Pressespiegel

Kirche-Religion-Gesellschaft


Direkt zur Online-Ausgabe der NZZ

Aargauer Zeitung

Basler Zeitung

Berner Zeitung

Blick

Freiburger Nachrichten

Neue Luzerner Zeitung

Neue Zürcher Zeitung

St.Galler Tagblatt

Tages-Anzeiger

Facts

Sonntagsblick

Sonntagszeitung

Weltwoche

Wochenzeitung

 

Sein grosses Genie konnte er nicht malen

Pier Leone Ghezzi im päpstlichen Rom

Leicht mürrisch blickt der Dargestellte aus dem Bild. Seine Kleidung, von diskreter Eleganz, wirft das einfallende Licht in Goldstickereien und Goldknöpfen zurück. Die grosse Allongeperücke ist zwar sorgfältig frisiert, aber die Haltung eher lässig. Viel verrät das Gemälde vom Status des Abgebildeten, aber wenig von seinem Naturell. Zwar galt der Maler Pier Leone Ghezzi (1674–1755), der sich derart 1747 zum letztenmal selbst porträtiert hat, in den Augen seiner Zeitgenossen als weltgewandter Grandseigneur. Doch die andere Seite des vielseitig begabten Künstlers, seinen beissenden Witz und seine Ironie, enthüllt die Selbstdarstellung nicht, wohl aber die Römer Ausstellung.

Mit nur 34 Jahren war Ghezzi schon derart renommiert, dass ihn Papst Klemens XI. Albani zum Maler der Camera Apostolica ernannte. Ein ökonomisches Motiv mag dabei mitgespielt haben: Der päpstliche Hofmaler konnte nun auf Kosten der Camera auch für Familienporträts herangezogen werden. Glänzendes Beispiel dafür ist das Bildnis des Carlo Albani (Stuttgart) aus den ersten Jahren nach der Ernennung Ghezzis zum Hofmaler. Der junge Aristokrat wird zwar mit zahlreichen Insignien seiner hohen Stellung erfasst. Doch sie rücken scheinbar ebenso zufällig ins Bild wie die Person selbst. Eine steife, höfische Inszenierung ist der Erfassung des Privatmannes gewichen. Wesentlich trägt zu diesem Eindruck der Hintergrund bei, der keine Rauminformation erhält, sondern mit dem Pinsel nur monochrom hingetupft wurde. Diese Porträtkonzeption wird von Ghezzi auch dann beibehalten, wenn er Papst Klemens XI. selbst malt. Dabei erhöht und adelt er die Gattung künstlerisch durch Pinselstrich und Farbbehandlung derart, dass das Bildnis einer Unbekannten (Nantes) auch schon Antoine Watteau zugeschrieben wurde.

Diese falsche Attribution ruft ein anderes Phänomen in Erinnerung, für das Ghezzi ebenfalls steht: die Internationalisierung der Malerei im frühen 18. Jahrhundert. Der Campanilismo, die kulturelle Kirchturmpolitik, war damals in Italien überwunden, die Trennung in italienische Malschulen irrelevant und einem Eklektizismus gewichen, den Ghezzi dezidiert vertrat. Französische Porträtkonzeption, neapolitanisches oder venezianisches Kolorit wurden nach Bedarf und Belieben kombiniert und vermischt. Doch obwohl das Porträt innerhalb von Ghezzis Œuvre einen hohen Stellenwert hat, gewinnt man nicht die Überzeugung, ihm habe Ghezzis besondere Vorliebe gegolten, ebensowenig wie dem Historienbild. Auch dort dürfte eher Professionalität als Affinität ins Gewicht gefallen sein. Das künstlerische Interesse manifestiert sich im Detail, der Erfassung feiner Seiden- und Spitzenstoffe etwa. Ab und zu leuchtet aber ein Aperçu auf, so in dem Gemälde «Die heilige Giuliana Falconieri erhält das Ordensgewand» (Rom), wo die Szene im Vordergrund mit dem gemalten, eindeutig nach einer Frührenaissance-Vorlage wiedergegebenen Altarbild kontrastiert. Zwei Abbildungsmodi, zwei Kompositionsweisen sind hier in einen sich gegenseitig steigernden Antagonismus gerückt. All das kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Ghezzis wahre Sympathie in eine ganz andere Richtung ging: zur Karikatur.

Ghezzi ist in die Kunstgeschichte vor allem als einer der grossen Karikaturisten eingegangen. Die Karikatur ist an sich weit älteren Ursprungs, an Beispiele von Leonardo, Annibale Carracci oder Bernini sei nur en passant erinnert. Doch während man aus Quellen weiss, dass Carracci oder Bernini die Karikatur «sich selbst zur Freude und anderen zum Vergnügen» zeichneten, wird sie bei Ghezzi zum eigentlichen Thema, ja fast zur Untergattung des Porträts. Derart viele Karikaturen hat er angefertigt, dass bis heute niemand ihre genaue Anzahl zu benennen weiss. Bloss zur eigenen Freude geschah dies nicht, obwohl niemand karikieren kann, dem nicht der Schalk in den Knochen steckt. Die Orientierung auf das Publikum hin kommt vor allem darin zum Ausdruck, dass er auf den Werken die Personen nicht nur beschriftet, sondern auch über die Umstände ihrer Erfassung informiert, die bisweilen nicht frei von moralischen Einschüben sind. So ist unter der Karikatur der Elisabetta Cardalli zu lesen, sie habe ihre Katze abgöttisch geliebt und wie ein Schosshündchen behütet. Der Schluss dazu: «Alle Frauen sind verrückt.» Sozialkritische Komponenten fehlen ebenfalls nicht. Papst Benedikt XIII. auf dem Totenbett lässt sofort eine Ahnung aufkommen, dass es sich dabei nicht um den Lieblingspapst der Römer handelte. Andernorts fliessen Künstlertopoi ein: Mit dem vor der Leinwand zum Affen mutierenden Maler Paolo de Matteis spielt Ghezzi ganz unmittelbar auf den Topos vom Künstler als Affen der Natur an. Dass Ghezzis Altersporträt so gar nichts von diesem beissenden Witz mitteilt, ist eigenartig. In einer anderen Selbstdarstellung aus dem Jahre 1727 in der Villa Falconieri zu Frascati sitzt der Maler auf einer Brüstung, deren lateinische Inschrift auf deutsch besagt: «Ghezzi hat hier sein Gesicht und seine Kunst durch seine Hand dargestellt, aber sein grosses Genie hat er nicht malen können.» Offenbar hat er auch im Altersporträt sein besonderes Genie, nämlich seinen Schalk und seinen Humor, noch immer nicht zu erfassen vermocht.

Axel Christoph Gampp

 

Die Ausstellung «Pier Leone Ghezzi. Settecento alla moda» ist in der Galleria d'Arte antica im Palazzo Barberini in Rom noch bis zum 8. Dezember zu sehen. Ein Katalog dazu ist bei Marsilio, Venedig, erschienen (ISBN 88-317-7173-6).

 

© Neue Zürcher Zeitung - 16.11.1999

Recherche
Links
Archiv
Suchen
Impressum

Nach oben