Vom Glück und von der Kunst
des Überlebens
Volker Koepps «Herr Zwilling und
Frau Zuckermann»
Vor fünfzig Jahren hätte sie jeden
umgebracht, der ihr gesagt hätte, sie würde
einmal einem Deutschen die Hand reichen, gesteht die
für ihre 90 Jahre erstaunlich wache und quirlige
Rosa Roth-Zuckermann dem Dokumentarfilmer Volker Koepp
während ihrer langen Gespräche mit ihm. Dass
sie dem Deutschen heute vor der Kamera ihr Leben
erzählt und ihre Seele öffnet, zeugt nicht nur
von einer inneren Abgeklärtheit der eigenen
Vergangenheit gegenüber, sondern auch von einem
Glauben an die Werte der deutsch- jüdischen Kultur
der einstigen Bukowina, in deren Hauptstadt Czernowitz
sie aufgewachsen ist und heute wieder lebt. Frau
Zuckermann ist literarisch gebildet, zitiert Heine, Rilke
und François Villon, und voller Stolz spielt sie
dem deutschen Gast eine Kassette vor, auf der der
ebenfalls in Czernowitz geborene Paul Celan Verse aus
seiner Lyriksammlung «Mohn und Gedächtnis»
rezitiert. Die rüstige Greisin verdient sich ihren
kargen Lebensunterhalt mit Englischstunden an die Kinder
von Leuten, die in den Westen auswandern wollen.
Czernowitz gehört heute zur Ukraine. Als Frau
Zuckermann geboren wurde, war die Bukowina noch eine
Provinz der österreichisch-ungarischen Monarchie.
Die alte Dame bekennt sich noch heute als Monarchistin,
denn so viele Rechte wie unter Kaiser Franz Joseph haben
die Juden von Czernowitz seither nie mehr bekommen. Im
Ghetto, das das faschistische Rumänien während
des Zweiten Weltkriegs errichtete, verlor Frau Zuckermann
ihre gesamte Familie. Nur durch einen Zufall
überlebte sie selbst die 1941 verordneten
Deportationen in die Lager Transnistriens. Seit sechs
Jahren erhält Frau Zuckermann jeden Abend Besuch von
dem zwanzig Jahre jüngeren Mathias Zwilling. Ihn
haben die beiden Weltkriege in eine Odyssee durch die
halbe Welt getrieben. Heute unterrichtet er an einer
Gewerbeschule in Czernowitz Chemie. Was die beiden Alten
miteinander verbindet, ist nicht zuletzt die deutsche
Sprache, genauer: ein liebenswürdiges Gemisch von
Deutsch, Jiddisch und Wienerisch. Sie erzählen sich,
was sie am Tage erlebt haben, und diskutieren die
Informationen, die ihnen am Fernsehen geboten werden.
Herr Zwilling, um eine Hiobsbotschaft nie verlegen, sieht
dabei von allem stets die negative Seite. «Ich bin
ein Pessimist, der fast immer recht hat»,
erklärt er. Frau Zuckermann, eine
unerschütterliche Optimistin, versucht ihn jeweils
aufzuheitern.
Den schon fast zum Ritual gewordenen Wortgefechten
dürfen Volker Koepp und sein Kameramann Thomas
Plenert ungeniert beiwohnen. Manchmal bittet Koepp Herrn
Zwilling, ihm etwas vorzulesen oder ihn irgendwo
hinzuführen zum ehemaligen jüdischen
Gemeindehaus etwa, in die Synagoge oder auf den
jüdischen Friedhof. Nie aber fügt er den
Aussagen der beiden oder denjenigen von anderen Bewohnern
des Ortes einen Kommentar bei. Dass «Herr Zwilling
und Frau Zuckermann» zu einem derart bewegenden, das
ganze Jahrhundert tangierenden Dokument geworden ist (der
Film wurde dieses Jahr in Nyon mit dem Grossen Preis
ausgezeichnet), ist der Geduld des Regisseurs mit seinen
beiden einzigartigen Gewährsleuten zu verdanken.
Herr Zwilling ist diesen Sommer gestorben, was den
dokumentarischen Wert des ganzen Films noch
unterstreicht, der zu einem echten Zeugnis erlebter
Geschichte geworden ist. (Kino Movie in Zürich).
Gerhart Waeger
© Neue Zürcher Zeitung -
19.11.1999