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Kämpferischer Auftritt des Papstes in Indien

Kein Abrücken von der Botschaft der Evangelisierung

Ein gebrechlicher, aber kämpferischer Johannes Paul II. hat am Sonntag abend in Indien seinen 89. Auslandsbesuch abgeschlossen. Bei der Schlusssitzung der Synode asiatischer Bischöfe rief er die Kulturen Asiens zum interreligiösen Dialog auf &endash; und die Kirchen Asiens zur Weiterverbreitung der Heilslehre. Der Papst fliegt am Montag nach Georgien weiter.

By. Delhi, 7. November

Eine Messfeier mit rund 50 000 Gläubigen hat am Sonntag den Höhepunkt des Indien-Besuchs von Papst Johannes Paul II. gebildet. Das Nehru- Stadion in der Hauptstadt Delhi war nur zu zwei Dritteln gefüllt, als das katholische Oberhaupt, in seinem Papst-Mobil stehend, im Stadion eine Runde drehte. Darauf feierte er die Messe, unter einem massiven Altaraufbau mit zwei gefalteten Händen &endash; dem indischen Begrüssungssymbol &endash; , die ein Kreuz in die Höhe hielten. Der 79jährige Würdenträger war sichtlich gezeichnet von seiner Parkinsonschen Krankheit und von den Anstrengungen des Vortags. Nach seiner Ankunft am Freitag abend war er am Samstag von Staatspräsident Narayanan empfangen worden und mit Premierminister Vajpayee zusammengetroffen, bevor er am Grab von Mahatma Gandhi einen Kranz niederlegte. Am Abend präsentierte er an der Schlusssitzung der Synode asiatischer Bischöfe das Dokument «Ecclesia in Asia».

Jesus, ein Asiate

Um den Papst war ein umfangreicher Sicherheitsring gelegt worden, weil Hindu-Gruppen Proteste gegen die christliche Bekehrungspraxis angekündigt hatten. Dank Präventivarresten kam es aber zu keinen nennenswerten Zwischenfällen; lediglich an zwei Orten musste die Polizei ein Dutzend Demonstranten mit schwarzen Transparenten von der Papst-Route zurückdrängen. In den letzten Wochen war es zu Kundgebungen gegen den Papstbesuch gekommen, bei denen radikale Hindus eine Entschuldigung für den Bekehrungszwang in der Kolonialzeit und den Rückzug aller Missionare forderten. Der Papst ging nicht direkt auf die Proteste ein. Er knüpfte in seiner Ansprache vor den Bischöfen vielmehr an die Äusserungen seiner indischen Gesprächspartner an, die ihm versichert hatten, dass die religiöse Toleranz ein Eckstein der indischen Politik sei, und er zollte Asien seine Hochachtung als Geburtsort grosser religiöser Traditionen &endash; darunter des Christentums.

Der Hinweis des Papstes, Jesus sei in Asien geboren, diente aber nicht nur dem Wunsch, den Dialog zwischen diesen Traditionen zu vertiefen. Er war auch ein Argument, die Frohe Botschaft in diesem Kontinent zu verbreiten. «Das erste Jahrtausend sah das Kreuz fest in die Erde Europas gepflanzt» sagte er in seiner Sonntagspredigt. «Im zweiten Jahrtausend folgten Amerika und Afrika. Möge nun das dritte Jahrtausend in diesem weiten und vitalen Kontinent eine grosse Glaubensernte einbringen.» Bereits am Vorabend hatte der trotz seinen Gebrechen kämpferische Johannes Paul klargemacht, dass «Ecclesia in Asia» die Bischöfe verpflichtet, «die Heilsbotschaft über die Länge und Breite der menschlichen Geographie Asiens zu verbreiten»; das Dokument sei ein «Aufruf zu Bekehrungen», sagte er so deutlich, dass man meinte, er halte insgeheim immer noch am alleinseligmachenden Anspruch der Kirche fest. Angesichts der heftigen Diskussion über die Legitimität von Bekehrungen im mehrheitlich hinduistischen Indien &endash; einer Kultur, die keine Bekehrungspolitik hat &endash; musste dies als Reizwort wirken. Es erstaunt daher nicht, dass einige Sonntagszeitungen «Papst: Bekehrt Asien!» als Schlagzeile wählten und damit weiter die Angst vor einem Kreuzzug der Kirche schürten. Es war auch wenig geschickt, dass die Organisatoren im Stadion auf einer Riesenwand neben dem Altar eine Weltkarte aufgezogen hatten, die aus der Zeit der kolonialen Eroberungen stammte &endash; mit Seeleuten und Missionaren am Bildrand &endash;, über die sie eine Bibel sowie das Alpha- und Omega-Zeichen gelegt hatten.

Abtreibung &endash; eine «Kultur des Todes»

Der Papst gab sich keinen Illusionen hin, dass der Weg zu einem christianisierten Asien ein weiter ist. Er sprach von Christenverfolgungen in Ländern wie China, den beiden Korea und Vietnam, und er geisselte Länder mit Staatsreligionen, die keine Religionsfreiheit zuliessen. «Wenn das grundlegende Recht der Religionsfreiheit verneint wird, stürzt das ganze Gebäude der Menschenwürde ein.» Zur Menschenwürde gehören für den Papst auch soziale und wirtschaftliche Menschenrechte, der Kampf gegen extreme Armut und Ungerechtigkeit, die trotz wirtschaftlichem und technologischem Fortschritt weiterexistieren: «Ohne Gerechtigkeit gibt es keine wahre Gottesverehrung.» Das Bevölkerungswachstum aber sei kein wirtschaftliches oder soziales, sondern ein moralisches Problem. Künstliche Empfängnisverhütung und Abtreibung, wiederholte der Papst seine bekannte Haltung, gehörten zu einer «Kultur des Todes». Am Montag reist das katholische Oberhaupt nach Georgien weiter.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 08.11.1999

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