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Karge Nachlese

Erzählgedichte von Kurt Marti

Sechs Jahre nach dem innigen, aus Lebensfülle und Todesnähe zugleich gesprochenen Gedichtband «da geht dasein», vier Jahre nach den «Sätzen, Sprüngen, Sprüchen», die «Im Sternzeichen des Esels» standen, legt Kurz Marti wieder eine Sammlung von Texten vor. Erzählgedichte sind es diesmal; «kleine zeitrevue» heissen sie, und der Titel ist kein Understatement. Im ersten Teil der schmalen Sammlung erinnern 16 lockere lyrische Gebilde an die Zeit des Zweiten Weltkriegs, an Erlebnisse und Beobachtungen des jungen Autors in der eingeschlossenen Schweiz wie auch im zerstörten Deutschland, das er im Dezember 1945 bereiste. Die 23 Texte des zweiten Teils gelten Erscheinungen der Nachkriegszeit wie dem Aufbaufleiss der fünfziger Jahre, der «Automobilmachung», dem Vietnamkrieg und dem Prager Frühling, der 68er und der Friedensbewegung, der Antibabypille und der Atombombe.

«abendgedanken» beschliessen die Sammlung von Notaten eines besorgten Zeitgenossen, die den Schlagzeilen der Zeit entlanggeschrieben sind und sich meist mit den ersten Assoziationen zufriedengeben. So bilden sie das seltsam karge Postscriptum zu einem verzweigten, über ein halbes Jahrhundert gespannten Werk. Man begegnet den Überzeugungen Martis, die man aus seinen früheren Gedichten und Tagebuchaufzeichnungen, aus seinen Erzählungen und Aphorismen, auch aus seinen theologischen Texten kennt: der Ehrfurcht vor dem Lebendigen, der Sorge um die Natur, den Fragen nach Zeit und Tod; den Pfarrer mit seinem Faible für rhetorische Fragen trifft man öfter an als den Dichter.

Neu ist die Kunstlosigkeit der Verse. Sind sie Zeugnisse eines spröden, jeglichen Schmucks entratenden Altersstils des 78jährigen – oder aber Zeichen nachlassender Mühewaltung? Denn dass Marti so linear, so absehbar, geradeheraus: so flach schreiben kann, wusste man bisher allenfalls aus einigen seiner der «Lebenshilfe» zugewandten Bücher. Seine Lyrik dagegen gewann ihr Qualität durch die Kunst der Verdichtung. Sie bannte konkrete Poesie und Fundamentaltheologie, Erotik und Politik, Erdenschwere und schwebendes Sprachspiel in Verse von funkelnder Musikalität. Sie lauschte in die Tiefen des Berndeutschen hinein und fürchtete sich auch vor avantgardistischen Waghalsigkeiten nicht. Mutig und anmutig war sie, fromm und frei.

Davon ist hier nicht mehr viel zu spüren. «Toutes les syncopes sont bleues» zitiert zwar das Motto Malcolm de Chazal. Was folgt, ist jedoch in für Marti ganz ungewohnter Weise bieder. «in einem landauer fuhr / winston churchill durchs jubelnde bern / zeige- und mittelfinger gespreizt / zum victory-gruss»: So fliessen die Strophen fort, die Sätze werden an den prosodischen Sollbruchstellen auf neue Zeilen gesetzt. Die geläufigsten Bilder müssen genügen, nichts ist mehrdeutig, nichts spielt mehr mit Laut- und Bedeutungsschichten.

Dem Verzicht auf eine dichte Textur entspricht eine gewisse inhaltliche Genügsamkeit: «selbst jene die gestern noch / gut im geschäft gewesen mit hitler / drängten mit rasch gewechseltem Hemd / sich in die nähe des victoryman» schliesst das oben bereits zitierte Gedicht. Zwar gelingen Marti vereinzelt noch kräftige Bilder («leimiswil 1949»), aber selbst da unterlaufen ihm verunglückte Wendungen wie «wo die Menschen im Feld noch körperlich werkten»: man spürt, dass er das «werken» erklären zu müssen glaubte – und damit den Vers verdarb. In «paris 1947» ist immerhin noch etwas vom Feuer des damaligen Aufbruchs zu spüren, während das «68er florilegium» nur mehr eine Ansammlung von pittoresken Gemeinplätzen fürs Pfarrblatt ist.

Ist das noch der Poet, fragt man sich, der uns die «leichenreden», «Rosa Loui», «abendland» und so verwegene Gebilde wie «Abratzky oder die kleine Brockhütte» geschenkt hat? – «wir glaubten / atomkraftwerke seien / sicher und sauber / und leicht zu entsorgen / / wir glaubten / unwissend und willig / diese und andere lügen / der atomindustrie.» Das mag ja durchaus so gewesen sein. Aber mit Dichtung hat diese gutgemeinte Gesinnungslyrik, die an die zahlreichen schwachen Gedichte in Erich Frieds hochanständiger Massenproduktion erinnert, nichts zu tun; daran ändert auch der als Schlusspointe des Gedichts dienende, sattsam bekannte Hinweis nichts, dass das Plutonium seinen Namen vom Herrscher der Toten hat. Glücklicherweise indes belegt das Gesamtwerk, dass Kurt Marti ein Lyriker von Rang ist, und diese Gewissheit kann auch durch eine völlig verhagelte Nachlese nicht ernstlich erschüttert werden.

Manfred Papst

Kurt Marti: Kleine Zeitrevue. Erzählgedichte. Verlag Nagel & Kimche, Zürich 1999. 69 S., Fr. 28.–.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 03.11.1999

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