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Heikler Besuch des Papstes in Georgien

Johannes Paul II. zum erstenmal in der GUS

Erstmals besucht der Papst ein Land der Gemeinschaft unabhängiger Staaten, den Kaukasusstaat Georgien. Der vom Vatikan gewünschte ökumenische Dialog mit der orthodoxen Kirche gestaltet sich aber äusserst schwierig. Die Kluft zwischen Rom und Tbilissi ist so tief, dass es Patriarch Ilia II. ablehnte, gemeinsam mit Johannes Paul II. zu beten.

A. R. Mzcheta, 8. November

Von Indien kommend, ist Papst Johannes Paul II. am Montag in Georgien eingetroffen. Es ist sein erster Besuch in einem Land der Gemeinschaft unabhängiger Staaten (GUS) und erst der zweite &endash; nach seiner Rumänienreise &endash; in einem mehrheitlich orthodoxen Staat. Der dreissigstündigen Kurzvisite kommt damit einige Bedeutung zu, auch wenn Misstöne in ihrem Vorfeld erneut die Schwierigkeit eines ökumenischen Dialogs zwischen dem Vatikan und der Orthodoxie offenlegten. Auf georgischer Seite gilt es bereits als protokollarisches Zugeständnis, dass Johannes Paul II. schon am Flughafen Tbilissi vom georgischen Katholikos-Patriarchen Ilia II. empfangen wurde. Die beiden begaben sich am Abend in die alte Hauptstadt Mzcheta, wo sie die Kathedrale Swetizchoweli besuchten. Ein gemeinsames Gebet fand aber auf Wunsch des Patriarchats nicht statt. Dass die Verbundenheit der beiden Kirchen nicht einmal mit einem gemeinsamen Vaterunser unterstrichen werden konnte, ist für den vatikanischen Nuntius Peter Zurbriggen, einen der wenigen Schweizer in Tbilissi, bedauerlich.

Ökumenismus &endash; ein Minenfeld

Der Papst versucht, mit Blick auf das dritte Millennium der Christenheit die ökumenischen Kontakte mit den Ostkirchen zu intensivieren. In Rumänien war dies eindeutig gelungen. In Georgien aber &endash; und auch in Russland, wo ein Papstbesuch eine ferne Perspektive bleibt &endash; sind die Widerstände gegen die vatikanischen Annäherungsversuche massiv. Georgiens Patriarchat steht laut dem Zürcher Professor für Kirchengeschichte Erich Bryner unter dem Einfluss rechtskonservativ-fundamentalistischer Gruppen, die seit Anfang der neunziger Jahre im Vormarsch sind. Für diese Kreise bedeutet der Katholizismus nichts weniger als Ketzerei, und entsprechend lehnen sie auch den Ökumenismus als Häresie ab.

So erstaunt es auf den ersten Blick, dass ausgerechnet Georgien als erstes GUS-Land den Bischof von Rom empfing. Lange hatte es danach ausgesehen, als würde diese Rolle Armenien zufallen, dessen Katholikos Karekin viel weltoffener war als sein Amtskollege in Tbilissi. Ein für den Sommer geplanter Besuch in jenem Kaukasusstaat kam aber wegen der fortgeschrittenen Krebskrankheit des Katholikos nicht mehr zustande. Auch eine Reise an das Sterbebett Karekins musste Johannes Paul II. absagen, da er selber gesundheitlich angeschlagen war. Von diesen Reiseplänen aufgeschreckt, signalisierte nun Georgien Interesse an einem Treffen, wobei der entscheidende Impuls nicht von der Kirchen-, sondern der Staatsführung kam. Präsident Schewardnadse, bedacht auf enge Kontakte mit Führern aus dem Westen und anders als das Patriarchat bereit, die Türen gegenüber Europa so weit wie möglich zu öffnen, hatte bereits 1997 eine erste Einladung ausgesprochen. Er erneuerte sie diesen Sommer und brachte die Kirche dazu, es ihm gleichzutun.

Die Ewiggestrigen unter den Popen gaben sich damit aber noch nicht geschlagen. Mit Erfolg liefen sie Sturm gegen die geplante Messe des Papstes auf dem Rike-Platz in Tbilissi. Dies sei eine heilige Stätte, wo georgische Christen den Märtyrertod durch das Schwert islamischer Eroberer gefunden hätten, argumentierten sie. Der Vatikan sah in diesem zentralen Platz ein Symbol der Religionstoleranz, denn in unmittelbarer Nähe davon befinden sich nicht nur orthodoxe Kirchen, sondern auch eine Moschee und eine Synagoge. Er hoffte, mit einer Messe unter freiem Himmel neben den Katholiken &endash; von denen es in Georgien höchstens 50 000 gibt &endash; auch Neugierige anderer Bekenntnisse anzuziehen. Das Patriarchat äusserte schliesslich den Wunsch, man möge die fehlende Tradition solcher religiösen Massenveranstaltungen in der Region berücksichtigen. Der Papst wird die Messe nun im sogenannten Palast des Sportes lesen, abseits der Altstadt und aus Platzgründen vor relativ kleinem Publikum.

