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Jüdischer Gottesstaat oder westliche Demokratie?

Vom schwierigen Grenzgang zwischen Wertsystemen

In einem jüdischen Gottesstaat leben, nein, das könne er nicht, eher würde er auswandern. Ähnlich wie Professor Assa Casher, der in Israel als spiritueller Nachfolger des verstorbenen Philosophen Jeshajahu Leibowitz gilt, denken die meisten Israeli. Doch die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Orthodoxie im Machtzentrum etabliert, ist äusserst gering.

Die orthodoxe Gesellschaft in Israel wird ihren Status als Staat im Staate nicht ewig halten können, ihre Ränder werden aufweichen und sich weltlichen Einflüssen öffnen. Dieser Überzeugung ist Assa Casher, und die Meinung des Dozenten der Tel Aviver Universität hat Gewicht. Als bestes Beispiel für diese Entwicklung nennt er den «Nachal Haredi», eine neugegründete Armee-Einheit für orthodoxe junge Männer. Tatsächlich ist das freiwillige Antreten des Militärdienstes (von dem die strenggläubigen Juden gesetzlich befreit sind) ein schier revolutionärer Akt. Er symbolisiert die Auflehnung gegen die starren Regeln der orthodoxen Ghettos, gegen den Willen ihrer Väter und steht für ein Bekenntnis zum weltlichen Israel.

Auf die Frage eines Fernsehreporters, ob sie denn nach Absolvierung des «Nachal Haredi» zurück in ihre alte Umgebung möchten, schüttelten die meisten Rekruten den Kopf. Kaum einer möchte in die klaustrophobische Welt der Talmudschulen und Gebetsstuben zurück, viel lieber wollen sie Geld verdienen. Doch auf dem Arbeitsmarkt werden sie es schwer haben, einen gutbezahlten Job zu finden, denn dafür reicht ihre Ausbildung nicht. Ein Leben lang haben sie von staatlichen Subventionen gelebt, tagaus, tagein über biblischen Texten gebrütet, Psalmen rezitiert, enthaltsam gelebt. Um in einer säkular orientierten Welt Fuss zu fassen, benötigen sie Nachschulungen und Fortbildungskurse.

Universum der Armut

Darüber, dass die rein religiöse Erziehung in eine Sackgasse führt und den Heranwachsenden kaum Chancen für die Zukunft bietet, sind sich die Experten einig. Die orthodoxe Welt ist ein Universum der Armut, abgeschirmt von modernen Versuchungen – ohne Fernsehen, Kino oder Internet. Doch ist es gerade der Staat Israel, den die antizionistische Ultraorthodoxie so vehement ablehnt, der diese Lebensweise überhaupt erst ermöglicht. In den jüdischen Gemeinden Osteuropas mussten die Männer neben ihrem Talmudstudium noch einen regulären Beruf ausüben, um ihre kinderreichen Familien zu ernähren. Erst das moderne Israel bescherte ihnen Sozialhilfe und staatliche Subventionen, die Befreiung von Steuern und Militär. Dass dieser Sonderstatus langfristig nicht aufrechtzuerhalten ist, darüber herrscht in Israel ein breiter Konsens.

«Was würde denn passieren, wenn morgen die Rabbiner das Heft in die Hand gedrückt bekommen? Israel würde zugrunde gehen und die Wirtschaft kollabieren», erzürnt sich Tommy (Josef) Lapid. Der ehemalige Journalist und Fernsehmoderator hat mit seiner neugegründeten antireligiösen Partei «Shinui» (Wechsel) bei den letzten Parlamentswahlen gleich sechs Mandate eingeheimst und schreckt vor scharfer Polemik nicht zurück: Iran, so äussert er sich etwa, sei abschreckendes Beispiel genug für einen religiösen Gottesstaat. Seit der 68jährige seine politischen Tiraden vom Fernsehschirm auf die Parlamentsbühne verlegt hat, traut er sich nur noch im Schutz bewaffneter Bodyguards nach Jerusalem. Dabei habe er gar nichts gegen die Religion, sondern nur gegen deren Instrumentalisierung: «Man muss nicht den Staat von der Religion trennen, sondern die Religion von der Staatskasse», ereifert sich Lapid. Der normale Bürger habe die religiösen Restriktionen satt – und davon gibt es viele: In Israel können keine interkonfessionellen Ehen geschlossen werden, ausländische Gäste dürfen in den Hotels kein Sylvester feiern, am Sabbat gibt es keine öffentlichen Verkehrsmittel. Dadurch werde, so Lapid, das Gebot des Ruhetages zum antisozialen Gesetz degradiert – denn nur wohlhabende Israeli, die ein eigenes Auto besitzen, können sich am Sabbat frei fortbewegen.

