Pressespiegel

Kirche-Religion-Gesellschaft


Direkt zur Online-Ausgabe der NZZ

Aargauer Zeitung

Basler Zeitung

Berner Zeitung

Blick

Freiburger Nachrichten

Neue Luzerner Zeitung

Neue Zürcher Zeitung

St.Galler Tagblatt

Tages-Anzeiger

Facts

Sonntagsblick

Sonntagszeitung

Weltwoche

Wochenzeitung

 

Gedenken an den Sturz der Mauer in Berlin

Feier im Bundestag mit deutschen und ausländischen Rednern

In einem Festakt hat der Deutsche Bundestag am Dienstag an den Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 erinnert. Die deutschen Redner würdigten vor allem die Zivilcourage der damaligen DDR-Bürger. Helmut Kohl hob auch die historische Leistung der beiden ausländischen Ehrengäste hervor, der ehemaligen Staatschefs Bush und Gorbatschew.

eg. Berlin, 9. November

Berlin hat am Dienstag der Öffnung der innerdeutschen Grenze am 9. November 1989 gedacht. Während an verschiedenen Orten in der ganzen Stadt ein weitgespanntes Rahmenprogramm mit zahlreichen kulturellen und politischen Veranstaltungen ablief, kam der Deutsche Bundestag in dem von der Mauer einstmals nur wenige Meter entfernten Reichstagsgebäude zusammen. In den Tagen vor dem Festakt war es zu einem hässlichen Streit um die Rednerliste gekommen. Ostdeutsche Bürgerrechtler hatten bemängelt, dass neben Bundestagspräsident Thierse kein weiterer ehemaliger DDR-Bürger sprechen sollte. Verschiedene Parteienvertreter schlossen sich dieser Kritik an, um Pluspunkte bei den Ostdeutschen zu sammeln oder um noch einen Repräsentanten der eigenen Fraktion auf die Rednerliste zu bugsieren.

Friedliche Revolution

Die Ansprachen machten dann aber deutlich, dass in der Bewertung der Ereignisse von 1989 und des Vereinigungsprozesses ein breiter Konsens in der deutschen Gesellschaft besteht. Bundeskanzler Schröder, dessen Amtsvorgänger Kohl, Thierse und der nachträglich als zusätzlicher ostdeutscher Redner nominierte Bundesbeauftragte für die Archivierung der Stasi-Akten, Gauck, waren sich in mehreren Punkten einig. Zum einen betonten sie, dass die eigentlichen Protagonisten des Herbstes 1989 die ungezählten namenlosen DDR-Bürger gewesen seien, die unter anderem mit Demonstrationen die Maueröffnung erzwungen hätten. Die Forderung der aus der ostdeutschen Staatspartei hervorgegangenen PDS, einen der an den Ereignissen beteiligten SED-Politiker sprechen zu lassen, hatte nur bei einem der beiden ausländischen Redner des Festakts Widerhall gefunden &endash; beim früheren sowjetischen Staatschef Gorbatschew.

Während dieser den Beitrag der DDR-Offiziellen zur Öffnung der Mauer anklingen liess, herrscht in der deutschen Öffentlichkeit weitgehender Konsens, die Geschehnisse vor zehn Jahren als «friedliche Revolution» eines mit Zivilcourage seine Freiheit erobernden Volkes aufzufassen. Anders als in Gorbatschews Heimat, wo frühere Kommunisten bis heute den Ton in der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit angeben, sind in Ostdeutschland die SED-Funktionäre und deren politische Erben in der PDS in der Diskussion um Geschichte und Geschichtsverständnis völlig marginalisiert. Während in Deutschland der Streit um die richtige Interpretation historischer Ereignisse die Nation in diesem Jahrhundert oft entzweite, bildet die Vergangenheit heute ein verbindendes Element.