Geschwächt durch internen Streit

Die georgische orthodoxe Kirche hatte innerhalb der Nationalbewegung in den achtziger Jahren eine wichtige Rolle gespielt. Je mehr die Sowjetmacht abbröckelte, desto grösser wurde die Autorität des Patriarchats, obwohl dieses weiterhin loyal zur kommunistischen Führung stand. Unabhängig von ihren religiösen Überzeugungen bedeutet für die meisten Georgier die Kirche ein Teil der nationalen Identität. Stolz verweist man hier darauf, dass das Christentum im westgeorgischen Königreich Lasika schon um 330 zur Staatsreligion erhoben wurde, mehrere Jahrzehnte früher als im Römischen Reich. Im ideologischen Vakuum während der späten Sowjetzeit gab es sogar Stimmen, die für die Errichtung einer Theokratie als optimaler Staatsform in Georgien eintraten. Heute wirkt die Kirche jedoch durch internen Streit geschwächt und unfähig, sich als moralische Instanz in Zeiten der Wirtschaftskrise und grassierender Korruption Geltung zu verschaffen. Ein Intellektueller aus Tbilissi, der sich als religiös bezeichnet und sich jedesmal eifrig bekreuzigt, wenn er am Sitz des Patriarchen vorbeifährt, schimpft im Gespräch über die dortigen «Dummköpfe» und wirft ihnen vor, sich mehr um die liturgischen Formen als die geistigen Inhalte zu kümmern.

Dabei gibt es in der Kirchenleitung durchaus auch aufgeschlossenere Kräfte. Der Informationsbeauftragte des Patriarchats hat vor einiger Zeit den ökumenischen Gedanken in einem in Russland veröffentlichten Interview verteidigt und überaus deutlich vor der «obskurantischen Weltsicht» und dem Sektierertum vieler Geistlicher gewarnt. Auch Ilia II. galt früher als relativ weltoffen. Jahrelang amtierte er als Co-Vorsitzender des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK). Mit dem Papst verbindet ihn seit 1980 eine alte Bekanntschaft, als er ihn im Vatikan besuchte. Der Patriarch hat sich jedoch der Einheit seiner Kirche zuliebe immer mehr den Isolationisten in den eigenen Reihen angenähert. 1997 stimmte der Heilige Synod für den Austritt der georgischen orthodoxen Kirche aus dem ÖRK und der Konferenz europäischer Kirchen. Dieser Schritt erfolgte, nachdem die Antiökumeniker den Patriarchen der Ketzerei bezichtigt und die Abspaltung von der Kirchenführung angekündigt hatten.

Doch wer sind diese georgischen Erzkonservativen, gegenüber denen selbst der Antimodernismus des gegenwärtigen Papstes verblasst? Bei vielen von ihnen handelt es sich offenbar um halbgebildete Mönche, die während der Renaissance der Orthodoxie in der sowjetischen Spätphase rasch wichtige Positionen erringen konnten. Auch auf der politischen Szene waren damals sehr zwielichtige Figuren emporgekommen. Der Wortführer der Schismatiker von 1997 war der heute 52jährige Archimandrit (Erzpriester) Ioann, der frühere Vorsteher des Klosters Schio-Mgwime. 1976 hatte er nach eigenen Angaben zum Glauben gefunden. Vier Jahre später war er bereits Abt des Klosters Betania, des damals einzigen Männerklosters. Über eine Ausbildung in einem Priesterseminar oder einer Akademie verfügte er nicht; hingegen hatte er als junger Mann wegen einer Schlägerei in betrunkenem Zustand drei Jahre in einem Straflager abgesessen. Im Streit um die Mitgliedschaft im Weltkirchenrat gelang es ihm, die Vorsteher der wichtigsten Klöster und viele Geistliche auf seine Seite zu ziehen.

Vorwurf der Missionierung

Die Widerstände gegen die Annäherung an andere christliche Bekenntnisse richten sich nicht nur gegen die katholischen und protestantischen Kirchen. So hat der Heilige Synod vor einem Jahr früher erarbeitete Leitlinien für einen theologischen Dialog zwischen den orthodoxen Kirchen scharf verurteilt, und mit den armenischen Orthodoxen, einer Minderheit in Georgien, gibt es Streit um die Rückgabe von Kirchengütern. Im Visier der Konservativen sind aber vor allem die westlichen Kirchenorganisationen, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion teilweise dank grosszügigen Budgets ihre Präsenz in Georgien verstärkten. Ihnen wird vorgeworfen, unter dem Deckmantel der caritativen Arbeit Proselytismus zu betreiben, also die Bevölkerung bekehren zu wollen. Nuntius Zurbriggen weist diese Verdächtigung vehement zurück. Die Suppenküchen der katholischen Caritas seien für alle offen.

Ähnlich wie in Russland sind den Behörden besonders die Zeugen Jehovas ein Dorn im Auge. Mitte Oktober kam es zu einem Eklat, als ein fundamentalistischer Stosstrupp des orthodoxen Priesters Basili das Büro der Organisation überfiel. Im Stile einer mittelalterlichen Inquisition verbrannten die Angreifer sechs Tonnen an Missionsschriften, verprügelten ihre Opfer und rasierten einigen ein Kreuz in den Haarschopf. Das Patriarchat verurteilt zwar solche Exzesse, tritt aber für ein Verbot ausländischer Sekten ein. Auch im Parlament gab es ähnliche Vorstösse. Allerdings bestehen unterschiedliche Vorstellungen darüber, was eine Sekte ist. Manche Randgruppen möchten dieses Etikett selbst Glaubensgruppen wie den Lutheranern anheften. Immerhin hat das amerikanische Aussenministerium kürzlich neben kritischen Bemerkungen in einem Bericht auch festgehalten, dass die von Georgiens Verfassung garantierte Religionsfreiheit bis jetzt im allgemeinen gewährleistet war. Ob der Papstbesuch das Verhältnis zwischen den Konfessionen zu entkrampfen vermag, ist aber höchst ungewiss.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 09.11.1999

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