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Christlich-muslimischer Streit in Nazareth

Umstrittener Plan zum Bau einer Moschee

In Nazareth ist ein heftiger Streit zwischen der christlichen und der muslimischen Gemeinde um ein Grundstück vor der Verkündigungskirche im Gang. Die israelische Regierung hat im Streit vermittelt, ist mit ihrem Kompromissvorschlag aber bei den ranghöchsten Kirchenvertretern in Israel auf wenig Gegenliebe gestossen.

gsz. Jerusalem, 5. November

Einige Monate vor Beginn des Jahres 2000 droht ein religiös geprägter Grundstück-Konflikt die Feierlichkeiten zum Jahreswechsel empfindlich zu stören. In Nazareth ist ein Streit zwischen der christlichen und der muslimischen Gemeinde um ein Grundstück im Gang, der nun schon seit Monaten schwelt und immer grössere Ausmasse annimmt. Sogar der Papstbesuch im Heiligen Land, der vom Vatikan provisorisch für den kommenden Frühling vorgesehen ist, wird durch den Konflikt in Frage gestellt. Beim Streitobjekt handelt es sich um etwa 700 Quadratmeter des öffentlichen Platzes vor der Verkündigungskirche. Der Waqf, die Verwaltungsbehörde für islamische Heiligtümer, behauptet, dass das Grundstück ihm vermacht worden sei, während die christliche Gemeinde den Platz für sich beansprucht. Der Waqf will darauf eine Moschee bauen.

Israel in der Rolle des Schlichters

Israel, das ja in Nazareth die Staatsgewalt innehat, versuchte in der Sache zu vermitteln, doch gleichzeitig gelangten die Streitparteien an das Oberste Gericht. Das Urteil, das die Oberrichter schliesslich aussprachen, lautete zugunsten der Christen, doch war damit nicht das letzte Wort gesprochen. Die Proteste und Unruhen nahmen nicht ab, und die Muslime beharrten weiter auf dem Bau einer Moschee. Israel versuchte erneut zu vermitteln und machte einen Vorschlag, von dem es sich erhoffte, beide Seiten würden damit zufriedengestellt.

Laut dem Plan soll zwar eine Moschee auf dem umstrittenen Grundstück gebaut werden, doch ist die christliche Gemeinde dafür mit einem 10 000 Quadratmeter grossen Grundstück aus Staatsbesitz zu entschädigen. Die Ladenbesitzer auf dem Platz vor der Verkündigungskirche sollen finanzielle Entschädigungen erhalten. Laut einem am Freitag verbreiteten Gerücht soll Israel den Muslimen zugesagt haben, für die Kosten des Baus der Moschee aufzukommen. Ein Sprecher des israelischen Ministeriums für innere Sicherheit erklärte, dass der Kompromiss sowohl von den Christen als auch von den Muslimen gebilligt worden sei.

Leisetreten gegenüber den Muslimen

Doch die Rechnung war ohne die Kirchenvertreter in Israel gemacht worden. In einem an «alle Botschafter, Christen und Reiseagenten im Heiligen Land» adressierten Schreiben verkündeten der lateinische, der griechisch-orthodoxe und der armenische Patriarch, alle Kirchen des Landes würden am kommenden 22. und 23. November aus Protest geschlossen bleiben. Mit Recht bemerkten die Patriarchen zwar, dass der vorgeschlagene Kompromiss dem obergerichtlichen Entscheid widerspreche. Aber dann gleitet das Schreiben ins Perfide ab.

Da wird bloss vom guten Einvernehmen gesprochen, das in Nazareth seit Jahrhunderten zwischen Christen und Muslimen geherrscht habe. Der Konflikt mit dem Waqf wird geflissentlich übergangen. Sodann wird allein Israel für den Zwist verantwortlich gemacht und behauptet, dass der jüdische Staat mit dem Kompromissvorschlag der Einheit des palästinensischen Volkes schaden wolle. (Wohlgemerkt: In Israel besitzen christliche und muslimische Araber die israelische Staatsbürgerschaft.) Offenbar darf das angeblich harmonische Verhältnis zwischen Christen und Muslimen um keinen Preis gestört werden, und der israelisch-palästinensische Konflikt muss als Ablenkungsmanöver herhalten. Die Tatsache, dass eine andere den Christen heilige Stadt, Bethlehem, unter palästinensischer Verwaltung steht, dürfte die Patriarchen zum Leisetreten gegenüber den Muslimen bewogen haben. Da ist es eben leichter, dem allseits ungeliebten Israel den Schwarzen Peter zuzuschieben.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 06.11.1999

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