Pressespiegel

Kirche-Religion-Gesellschaft


Direkt zur Online-Ausgabe der NZZ

Aargauer Zeitung

Basler Zeitung

Berner Zeitung

Blick

Freiburger Nachrichten

Neue Luzerner Zeitung

Neue Zürcher Zeitung

St.Galler Tagblatt

Tages-Anzeiger

Facts

Sonntagsblick

Sonntagszeitung

Weltwoche

Wochenzeitung

 

Die Zeit der bunten Dinge

Weihnachtsmärkte in Strassburg, der Weihnachtshauptstadt: Weihnacht nonstop

Sei wie ein Kind. Vergiss, was war. Denk nicht, was wird. Stell dich auf die Place Broglie, jetzt, in der Dämmerung, an diesem Abend im Advent. Dann siehst du: Eine goldene Kirche mit einem Turm wie ein versteinerter gotischer Spargelbund, der bis zum Himmel ragt, bis zum Himmel, und weil er da oben an die Wolken stösst, macht es nichts, dass der zweite Turm nicht zu Ende gebracht wurde. Er hört einfach auf, ein Turmstumpf. Sein himmelhoher Bruder wirkt, in aller Pracht, wie eine Prothese; der Vollkommene und der Unvollendete, ein weihnachtliches Gleichnis.

Doch ein Kind denkt solche Dinge nicht. Nein: stell dich vor die Kirche und sieh den Platz mit den Marktbuden, die Lichter, die bunten Dinge, Spielzeuge, Schmuck, Töpfe, Leckereien, sieh die Alten und die Jungen mit den roten Mützen des Weihnachtsmanns, sieh die Madonna von den Gewürzen, wie sie, umschmeichelt von Sommerdüften, im kalten Dezember steht, schwarzhaarig, dunkeläugig, blass wie ein Engel. Riech den Glühwein und die gebrannten Mandeln – was für ein unbändiger Duft zwischen den schmalen alten Häusern, alles erobert er, eine Marseillaise de Noël. Hör die Musik, die kleinen klassischen Bläserkonzerte, die Weihnachtssänger, die Peruaner mit Flöten und Rasseln, die Dixieland-Band, und alles zusammen schwebt über dem Platz wie eine Wolke aus Rhythmus und Klang und tut sich nicht weh. Beobachte die Glühweintrinker, wie sie wartend vor dem zimtduftenden Topf stehen, geduldig, tänzelnd vor Lust und vor Kälte, wie erst ihr Atem kleine Wölkchen bildet und danach der heisse Wein in ihren Bechern dampft. Sie lächeln. Sie sind vergnügt. Sie machen Scherze. Sie scheinen ihre Sorgen zu vergessen, obwohl sie erwachsen sind. Es muss Weihnachten sein.

Spielt es eine Rolle, dass der Weihnachtsmarkt fünfhundert Jahre alt ist? Fünfhundert Jahre! Oder noch älter. Zuvor hiess er Klausenmärik, Klausenmarkt. Vor vierhundertdreissig Jahren ist er als Klausenmarkt verboten worden, weil Johannes Flinner, ein protestantischer Prediger, wehe seinem Andenken, er hatte nicht begriffen, gegen den Heiligenkult wetterte. Seither heisst er Le Christkindelsmärik. Die Elsässer reden so, dreisprachig, auch wenn ihr alemannischer Dialekt, das Elsässerditsch, einen schweren Stand hat. Aber sie werden immer sagen, dass sie zum Bredelemarkt an der Place de la Gare gehen, zum Weihnachtsmarkt der Bäcker und Konditoren, und sie werden hier Bredele kaufen, Weihnachtsgebäck, oder Mannala, Kuchenmännchen, und Springerle, Anisbrötchen mit kunstvollen Motiven, und ganz sicher Beerewecka, Weihnachtsbrot mit Birnen und getrockneten Früchten, das man am 24. Dezember isst.

