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Für ein neu überdachtes Petrusamt

Aus Anlass einer Studie von Hermann J. Pottmeyer

Vor kurzem hat der Pressesprecher des Vatikans – warum gerade ihm diese Aufgabe zufiel? – eine Weisung an die Gläubigen der römisch- katholischen Kirche erlassen müssen: sie sollten sich, wenn sie «Zweifel» hätten (Zweifel welcher Art? das wird nicht gesagt), an den Priester wenden und nicht an den Papst; die tägliche Post sei für den Heiligen Vater zuviel. Das klingt durchaus plausibel. Die Frage ist nur, warum so viele Kirchenglieder die für den Papst so lästige Gewohnheit angenommen haben, immer gleich an ihn zu schreiben. Es scheint beinahe, als vertrauten sie nur dieser einen Autorität – von der ja die ihr untergeordneten Instanzen tatsächlich oft zur Ordnung gerufen werden: der Papst diktiert den deutschen Bischöfen den Wortlaut eines Satzes, der auf einem Beratungsschein für schwangere Frauen zu stehen hat; der Papst verbietet australischen Ordensleuten, sich an einer neuen Institution für die Behandlung von Drogenabhängigen zu beteiligen; liegt es nicht nahe, einen Papst, der so direkt ins Einzelne hineinregiert, ebenso umweglos anzugehen?

Unter dem nicht besonders glücklichen Titel «Die Rolle des Papsttums im Dritten Jahrtausend» legt Hermann J. Pottmeyer, katholischer Fundamentaltheologe an der Universität Bochum, eine knapp gefasste Untersuchung vor, die einerseits geeignet ist, das Nachdenken über eine künftige Form des Kirchenregiments anzuregen, und andererseits nur zu deutlich erkennen lässt, wie künftig dieses Nachdenken selber noch ist. Den Ausgangspunkt bildet die Enzyklika «Ut unum sint», in der Papst Johannes Paul II. vor mehr als vier Jahren «die kirchlich Verantwortlichen und ihre Theologen» im ökumenischen Umkreis zu einem «brüderlichen, geduldigen Dialog» über «eine Form der Primatsausübung» einlädt, «die zwar keineswegs auf das Wesentliche ihrer Sendung verzichtet, sich aber einer neuen Situation öffnet».

Pottmeyer erinnert an die Feststellung Pauls VI., dass man ausserhalb der katholischen (lateinischen) Kirche das Papsttum als grösstes Hindernis auf dem Weg der Ökumene betrachte. Der Autor meint aber auch, es seien «mit dem Fehlen eines universalen Dienstes der Einheit ausserhalb der katholischen Kirche belastende Erfahrungen gemacht» worden – eine Beobachtung, die zu lokalisieren und des nähern zu interpretieren wäre. Aber sein Buch hat ein anderes Thema, nämlich die innerkatholische Reform des Papstamts, «seine Überführung aus der Gestalt des 19. Jahrhunderts in eine Gestalt, die dem wesentlichen Gemeinschaftscharakter der Kirche wie der neuen Situation ihrer grösseren katholischen Vielfalt entspricht». Unbillig wäre es, Anstösse zu einer solchen Reform (sofern sie erwünscht wären) von einer Vielzahl und Vielfalt ökumenischer Partner zu erwarten und nicht von sich aus, bei sehr viel grösserer Handlungsfreiheit und -fähigkeit, den eigenen status quo zu überprüfen – wie aber nun Pottmeyer es tut.

Natürlich überlagern sich – doch auch das ist nicht sein Hauptthema – innerkatholische und ökumenische Probleme. Der Gedanke eines kirchenübergreifenden Petrusdienstes kann sich dann besonders schwer durchsetzen, wenn derselbe Papst, der nach aussen von einer möglichen Neukonzeption dieses Dienstes spricht, dennoch so entschieden wie möglich am Prinzip des «Roma locuta» und an einer zentralistischen Herrschaftsform festhält. Der gleichzeitige Anblick einer offenen Hand und einer geschlossenen Faust ist zumindest verwirrend.

Die Studie Pottmeyers zeigt die kombinierte Entwicklung der Souveränitäts-, der Primats- und der Unfehlbarkeitstheorie – eine Entwicklung, die im Ersten Vatikanischen Konzil gipfelte und die das Zweite Vatikanum von diesem «Gipfel» nicht wieder hat lösen können, so nachdrücklich auch seine Haupttendenz in diese Richtung wies. Das Konzil hat die kollegiale Struktur der Kirche allerdings so weit herausgearbeitet, dass mindestens ein Reformprojekt sozusagen bereitliegt. Die Einrichtung der Bischofssynode besteht, und es kann ihr jederzeit der Sinn wiedergegeben werden, den sie nach der Vorstellung Pauls VI. hatte: in ihr sollte die multikulturelle Gestalt der Eglise réelle gegenüber dem Einheitsmodell der Eglise légale auf verbindliche Weise zur Geltung kommen; aus dem Schattendasein, das sie gegenwärtig führt, kann sie von einem Tag auf den andern heraustreten; und es wäre verwunderlich, wenn nicht noch weitere Pläne für ein weniger monarchisches Kirchenregiment bestünden.

Doch erst wenn diese Zukunftsmusik unter einem – hier müsste man wirklich sagen: begnadeten – Dirigenten vernehmbar wird, kann man an einen, und sei es noch so «geduldigen», ökumenischen Dialog über den Petrusdienst denken. Solange die Weisung an die katholischen Gläubigen, sich auf ihre lokalen Autoritäten zu besinnen, auf so betont subalterner Stufe ergeht, wäre es schon allzu optimistisch, auch nur von ekklesiologischen Ermüdungserscheinungen zu sprechen.

Hanno Helbling

Hermann J. Pottmeyer: Die Rolle des Papsttums im Dritten Jahrtausend. Herder-Verlag, Freiburg i. Br. 1999. 155 S., Fr. 36.–.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 17.11.1999

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