Immer wieder geraten fundamentalistische Rabbiner mit spektakulären Äusserungen in die Schlagzeilen. Auch wenn die ultraorthodoxen Oberhäupter weder die Macht noch den Rückhalt haben, einen jüdischen Gottesstaat auf Erden auszurufen, haben sie in ihrem Milieu einen nicht zu unterschätzenden Einfluss. Jüngst haben 250 Rabbiner ein neues halachisches Gesetz erlassen, das es verbietet, Teile des biblischen Landes Israel an Nichtjuden abzutreten. Eine Million Kopien des Pamphletes wurde bereits in Umlauf gebracht. Im Hinblick auf die laufenden Verhandlungen zwischen Israeli und Palästinensern und die damit verbundenen Räumungen jüdischer Siedlungen könnte dieser Erlass durchaus zu Blutvergiessen führen.

Bisher waren alle Regierungen – ob rechts oder links – von der Gunst religiöser Splitterparteien abhängig. Auch in Baraks breit angelegter Koalition sitzen zwei religiöse Parteien. Obwohl im Parlament vertreten, tun sie sich alle gleichermassen schwer mit den Prinzipien der demokratischen Grundordnung. Die nationalreligiöse Partei (NRP) etwa, religiöser Flügel der zionistischen Siedlerbewegung, fordert in ihren Statuten eine an der jüdischen Religion orientierte Gesetzgebung und Erziehung. In ihrem Parteiprogramm steht der religiös begründete Anspruch auf das «Heilige Land Israel».

Doch obwohl die NRP danach strebt, eine Gesellschaft auf dem Wertesystem der Tora aufzubauen, akzeptiert sie doch den Staat Israel und distanziert sich vom Gottesstaat nach haredischem Modell. – Wichtigster religiöser Verbündeter Baraks ist die sephardisch-orthodoxe Shas- Partei, die als drittstärkste Fraktion mit 17 Abgeordneten ins Parlament einzog und damit im säkularen Israel Beunruhigung auslöste. Doch Shas ist mehr als eine religiöse Partei, sie gilt vielen als Anwältin der sozial Benachteiligten, der Armen und Underdogs. Ihre Wähler sind marokkanische und irakische Juden, die sich vom aschkenasischen Establishment diskriminiert fühlen. Als Deri seine Jünger dazu aufrief, sich zwischen einem jüdischen Staat und einer westlichen Demokratie zu entscheiden, erzürnte das Tommy Lapid. Für den Chef der Shinui-Partei sind diese beiden Paradigmata kein Widerspruch. Jüdisch und demokratisch – warum sollte das nicht zu vereinen sein? Lapid plädiert für die Dualität Israels: «Wir sind eben das Land des Handy und der Schläfenlocken, High-Tech-Hochburg und mittelalterliches Ghetto zugleich.» In einer funktionierenden Demokratie müsse auch Platz für Religion und orthodoxe Parteien sein – solange sie sich an die demokratischen Spielregeln halten.

Staat für Juden oder Staat für alle?

Einundfünfzig Jahre nach der Staatsgründung bewegt die Nation die Frage nach ihrem politisch- gesellschaftlichen Selbstverständnis. Ist die jüdische Demokratie Staat der Juden oder Staat all ihrer Bürger? Können jüdische Prinzipien neben demokratischen bestehen? Obwohl die Mehrheit der Israeli einen jüdischen Gottesstaat vehement ablehnt, ist die Trennung von Staat und Religion auch in säkularen Kreisen ein heikles Thema. Um einer Konfliktlösung aus dem Weg zu gehen, hat Israel bis heute keine geschriebene Verfassung. Sogar der liberale Freigeist Assa Casher stellt sich gegen eine konstitutionelle Trennung von Synagoge und Staat. Im christlichen Europa hätten Kirche und Staat auch Hunderte von Jahren zur Abnabelung voneinander gebraucht und dabei viel Blut vergossen. Casher bezieht den Terminus jüdisch auf das Volk und nicht explizit auf die Religion: «Israel wurde als Heimstätte für die Juden erbaut. Wir waren immer eine Minderheit, immer abhängig von anderen, wurden beherrscht, diskriminiert, verfolgt, ermordet.» Der Staat Israel habe dem endlich ein Ende gesetzt. Israel sei nichts anderes als der demokratische Staat des jüdischen Volkes.

Dass die Begriffe jüdisch und demokratisch sich nicht widersprechen, entschied bereits 1988 der Oberste Gerichtshof. Seither wird jüdisch nicht mehr in einem streng religiösen Sinn interpretiert, sondern bezieht sich auf die Grundwerte des Judaismus, die durchaus mit demokratischen Grundsätzen vereinbar sind. Sogar Lapid, Sinnbild des aufgeklärten Israeli, hält nichts von einer Trennung von Religion und Staat. Das jüdische Volk habe doch immer aus den zwei Komponenten Glaube und Nation bestanden, dabei vergleicht er deren Beziehung mit der siamesischer Zwillinge: «Man kann nicht einen umbringen, ohne auch den anderen zu töten.»

Naomi Bubis

 

© Neue Zürcher Zeitung - 13.11.1999

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