Nein, Zeit spielt keine Rolle, heute nicht. Du kannst dir nicht fünfhundert Weihnachtsmärkte aufs Mal vorstellen. Du kannst dir nicht vorstellen, dass die Stadt so alt ist wie das Christentum, dass die Meister am Wunder des Münsters Jahrhunderte gebaut haben, dass sich einer dieses Mittelportal mit der Passionsgeschichte ausgedacht und aus dem rosaroten Sandstein gehauen hat oder dass einer die Kühnheit besass, diese lichtglühenden Buntglasfenster zu entwerfen, und die Kraft, sie auszuführen. So viel hochfahrende Geltungssucht, gewiss, so viel unbarmherzige Frömmigkeit der Prälaten; aber auch so viel Hingabe der Bildhauer und Glasmaler, so viel Demut. Zeit ist nur wichtig als erfüllte Zeit, als Augenblick, heute wenigstens, versuch's.

Geh durch die Gassen. Sie sind mit Licht geschmückt, Lämpchen und Scheinwerfer, Rosa, Türkis, Citron, Rot, Grün, und mit Kränzen, mit Bildern, mit Engeln und Tannen, mit Silbertand und Goldglimmer. Süsse Weihnachtswelt. Süsses Kassenklingeln, ja, denn Strassburg war immer eine Handelsstadt, und seit sie sich zur Capitale de Noël ernannt hat, besuchen anderthalb Millionen allein zur Weihnachtszeit den mittelalterlichen Kern. Was tut es, wenn draussen die Schlote der Hütten und Raffinerien rauchen, wenn am drittgrössten Rheinhafen ein Wald von Kranen Millionen Gütertonnen umschlägt, wenn aus den Glaspalästen der EU europäischer Filz herüberblinzelt? Es tut nichts zur Sache, heute nicht. Die Ille wiegt die Altstadt in ihren Armen, beschützt sie vor dem fordernden, aufreibenden, langweiligen Leben, lullt sie ein in Glanz und Wärme und verwandelt sie in eine weihnachtliche Fluchtburg. Es ist nicht wichtig, was draussen geschieht. Wichtig ist, wenn überhaupt, dass der Weihnachtsbaum, dr Wihnachtsboim, so wie wir ihn kennen, im Elsass erfunden wurde. Schon 1605 hat ein unbekannter Reisender in sein Tagebuch geschrieben: «Auff Weihenachten richtt man Dannenbäume zu Strassburg in der Stubben auf, daran henckett man Rossen aus vielfarbigem Papier geschnitten, Äpfel, Oblaten, Zischgold, Zucker . . .» Wenn etwas ins Gewicht fällt, sind es solche Dinge, und dass es ein Weihnachtsbier gibt vielleicht, gebraut von jeder elsässischen Brauerei, die etwas auf sich hält, und dass auch die elsässische Weihnachtszeit vom 28. November, dem ersten Adventssonntag, bis zum 1. Januar dauert, dass man aber jede Gelegenheit und jeden Heiligen zum Feiern benutzt. Der 27. Dezember etwa ist der Tag des heiligen Johannes. Weil der Heilige ein Glas vergifteten Weins getrunken hat, ohne Schaden zu nehmen, denken die Elsässer, es sei gut, an diesem Tag Wein zu trinken. Schön, dass fast jeder Tag des Jahres seinen Heiligen hat.

Geh weiter. Geh zum Ende der Rue du Marocain. Da steht ein Karussell. Weisse Pferde galoppieren, ein Esel trottet mit, ein Elefant trägt seine Sänfte unbeirrt im Kreis. Die Kinder tun nicht so, als würden sie auf einem Elefanten reiten. Sie reiten wirklich auf einem Elefanten. Sie haben vergessen, was war, sie leben ganz in diesem Augenblick. Du wirst es nicht schaffen, nicht wahr? Nicht einmal jetzt.

