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Über die Macht des Religiösen

Wenn die Dekonstruktion Gottes ihr Anliegen war, dann scheint die Aufklärung längst ans Ziel gekommen. Dass Gott tot sei, ist &endash; so die Herausgeber des «Merkur» &endash; «vom elitären Geheimnis zur gemütlichen Binsenweisheit geworden». Gleichwohl halten Karl Heinz Bohrer und Kurt Scheel «diese geistige Urkategorie» kulturell und institutionell noch immer für mächtig. An Präsenz und Einfluss «des Religiösen» ist an der Wende des Millenniums in der Tat nicht zu zweifeln. Nach Gott zu fragen bzw. nachzudenken, wie und unter welchen Voraussetzungen von ihm noch die Rede sein kann in einer sich als radikal säkular präsentierenden Gesellschaft, glaubt der «Merkur» deshalb seinen Lesern als «notwendiges Exerzitium» verordnen zu sollen.

Im ersten Teil der umfangreichen Doppelnummer kommen Theologen und Philosophen &endash; jeweils überwiegend katholischer Provenienz &endash; zu Wort. Robert Spaemann sondiert, in welcher Weise «das unsterbliche Gerücht» von der Existenz Gottes umgeht, und fragt nach seiner Notwendigkeit. Seit Hume, spätestens aber seit Nietzsche seien die klassischen Gottesbeweise, die voraussetzen, dass es Wahrheit gibt, obsolet. Gleichwohl bestehe, so Spaemann, «eine wechselseitige Abhängigkeit» zwischen der «Überzeugung vom Dasein Gottes» und der «Wahrheitsfähigkeit, also Personalität des Menschen». Diese Abhängigkeit sei allerdings philosophisch nur noch als «argumentum ad hominem» zu denken. So nimmt sich der Theologe Spaemann hinter dem Philosophen zurück &endash; was ihn nicht hindert, den «Gedanken, Gott sei nicht», für «das Ende des Denkens», ja zu dessen «Selbstwiderlegung» zu erklären.

Neben Eszra BenGershôm, Eckart Nordhofen, Christoph Türcke, Otto Kallscheuer und Klaus Berger stellt sich sodann Jürgen Ebach der Frage. Ihm geht es um «Wahr-Nehmung» Gottes. Als «Gegen-Erfahrung» zu dem, was ist, halte sie die Hoffnung auf Veränderung und Veränderbarkeit offen &endash; «weil das, was ist, nicht alles ist». Vielleicht könne solche «Gegen-Erfahrung» auch für diejenigen etwas bedeuten, die sich &endash; spätestens nach der Erfahrung der Shoah &endash; nicht mehr auf den Boden christlicher Theologie stellen wollen: vielleicht kann man &endash; so Ebach &endash; auch «Gottes Ohnmacht zu denken versuchen»? Der wesentlich umfangreichere zweite Teil des «Merkur» bietet Beiträge zur Gesellschaftsbeobachtung. Sie gehen dem erstaunlichen «Sakralitätsbedarf» der Gegenwart nach und handeln, unter anderem, vom «Absoluten in der Politik» (Reinhart Maurer), von «Kultur als Zivilreligion» (Rudolf Burger) und von «Religion und Religionen in New York» (Gudrun Anselm). Hervorgehoben sei Berndt Ostendorfs Essay über «Das Religiöse in der amerikanischen Demokratie», der die spannungsvolle Koexistenz von säkularem Verfassungsanspruch und zivilreligiös durchsetzter politischer Wirklichkeit in den USA in einem Systemvergleich mit Europa beleuchtet.

Dem Verhältnis von Politik und Religion hat sich, noch unter dem Eindruck des mittlerweile schon so ganz aus der Diskussion gekommenen Kosovo-Kriegs, auch die Zeitschrift «Transit» gewidmet. Die Beiträge reflektieren die «Quellen des Hasses» und den Anteil, den an ihnen Religion bzw. die Instrumentalisierung von Religion hat. Charles Taylor sieht die eigentliche Triebkraft von Ausbrüchen kollektiver Gewalt, die religiös motiviert scheinen, sehr oft in Kämpfen um politische und kulturelle Identität. Deren Inszenierung setze Religion nur noch als symbolisches Unterscheidungsmerkmal ein. Für Serbien, Kroatien, Israel und die arabische Welt zieht der in Jerusalem lehrende Politikwissenschafter Shlomo Avineri diese These in Zweifel; zu offenkundig gehöre hier die religiöse Führung selbst zu den «extremsten und unversöhnlichsten Kräften des Konflikts». Ihm geht es jedoch um Differenzierung, um «die zwei Gesichter der Religion». Zum Erbe der drei monotheistischen Grossreligionen gehörten neben Intoleranz und Repression auch Toleranz und Emanzipation. Ein Erbe, das, wenn es denn der Religion wirklich zu eigen ist, politisch jedenfalls weit weniger Durchsetzungskraft bewiesen hat.

Als «Kritik der Vorurteilskraft» ist der sehr lesenswerte Annex des Heftes über die (östlichen) «Grenzen Europas» gedacht. Hier dürften, neben Beiträgen von Timothy Garton Ash und Eva Menasse, besonders die kontroversen «Russlandbilder» von Michail Ryklin und Aage Hansen-Löve interessieren.

Wenn die «ZeitSchrift» ihr jüngstes Heft Karl Barth widmet, so ebenfalls im Interesse einer Bestimmung des Verhältnisses von Glaube, Moral und Politik. Neben einer bisher unveröffentlichten brieflichen Kontroverse zwischen Barth und Emil Brunner aus dem Jahre 1933, die sich auf die Affinität von «Oxford-Bewegung» und «Deutschen Christen» bezieht, sei besonders auf Ekkehart Stegemanns Auseinandersetzung mit der Barthschen Bibelhermeneutik verwiesen. Sie zeigt, wie eine moralisch und politisch reflektierende Theologie die «Frage nach Gott» aufzuschliessen vermag.

Barbara von Reibnitz

 

Merkur, Jahrgang. 53, Heft 9/10, September/Oktober 1999, Verlag Klett-Cotta, Fr. 30.&endash;; Transit Nr. 16, 1999, Verlag Neue Kritik, Fr. 18.&endash;; Die ZeitSchrift für Kultur, Politik, Kirche, Jahrg. 48, Heft 4, August 1999, Fr. 16.&endash;.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 08.11.1999

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