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Unterwegs

Über das Ergriffensein – chorisches Beben und katholische Liturgie

Von Karl Heinz Ott

An einem nasskalten Tag flüchtete ich in der Wiener Innenstadt vor einem Wolkenbruch in eine Kirche und geriet mitten an einem Werktag in ein Hochamt: mit Rauchfass schwenkenden Ministranten und einem Priester, der im goldglitzernden Ornat, mit dem Rücken zur Gemeinde, die Messe lateinisch zelebrierte und der durch ein ornamentales Gitterwerk von den schwarzgekleideten, mit Kopftüchern zugeschnürten alten Frauen, deren Gesänge müde und deren Gebete mühselig klangen, getrennt war.

Ich war unversehens daheim, um dreissig Jahre zurück in die Kindheit versetzt, und sah mich als Ministranten, auf den Altarstufen kniend, das Confiteor Dei aufsagen, und wusste wieder, wie aufgeregt ich, wenigstens in der ersten Zeit, vor diesen öffentlichen Auftritten war. Unser Pfarrer missachtete die Weisungen des Zweiten Vatikanischen Konzils, die Liturgie den Heutigkeitsbedürfnissen anzupassen, und hielt so lange am jahrhundertelang gültig gewesenen Regelwerk fest, bis sein Bischof ihm die frühzeitige Pensionierung androhte. Erst dann liess er sich auf die neue, von den Reformern als gemeindefreundlicher angepriesene Gottesdienstordnung ein, und weil er sich fügte, konnte er weiterhin von der Kanzel herab Franco als einen eisernen Katholiken rühmen und gegen den gottlosen Willy Brandt hetzen, der Deutschland in seinen Augen an die Russen verkauft hatte. – Keiner hat ihm je widersprochen, und jene Orte, an denen andere Überzeugungen umgingen, lagen weitab von unserem Dorf. Seine Glaubenswelt galt uns mitsamt ihren tagespolitischen Schlussfolgerungen als so unangreifbar wie die Gewissheiten, dass dem Tag die Nacht und der Nacht der Tag folgt. In diesem Kosmos wollte ich seit langem nicht mehr beheimatet sein, aber während in mir solche in der Kindheit gedrehten Filmsequenzen abliefen, spürte ich, wie das alte rituelle Schauspiel mir bis heute näher ist als all die disputierseligen, pfadfinderfröhlichen Kirchentagsdiskussionen, die mich alle zwei Jahre über den Fernsehschirm erreichen. Leben möchte ich zwar in offenen, von keinen ewigen Wahrheiten erstickten Räumen, als Zuschauer ziehe ich aber den Bühnenzauber mit all seinen Verführungskünsten den verantwortungsschweren Humanitätsdebatten vor.

Damals, in unserem Dorf, waren alle religiösen Grundsatzfragen gelöst, weshalb es sie also gar nicht gab. Als ich in dieser Wiener Kirche dem Pfarrer und seinen Ministranten zuschaute, flimmerten die damaligen Maiandachten, die durch den dunklen Klosterpark verlaufenden Lichterprozessionen und die Fronleichnams-Blumenaltäre vor meinen Augen, und es kam mir auch jene erst viel später erlebte Ostermette in Thessaloniki in den Sinn, deren Gesänge mich mitternachts vom Meer weg in die Kirche lockten, wo ich mich, inmitten von Weihrauchschwaden, zwischen diesen Gläubigen fremd und aufgehoben zugleich fühlte und mir wünschte, wenigstens für eine Weile ihre Erlösungshoffnung noch einmal teilen zu dürfen. Und wie zur Ernüchterung erinnerte ich mich auch an den greisen Pater Haberstroh, bei dem wir im Internat am liebsten ministrierten, weil er die Morgenmesse an seinem Seitenaltar nur für sich allein, als seien wir gar nicht vorhanden, in weniger als einer Viertelstunde hinter sich brachte, und bei dessen geschwind vollzogener Verwandlung von Brot in Jesu Leib sich das gezischelte hoc est corpus meus tatsächlich wie Hokuspokus anhörte.

Zwei Wochen nach diesem Wiener Ereignis starrte ich im Stuttgarter Staatstheater in die von russischen Schauspielern während einer neunstündigen «Orestie» wieder zum Leben erweckte Antike hinüber. Ich verstand kein einziges Wort, begegnete jedoch in den bezirzenden und bedrohlichen, vernichtungsgierigen und friedenssehnsüchtigen Stimmen, im chornischen Auftrumpfen und Geraune, in den hochfahrenden und heillosen Monologen all den Schwingungen und Schwankungen, denen eine Seele ausgeliefert sein kann. Nach diesem nur allzu kurzen Bühnenmarathon bebte ich am ganzen Leib und wollte draussen im Theaterfoyer und auf der Strasse niemandem begegnen, in der Furcht, in einen Heulkrampf auszubrechen, der im Inneren längst tobte. Zum ersten Mal erfuhr ich, dass jene vielbeschworene Katharsis, die im Zuschauer eine schwerlich nachprüfbare und doch spürbare Verwandlung bewirken soll, sich sogar in körperlichen Katarakten ausdrücken kann.