Geh zur Place Kléber. Der Weihnachtsbaum ist dreissig Meter hoch, und tausend Lichter schmücken ihn. Der ganze Platz, die ganze Stadt ist in Licht getaucht, Sterne, Girlanden, Triumphbögen aus Licht, und von Ende November bis zum Weihnachtstag geht jeden Abend der Nachtwächter durch die Strassen, von der Place de la Gare über die Place Kléber und die Place Broglie bis zur Place St-Etienne. Die Strassburger tun alles, ihren Titel einer Hauptstadt der Weihnacht zu untermauern; sie gehen sogar so weit, den Titel zu verschenken. Was für ein gewitzter Schachzug: was man verschenkt, kann einem nicht mehr genommen werden. Der Titel geht an die Stadt Bethlehem, Ehrengast in Strassburg an diesem letzten Weihnachtsfest vor dem Jahr 2000. Viele haben sich um Bethlehem bemüht, den Strassburgern ist es gelungen, diese weihnachtsträchtigste aller denkbaren Kombinationen herbeizuführen. Noch mehr als sonst wird die Stadt in einem unablässigen Weihnachtstaumel sein; zu den vielen Veranstaltungen, die in Konzertsälen und Museen, auf Strassen und Gassen ohnehin über die Bühne gehen, kommen die Feiern zu Ehren Bethlehems hinzu.

Geh, geh. Sieh den Leierkastenmann mit seinem Bart und der Nikolausmütze. Es ist das auferstandene Mittelalter, wie er so vor den Fachwerkhäusern steht und Weihnachtslieder spielt, eine Kulisse, ein Traum, eine Sehnsucht. Doch die Häuser sind bewohnt, auch die schmalbrüstigen Häuser im Gerberviertel, gepflegt, herausgeputzt, von Kulisse keine Spur. Unvorstellbar, dass es hier nach gegerbten Häuten stank, dass Huren, Zuhälter, Beutelschneider und Galgenvögel aller Art hier zu Hause waren. Strassburg ist so reich an sichtbarer Vergangenheit, und wenn man sich erst einmal darauf einlässt, tauchen Namen auf: Gottfried von Strassburg, mittelhochdeutscher Dichter von «Tristan und Isolde»; Sebastian Brant, geboren und gestorben in Strassburg, schrieb am Ende des 15. Jahrhunderts «Das Narren-Schyff»; Angelus Silesius, der innige Mystiker, der «Cherubinische Wandersmann»: «Halt ein, wo rennst du hin. Der Himmel ist in dir! Suchst du ihn anderswo, du fehlst ihn für und für.» Und Goethe natürlich. Er hat hier gewohnt, und wenn man all die Gasthäuser und Gedenktafeln auf seinem Weg nach Süden sieht, muss man sich fragen, wo er eigentlich nicht gewohnt hat. Doch hier war er bestimmt, denn es ist wohlbekannt, dass der Student Goethe im Oktober 1770 das Herz der Sessenheimer Pfarrerstochter Friederike Brion erobert hat und sie im August darauf schon wieder verliess, eine einzige Weihnacht nur. Friederike hat ihn nicht vergessen und ihm doch verziehen, als er sie neun Jahre später besuchte. «Sie führte mich in jene Laube, und da musst ich sitzen, und so wars gut.» Doch das gehört nicht hierher, oder nur ein bisschen, und auch Albert Schweitzer nicht, obwohl er in Strassburg Pfarrer, Organist und Orgelbauer war und bestimmt Weihnachtslieder gespielt hat, und Gustav Doré nicht und Jean Arp und Tomi Ungerer. Vergangene Zeit spielt vielleicht doch eine Rolle; ach, du bist kein Kind mehr.

Geh also ins Maison Kammerzell gleich beim Münster. Hier herrscht Maître Daniel über Gäste und Gedecke, über Flaschen und Platten. Wenn eine Dame linienbewusst Orangensaft zum Hauptgang wünscht, schüttelt er sich und bringt ein Glas Champagner. Wenn einer nach uferlosem Schwelgen feige nur eine einzige Nachspeise für zwei erbittet, bringt er zwei Riesenportionen und behauptet, er habe redlich geteilt. Mit gnadenloser Liebenswürdigkeit führt er seine Gäste durch die Speisekarte, und während draussen die Trompeten blasen und die Flöten jubeln, geht er drinnen mit den Gästen um, als wären sie ahnungslose Kinder, denen man mit Liebe und Geduld den rechten Weg weisen muss. Da hast du's. Kaum gibst du zu, erwachsen zu sein, sagt einer mit Charme: Sei wie ein Kind. Nun denn. Ein Fingerzeig. Versuch es noch einmal. Versuch es immer wieder.

Ernst Scagnet

 

© Neue Zürcher Zeitung - 18.11.1999

Recherche
Links
Archiv
Suchen
Impressum

Nach oben