Einig waren sich die deutschen Redner auch darin, die heute noch als Wunder empfundene Wiedervereinigung nicht als Schlussstrich unter der schwierigen deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts zu verstehen. Schröder wie Thierse stellten den Mauerfall in den Kontext eines anderen 9. Novembers, des Auftakts der gewaltsamen Judenverfolgung in der «Reichskristallnacht» im Jahr 1938. Als Hinwendung zu einer unterdessen fest verankerten, vor dem Hintergrund des Hitler-Regimes aber stets prekären Demokratie deuteten alle Redner die deutsche Nachkriegsgeschichte. Dass die Ostdeutschen diesen Schritt verspätet &endash; nach nationalsozialistischer und kommunistischer Diktatur &endash;, aber aus eigener Kraft taten, war für den früheren Rostocker Pfarrer Gauck das Argument, um zu begründen, weshalb die Ostdeutschen als Empfänger umfangreicher materieller Hilfen aus dem Westen ihren Landsleuten aus den alten Bundesländern auf «gleicher Augenhöhe» begegnen könnten. Er sprach die latenten deutsch-deutschen Rivalitäten im Vereinigungsprozess ebenso an wie die Ernüchterung vieler Ostdeutscher nach dem ersten Überschwang. Mancher, so Gauck, habe vom Paradies geträumt und sei in Nordrhein-Westfalen aufgewacht.

Die europäische Dimension

Gauck, der selbst Abgeordneter der ersten freigewählten Volkskammer gewesen war, erinnerte daran, mit welchem Enthusiasmus man in der DDR in den elf Monaten zwischen Maueröffnung und Wiedervereinigung versuchte, demokratische Strukturen aufzubauen; die DDR war für einen Augenblick ein «Laboratorium der Demokratie». Der Leiter der Behörde für die Stasi-Unterlagen &endash; er ist einer der wenigen ostdeutschen Bürgerrechtler, die in der Politik noch eine Rolle spielen &endash; verwies damit auf einen Aspekt ostdeutscher Geschichte, der in der notwendigerweise vom Westen dominierten Bundesrepublik nur noch selten zur Sprache kommt.

Auf die europäische Dimension im politischen Selbstverständnis der Bundesrepublik verwies Bundeskanzler Schröder ebenso wie sein Vorgänger. Der amtierende Regierungschef fasste dies in die mehr tagespolitische Maxime, Deutschland bleibe angesichts eines für Frieden, Freiheit und Wohlstand in ganz Europa stehenden 9. November Anwalt der Kandidaten für einen EU-Beitritt. Mit einer deutlichen Akzentverschiebung erklärte hingegen Kohl den europäischen Auftrag der Bundesrepublik zur eigentlichen Botschaft der Geschichte. Ohne eine Politik der europäischen Integration, so Kohl, wäre die Wiedervereinigung nicht möglich gewesen. Für Deutschland dürfe es nie mehr eine Rückkehr in die Enge nationalstaatlichen Denkens geben, das Land müsse seinen Nachbarn stets mit Offenheit und Sensibilität begegnen. Als Grundlage einer solchen Politik nannte Kohl drei Pfeiler: die Pflege der Beziehungen zu Frankreich, zu Polen und zu den USA.

Kohl dankte auch den beiden ausländischen Ehrengästen für ihren Beitrag zur Wiedervereinigung. Michail Gorbatschews Name sei untrennbar mit dem Ende des kalten Kriegs verbunden; ohne ihn wäre die friedliche Revolution in der DDR nicht möglich gewesen. An George Bush gewandt fuhr Kohl fort, der amerikanische Präsident sei für Deutschland ein Glücksfall gewesen. Die damaligen Führer der beiden Supermächte betonten, dass zwischen ihnen und dem Kanzler ein Vertrauensverhältnis geherrscht habe. Bush wie Gorbatschew unterstrichen in ihren Ansprachen, wie wichtig das gute persönliche Verhältnis in jenen Tagen gewesen sei.

Museum in einem Wachturm eröffnet

Hennigsdorf, 9. Nov. (ap) Zehn Jahre nach dem Zusammenbruch der Mauer ist in Hennigsdorf nördlich von Berlin in einem alten Wachturm ein Museum über die Sicherungsanlagen an der ehemaligen Grenze der DDR eröffnet worden. In dem etwa neun Meter hohen Turm am Ufer der Havel, in deren Mitte an dieser Stelle der Eiserne Vorhang verlief, ist die Einrichtung eines Beobachtungspostens zu sehen. Unter anderem zeigt die Ausstellung, dass die Grenzwächter von Mitte der siebziger Jahre an auch mit westdeutscher Videotechnik die Grenze filmten und dass die Signalanlagen teilweise mit westlicher Nachrichtentechnik ausgestattet waren. Von den einst 302 Türmen an der Grenze zu Westberlin sind heute nur noch 4 erhalten.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 10.11.1999

Recherche
Links
Archiv
Suchen
Impressum

Nach oben