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Die Pilger und die Jubeljahre - Eine Ausstellung in Rom

In Rom, im Palazzo Venezia, ist Ende Oktober eine Ausstellung eröffnet worden, die unter verschiedensten Aspekten die Wallfahrt zum Petrusgrab in dem Jahrtausend zwischen 350 und 1350 in annähernd 300 Exponaten veranschaulicht. Bei den ersten grossen Jubiläen der Kirche endet der Überblick, der als historische Einstimmung auf das bevorstehende Heilige Jahr gedacht ist.

Geschichtliche Zustände und Vorgänge einem breiten Publikum vor Augen zu führen ist eine Aufgabe, die den Namen «Gestaltung» wirklich verdient. Die Organisatoren der Ausstellung «Romei e Giubilei» – ein sehr grosses Team, auch wenn man die illustren Namen nicht mitzählt, die wie gewohnt auf der ersten Seite des Katalogs stehen – haben unter der Leitung von Mario D'Onofrio eine bewundernswürdige Arbeit geleistet.

Der Pilger, kenntlich am langen Stab und am breitkrempigen Hut, begegnet dem Neid, dem Verrat, der Verleumdung: zwei Figuren sitzen auf einer dritten, die mit Speeren bewaffnet an ihn herankriecht; die Miniatur in einer Handschrift der Bibliothèque royale von Brüssel zeigt drastisch-symbolisch, was dem Wallfahrer droht, aber das Buch trägt den Titel «Pèlerinage de la vie humaine»: die Pilgerschaft will ihrerseits als Symbol für das «Erdenwallen» verstanden sein. Diese Mehrschichtigkeit wird in der Ausstellung mit Spürsinn und Phantasie herausgearbeitet.

Boethius, «Vom Trost der Philosophie», ein im Mittelalter weit verbreitetes Buch der Spätantike: in einer Abschrift aus dem 14. Jahrhundert (Bibliothèque nationale, Paris) zeigt eine Illustration, wie Kirke die Gefährten des Odysseus in Tiere verwandeln lässt; ihre Dienerinnen reichen ihnen den Becher, und die daraus trinken werden, tragen (noch) Pilgerhüte. Auch Odysseus selbst, der mit mahnender Gebärde vor Kirke sitzt, ist als «peregrinus» dargestellt; so wird der Bedeutungswandel vom Exilierten zum Wallfahrer ohne Worte ersichtlich. – In sieben erlesenen Handschriften des 14. und 15. Jahrhunderts liegt Dantes «Divina Commedia» vor, immer dort aufgeschlagen, wo von der Pilgerschaft, im wörtlichen oder im übertragenen Sinn, die Rede ist.

Die Wallfahrt nach Rom ist auch unmittelbar reich dokumentiert; die Belege hat man in weit über hundert Bibliotheken, Museen, Kirchen Europas gesucht und gefunden. Da haben sich Itinerare erhalten, Reiseführer für die Nordländer; und in Rom selbst sind Graffiti zum Vorschein gekommen, die ihre Namen verewigen; Bilder und Urkunden berichten von den Spitälern, in denen sie Aufnahme fanden, und von den Herbergen, in denen es ihnen mehr oder weniger gut erging; jeder sei hier jetzt «albergatore» geworden, meldet eine römische Schrift aus dem zweiten Heiligen Jahr – fast so weit könnte es bald wieder kommen.

Nicht nur die Ewige Stadt war im Mittelalter ein Magnet für Christen, die um ihres Seelenheils willen die Mühsale und die Lebensgefahren einer Wallfahrt auf sich nahmen. An Santiago de Compostela und an Jerusalem wird erinnert; die Ziele ändern an der Ikonographie des Pilgers sowenig wie an dem Abenteuer, auf das er sich einliess; höchstens, dass der Weg nach Rom besonders geeignet war, die geistliche Hauptsache mit weltlichen Interessen zu vereinbaren: mit Geschäften, aber wohl noch öfter mit Sightseeing, denn die Erbauung nährte sich auch von den Meisterwerken der Architektur und der bildenden Kunst, die den Weg über Modena und Bologna, Lucca und Pisa, Viterbo und Sutri säumten.

Und ebenso führt die Ausstellung ihre Besucher von den Curiosa zu den Mirabilia: in alten Darstellungen wie in kostbaren Proben der «Wunder» von Rom – Reliquiare, Denkmünzen, Mosaiken, allegorische und hagiographische Malereien – wird die unvergleichliche Attraktion der kirchlich-imperialen Hauptstadt fassbar. Der Katalog aber erläutert in mehr als dreissig Beiträgen, wie ein zentrales christliches Thema zugleich den Brückenschlag von der Antike zu den Anfängen des Humanismus reflektiert. (Bis 26. Februar)

Hanno Helbling

 

© Neue Zürcher Zeitung - 05.11.1999

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