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Lobende Worte des Papstes für Schewardnadse

Gegenseitige Würdigung der Verdienste für den Mauerfall

Der Papst hat in der georgischen Hauptstadt Tbilissi eine Messe zelebriert. Das orthodoxe Patriarchat hatte zuvor die Gläubigen angewiesen, nicht daran teilzunehmen. Zu den Besuchern gehörte allerdings Präsident Schewardnadse, der die Visite des Papstes als Gelegenheit versteht, Georgiens Zugehörigkeit zur westlichen Welt zu unterstreichen. Der Papst würdigte Schewardnadses Verdienste im Zusammenhang mit dem Fall der Berliner Mauer.

A. R. Tbilissi, 9. November

Papst Johannes Paul II. hat am Dienstag in der georgischen Hauptstadt Tbilissi vor rund 10 000 Gläubigen eine Messe zelebriert und mit ihnen dafür gebetet, dass die Völker des Kaukasus, unterstützt vom Ausland, ihre Konflikte auf friedlichem Wege beilegen können. Der Messe wohnten auch Katholiken aus den beiden verfeindeten Nachbarstaaten Armenien und Aserbeidschan bei. Sie fand im praktisch vollständig gefüllten «Palast des Sportes» statt, nachdem die orthodoxe Kirche Pläne für die Abhaltung der Messe unter freiem Himmel im Stadtzentrum missbilligt hatte. Der Publikumsaufmarsch blieb begrenzt; nur wenige hundert Personen, die keine offizielle Einladungskarte erhalten hatten, verfolgten die Übertragung des Gottesdienstes auf einem Grossbildschirm ausserhalb der Sportanlage. Dafür war zweifellos nicht nur das Regenwetter verantwortlich. Das georgische Patriarchat hatte die orthodoxen Gläubigen am Vorabend nochmals angewiesen, nicht an der Messe teilzunehmen, weil die Gesetze der Kirche ein gemeinsames Gebet mit Nichtorthodoxen untersagten.

Anerkennung für Georgiens Westkurs

In demonstrativem Widerspruch zu dieser Aufforderung erschien allerdings Präsident Schewardnadse mit seinem Kabinett sowie den Spitzen von Parlament und Justiz im Sportpalast. Schewardnadse kann es sich leisten, die rückwärtsgewandten Kräfte in der orthodoxen Kirche zu ignorieren, auch wenn sein Taufpate niemand anders als der Patriarch selber ist. Seiner Initiative und nicht jener der Kirche ist es zu verdanken, dass der Papst auf dem Rückweg von Indien in Georgien haltgemacht hat. Schewardnadse ist an engeren Kontakten mit dem Westen interessiert und hat den Besuch des Pontifex maximus als Beweis für Georgiens Zugehörigkeit zur europäischen christlichen Zivilisation bezeichnet.

Schewardnadse und Johannes Paul II. haben an diesen beiden Tagen ein überaus herzliches gegenseitiges Verhältnis an den Tag gelegt, auch wenn ihr persönlicher Hintergrund kaum verschiedener sein könnte: hier der ehemalige Polizei- und spätere KP-Chef Georgiens, der im Auftrag Moskaus Kampagnen gegen die Kirche leitete und sich erst nach der georgischen Unabhängigkeit taufen liess; dort der polnische Kardinal und Papst, der sich als gefährlicher Gegner des kommunistischen Regimes in Warschau erwies. Kaum zufällig haben sie den 10. Jahrestag des Berliner Mauerfalls für ihr Treffen ausgewählt. Bereits an der Begrüssungszeremonie am Flughafen würdigte der Papst den substantiellen Beitrag, den Schewardnadse als sowjetischer Aussenminister für den Mauerfall geleistet habe. Umgekehrt hob der Präsident auch die Verdienste seines Gastes im Kampf gegen die Diktatur hervor.

Johannes Paul II. besuchte zum Abschluss seiner Visite die Kirche Peter und Paul, das einzige auch zur Sowjetzeit offengebliebene katholische Gotteshaus in Tbilissi. Eine zweite Kirche war als Turnhalle zweckentfremdet worden; sie wurde vor kurzem renoviert und neu geweiht. Der Papst hat ausserdem bekanntgegeben, dass der bisherige katholische Administrator in Tbilissi den Rang eines Bischofs erhalten wird. Er ist zuständig für die acht Pfarrgemeinden in Georgien, in denen die Messe nach römisch-katholischem, nach armenischem und nach syro-chaldäischem Ritus zelebriert wird.

Kein Gehör für die Ökumene

Während seines Besuchs hat der Papst Gespür gezeigt für die Ängste seiner orthodoxen Gesprächspartner vor einer katholischen Missionierung. Wiederholt drückte er seine Ehrerbietung gegenüber der fast zweitausendjährigen Geschichte der georgischen Orthodoxie aus und würdigte deren Bedeutung für das hiesige Nationalbewusstsein. Ebenso deutlich brachte er aber seinen Wunsch nach verstärkten Kontakten zwischen katholischer Kirche und Orthodoxie zum Ausdruck. Dem Patriarchen Ilia II. und dem Heiligen Synod sagte er offen, dass die bestehenden Gräben in direktem Widerspruch zum Willen des Herrn stünden. Denn Jesus habe dafür gebetet, dass alle seine Schüler eins seien. Ilia gab jedoch keinerlei Bereitschaft zu einem neuen ökumenischen Dialog zu erkennen, und das «Messeverbot» spricht eine deutliche Sprache. Beim Informationsdienst des Patriarchats heisst es, man sei durchaus für eine Zusammenarbeit und begrüsse beispielsweise den gemeinsamen Aufruf der beiden Kirchenführer für den Frieden im Kaukasus und die humanitäre Arbeit der Katholiken im Lande. Auch ein theologischer Dialog sei möglich, sofern er nicht auf eine Änderung der traditionellen orthodoxen Glaubensdogmen abziele.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 10.11.1999

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