombenheilige entthront worden, verschwunden oder in einen verschwiegenen Raum versetzt worden – wie etwa St. Theodor in Hochdorf, der auf einer nicht öffentlich zugänglichen Zwischenetage zur Empore untergebracht ist, sehr zum Missfallen einzelner Chorsängerinnen –, aber im ganzen begegnet man in der Deutschschweiz dem Phänomen pietätvoller.

Dafür steht das Beispiel des heiligen Synesius in Bremgarten. 1653 feierlich eingeführt, ist er Gegenstand eines besondern Kultes geblieben. Der Zulauf hat sich in den letzten Jahren vermehrt. Der Heilige ruht in einer verschlossenen Nische über dem linken Seitenaltar der prachtvollen Pfarrkirche. Davor brennen dauernd Lichter. Am 4. Sonntag im Oktober ist sein Fest. Zu Hunderten strömen die Leute herbei. Die Gebeine im silberverzierten Schrein werden über dem Altar zur Verehrung ausgesetzt. Im Anschluss an die vormittäglichen Gottesdienste und nachmittags von 2 bis 4 Uhr erteilen sechs Geistliche – im halbstündlichen Wechsel zu dritt – den Gläubigen auf die Stirne mit einer Knochenpartikel den Synesius-Segen, reputiert vor allem bei Augenleiden. Die Kolonne der Wartenden scheint nicht enden zu wollen, sie reicht bis auf den Vorplatz hinaus.

Die Rückkehr der Knochenmänner

Sind wir am Ende mit unserem jahrhundertealten Knochenlatein, haben Skelette als «memento mori» definitiv ausgedient? Es wäre unklug, dies zu behaupten. Auch die Volkskultur hat ihre Hintertüren, und was offiziell verabschiedet ist und auf der Vorderbühne nicht mehr stattfindet, betritt unbemerkt die Szene von hinten. Das haben die PR-Strategen längst erkannt. Skelette werben für Produkte, im letzten Winter z. B. für Wintersportbahnen in Gstaad, unlängst auch für den Renault Laguna. Ein menschliches Gerippe verkrallt seine Finger in eine Sanddüne, Spuren belegen die letzten, schweren Tritte, und die zynische Losung lautet: Mit Laguna wäre es nicht so weit gekommen.

Das sind, wird man einwenden, verfremdete Spielformen, die niemand mit einem echten Skelett verwechselt. Doch dabei bleibt es nicht. Ein nochmaliger Gang ins Museum belehrt uns eines andern. In Basel findet gegenwärtig eine vieldiskutierte Ausstellung statt, die schon in verschiedenen ausländischen Städten gezeigt wurde – der Begleitband liegt bereits in sechster Auflage vor. Ausgestellt sind chemisch präparierte menschliche Leichen, Skelette und Leichenteile, in den «natürlichsten» Farben, wie triumphierend vermerkt wird. Das Verfahren nennt sich Plastination, wurde vom Heidelberger Anatomen Gunther von Hagens entwickelt und besteht darin, durch chemische Prozesse dem menschlichen Körper eine Dauerform zu geben.

Das Ergebnis sind groteske Formen, die teilweise an Skulpturen des Barocks erinnern, wie etwa jener Muskelmann, der wie einst der Apostel Bartholomäus seine Haut gleich einem Frottiertuch über seinem Arm trägt (vgl. NZZ vom 4. 10. 99). Der Zulauf zur Ausstellung ist gross, und 150 Leichen warten auf die Bearbeitung. An Körperspendern scheint kein Mangel zu herrschen. Nicht wenige geben als Motiv den Wunsch an, nach dem Tod in irgendeiner Form materiell weiterzuexistieren. Die Perspektiven der Zurschaustellung einst und jetzt sind aber völlig verschieden: Die barocke Frömmigkeit hatte bei der Verehrung der Gebeine eines Heiligen nicht in erster Linie den Tod im Auge, sondern dessen Überwindung. Sie sah darin das Wurzelgeflecht eines Baumes, der in den Himmel ragte. Den Plastinationsanwärtern aber geht es um die Perpetuierung der eigenen Vergänglichkeit im Diesseitigen, letztlich Ausdruck einer unendlichen Daseinsverlorenheit. Für beide, Plastinate und Katakombenheilige, pilgern wir heute in die Museen, in diese Tempel und Andachtsräume ästhetischer Daseinsüberhöhung.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 01.11.1999

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