Als ich durch Stuttgarts nächtliche Strassen ging, kam mir auch die Wiener Eucharistiefeier in den Sinn, und ich wusste nicht, ob mich der Festglanz und das Orgeldröhnen eines Hochamts oder die am Karfreitag düster zelebrierte Passionsgeschichte einst auch so aufgewühlt hatten wie jetzt das Drama der Klytämnestra und ihrer Kinder. Ich wusste nur, dass das Theater mich hören und schauen liess, bis ich nur noch aus Hören und Schauen zu bestehen schien, dass es mich so übermächtig in seinen Bann gezogen hatte, dass ich glaubte, während dieser zeitlos gewordenen Stunden spiele sich dort, auf dieser Bühne, die keiner blossen Bühne mehr glich, sonder sich in den allerweitesten und zugleich dichtesten Wirklichkeitsraum verwandelt hatte, eine ebenso übergeschichtliche wie alle Geschichte beherrschende Wahrheit in ihrer sichtbarsten Gestalt ab. Dabei musste ich, anders als im Gottesdienst, hier an nichts Bestimmtes glauben, an keinen Himmel und keine Verdammnis, und konnte doch beides auf ganz irdische Weise in diesem Drama durchleben.

Im nachhinein kam mir das Wiener Hochamt weitaus kämpferischer als die «Orestie» vor, obwohl in der Kirche keine sichtbare Gewalt im Spiel war, und das Gemurmel der alten Frauen träger als das chorische Beben dieser russisch redenden Männer aus Argos klang. Auf der Bühne fügten sich viele Stimmen ineinander und rannten gegeneinander an, ohne dass einer einzigen die ganze Wahrheit gehörte, während in der Messe der Priester als der Stellvertreter eines Gottes auftrat, den er und seine Gemeinde für den einzigen halten. Die auf einen Höchstgewaltigen hin orientierte Liturgie betrachtete ich aus dem Blickwinkel eines Zuschauers, der sich selbst in einem Film begegnet, in dem er einst in einer zwar bescheidenen, ihm damals aber gewichtig erscheinenden Rolle mitgespielt hatte. Weil er das Drehbuch immer noch kennt, fühlt er sich in ihm daheim, obwohl er dieser Welt mit staunenden, des schlichten Glaubens nicht mehr mächtigen Augen begegnet.

Selbst wenn sie vom Eingeschlossensein handeln, weisen Bühnenräume in eine Unendlichkeit, die nicht über den Wolken liegt, sondern in jenes Meer hinaus weist, das sich für mich hinter jeder Theaterszenerie öffnet, seit ich von Delphi aus hinab auf den Golf von Korinth sah und dabei dachte, hier hätten die Götter wie einer menschlichen Gestalt bedurft, weil sie immer noch in den Naturmächten leben. Vom Fels aus schaute ich über Olivenhaine hinweg zum Horizont hinab, dorthin, wo Meer und Himmel ineinanderfliessen, unter meinen Füssen eine steinerne, von ihren Figuren längst verlassene Schaustätte, die noch in ihrer Leere von ihrem nachglühenden Dasein kündet.

Ganz anders blicke ich, immer kleiner werdend und gekrümmt, in den gegen alles Aussen abgeschotteten Kathedralen zu den Deckengewölben, zu den Heiligen- und Märtyrerstatuen und zu den Lichtrosetten hinauf, mit dem erniedrigenden Gefühl, am unteren Ende einer Leiter zu stehen, die allem, was lebt, einen Rang in einer steilen Stufenordnung und damit eine Ferne oder Nähe zu diesem einen, alles überwachenden, am Jüngsten Tag strafend auftretenden Gott zuweist. Als ich vor wenigen Wochen auf dem klobigen Turm der Schlosskirche in Wittenberg den Luther-Vers «Ein feste Burg ist unser Gott» las, stellte sich mir dieser ganze Glaube als ein Bollwerk dar, und jede Kirche wollte mir bei diesem Anblick als eine Trutzburg erscheinen.

Der Unterschied zwischen einem Theater und einem Gotteshaus, so dachte ich in dieser Stuttgarter Nacht, zeigt sich am deutlichsten daran, dass an den Verkündigungsorten nicht gelacht wird. Die Selbstzerfleischungskämpfe der Agaier gaben zwar keinen Anlass zum Kichern, aber zwischen ihren Anklage- und Rachereden schimmerte ein alltägliches Leben durch, das, wie überall, des Komischen nicht entbehrt. Seiner Tragödien-Trilogie liess Aischylos, wie es damals üblich war, ein Satyrspiel folgen, das wir Heutigen, weil es verschollen ist, nicht mehr aufführen können. Zu dieser Grösse, sich aus den dunklen Wahrheiten und trunkenen Hoffnungen in einem Anfall schicksalsergebenen Verzweiflungsjauchzens hinauszulachen, reicht es den Gläubigen nur selten.

Als Kind träumte ich beim Einschlafen oft den Besuch des Papstes herbei und malte mir aus, wie sein Erscheinen unser Dorf, seine Giebel und Dächer, die Allee- und Klosterbäume, die Gärten und Gassen, die Wiesen und Felder um unsere Ortschaft herum, aber vor allem uns selbst mit einem verklärenden Leuchten umgeben würde. Nicht Jesus und nicht Maria und schon gar nicht jener Gott, der mir in seiner Allgewaltigkeit vor allem bedrohlich und keineswegs lieb zu sein schien, sondern der Papst sollte im blütenweissen Gewand, mit Hirtenstab und Tiara, unsere Strassen durchschreiten, und seine Gunst, einen Tag lang unter uns zu weilen, sollte alle, die in diesem Dorf leben, erlösen, ohne dass ich gewusst hätte, wovon Paul VI. uns hätte befreien sollen. – An all das dachte ich in dieser Wiener Kirche, und wenige Tage danach, in jener Nacht, als ich zitternd durch die rotlichternden Gassen der Stuttgarter Altstadt ging, kam mir Rom weit abseitiger als Troja vor, und meine Kindheit rückte mir so fern, als habe derjenige, dem diese Erinnerungen kommen, mit diesem anderen, der früher vom Papst geträumt hatte, nichts zu tun, als seien es zwei verschiedene Wesen, die sich zufällig einmal über den Weg gelaufen sind. Doch beide, der Grossgewordene und der Heranwachsende, sehnten und sehnen sich immer noch nach dem überwältigenden, Wirklichkeit werdenden Theater. Den Ministranten hat es täglich in den Klosterpark gezogen, wo er den Goldfischen im Teich zuschaute, den Schwestern beim Rechen der Kieswege half und mit ihnen beim Angelusläuten, betend zwischen den grossmächtigen Bäumen stehend, zur lebenden Statue erstarrte. Obwohl dieser Park mitten im Dorf lag und durch seine Hecken die Traktoren-, Mähdrescher- und Kreissägengeräusche und auch die Flüche seines Onkels wie aus weiter Ferne hereinwehten, fühlte er sich dort in einem seligen Zeitstillstand. Noch heute wünscht der Erwachsene sich, wenn er an einem Kloster vorbeikommt, wenigstens einen halben Tag lang in dessen Innenhof zubringen zu dürfen.

Für den Gottgläubigen wie den Gottfernen gibt es eine Andächtigkeit diesseits der Glaubenswelten: Wann immer ich draussen auf einer Bank einen Lesenden sehe, begegnet mir ein Friedensbild, und dieser Segen ist an keinen bestimmten Text gebunden. Ohne diesen in eine Schrift hellwach Versunkenen zu kennen, vertraue ich ihm in diesem Augenblick, als könne nie eine Gefahr von ihm ausgehen. Ob er sich auf seiner einsamen Pilgerfahrt gerade im Himmel oder in der Hölle befindet, spielt keine Rolle, denn er ist unterwegs und noch nirgends angekommen. Jedes Buch kann für ihn zum Buch der Bücher, zu einer Bibel, zu einer Offenbarung werden, die «Orestie» des Aischylos ebenso wie die Evangelien. In der Dichtung muss der Lesende an nichts glauben, aber auch nichts widerlegen. Sie erlöst ihn vom Meinen und Müssen und kann ihn in einen Schwebezustand hineingleiten lassen, in dem Erregung und Ruhe, Gier und Erfüllung eins sind.

Als ich an diesem nasskalten Herbsttag aus der Wiener Kirche auf den vom Regenwind durchpeitschten Platz hinaustrat, stülpte der Sturm nicht nur meinen Schirm um, als sollte, auf höhere Weisung hin, das herabströmende Wasser nicht abgewehrt, sondern aufgefangen werden. Anderen, denen das Kunststück gelang, ihren Schirmen die Kuppelform zu bewahren, drohte wie dem Fliegenden Robert das Verschwinden in einem schwarzgrauen Himmel. Mir kamen jene salomonischen Beschwörungsverse in den Sinn, die behaupten, sowohl die Weisheit als auch die Gottgefälligkeit seien nichts als ein Haschen nach Wind, und ich dachte, hier, auf diesem Platz, kehre sich das Verhältnis von Suchen und Heimgesuchtwerden um, und der Wind greife auch nach denen, die ansonsten nach ihm schnappen. Ich flüchtete wieder in die Kirche zurück, um mich vor diesem Ergriffenwerden zu schützen. Ein Theater hätte mir um diese taghelle und doch dunkle Stunde seine Tore noch nicht geöffnet.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 13.11.1999

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