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Gott, Marx und Masaryk

Die Kontroverse um den Theologen Josef L. Hromádka

Der Theologe Josef Lukl Hromádka (1889–1969) gehört zu den herausragenden, auch international bekannten Persönlichkeiten des tschechischen Protestantismus der Zwischen- und Nachkriegszeit. In seiner Kirche ist er allerdings wegen seiner prokommunistischen Haltung nach 1948 nicht unumstritten. Eine Debatte auf den Seiten der von ihm 1928 gegründeten Monatsschrift «Krestanská Revue» (Christliche Revue) setzt sich jetzt mit seiner Rolle in dieser Zeit auseinander.

Die Debatte über Hromádka und seine politische Haltung gibt es unter den tschechischen Protestanten eigentlich schon lange – vor 1989 fand sie allerdings nur im Privaten, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, statt. Nicht wenige tschechische evangelische Christen waren in der Beziehung zu Hromádka gespalten. Sie schätzten ihn als Theologen und achteten ihn als eine charismatische Persönlichkeit von grosser Glaubwürdigkeit, konnten aber seine prokommunistische politische Position nicht akzeptieren. Für andere wiederum bedeutete seine Haltung einen Orientierungspunkt bei der Suche nach der Bestimmung des eigenen politischen Standortes und nicht zuletzt auch dessen Legitimierung.

Natürlich gab es in der Debatte, die zu Beginn der neunziger Jahre mit den ersten Beiträgen einsetzte, auch recht rüde Attacken gegen Hromádka, die in ihm nur einen Kollaborateur und Opportunisten sehen wollten. Vor allem dank Hromádkas ehemaligen Schülern, die sich schnell zu Wort meldeten, bekam aber die Debatte bald einen differenzierteren sachlicheren Ton. In dem Artikel des Historikers Jaromir Procházka («Die Februar-Entscheidung») und des Philosophen und Mitbegründers der Charta 77 Ladislav Hejdánek («Hromádka am Pranger?») in der Mai- und September-Nummer von «Krestanská Revue» erreichte sie ihren bisherigen Höhepunkt. Die Debatte über den «Fall Hromádka» verwandelte sich damit in einen längst fälligen Diskurs über die Situation des Menschen in einer Diktatur und seine Möglichkeiten, von innen auf die politischen Verhältnisse Einfluss zu nehmen.

Schweizer Lehrmeister

Will man Hromádkas Motivation für seine Entscheidung, sich als Christ an der Gestaltung der sozialistischen Gesellschaft aktiv zu beteiligen, wirklich verstehen, muss man in die dreissiger Jahre, in das christlich geprägte intellektuelle Milieu der sogenannten Kleinen oder Akademischen YMCA zurückkehren. In dieser Gruppierung und ihrem Umfeld versammelten sich junge, christlich orientierte Intellektuelle, die an aktuellen politischen und ethischen Fragen ihrer Zeit interessiert waren. Sinn für Humor, Sportgeist, Ernsthaftigkeit der Auseinandersetzung mit der Welt und der Glaube an die Demokratie prägten diese relativ kleine Gemeinschaft. Zu ihren geistigen Vorbildern und Autoritäten gehörten T. G. Masaryk, der erste Präsident der Tschechoslowakei, und der streitbare Philosoph Emanuel Rádl (1873–1942), zu den die Gemeinschaft stark prägenden Mitgliedern vor allem der damals knapp vierzigjährige Hromádka, seit 1927 Professor an der Evangelischen Theologischen Fakultät der Karlsuniversität. Die theologischen Lehrmeister der Gemeinschaft waren drei Schweizer: Karl Barth, Emil Brunner und vor allem der durch seine Kritik des Militarismus und Kapitalismus bekannte Leonhard Ragaz.

Eine wichtige Rolle spielte in den Diskussionen in der Akademischen YMCA die soziale Frage, die in den Jahren der Weltwirtschaftskrise keinen nur etwas sensiblen Menschen unberührt lassen konnte, zumal die Mitglieder der YMCA gerade von ihrem christlichen Standpunkt aus stark diesseitsorientiert waren. Das Tätigkeitsfeld, die Aufgabe und Verantwortung eines Christen lagen für sie eindeutig in der Welt. Denn auch Jesus wirkte hier und wurde von Gott auf die Welt geschickt. Einfach gesagt: der Christ hatte sich auch politisch einzumischen. Seine Position auf der Seite der Armen war durch das Evangelium klar definiert. Hromádka selbst war schon in den dreissiger Jahren stark linksorientiert, wenn er auch im Unterschied zu vielen anderen tschechischen Intellektuellen nie ein Kommunist war. Aus seiner linksdemokratischen Gesinnung ergab sich auch seine Mitwirkung im Komitee für die Hilfe für das republikanische Spanien.

Die Tiefen- und Breitenentwicklung der Akademischen YMCA, die sowohl in der Zeit der deutschen Besatzung (1939–45) als auch nach 1948 ihre Tätigkeit einstellen musste, ist beeindruckend. Ein nicht geringer Teil der späteren Dissidenten und Charta-77-Unterzeichner, man braucht nur die Namen wie Jan Patocka, Ladislav Hejdánek, Bozena Komárková, Jan Šimsa oder Jakob S. Trojan zu nennen, zählte zu ihren Mitgliedern. In den Ferienbrigaden der Evangelischen Theologischen Fakultät im Altvatergebirge unter der Leitung von Bozena Komárková ist der Geist der Akademischen YMCA bis tief in die fünfziger Jahre lebendig geblieben.

Vor dem Hintergrund von Hromádkas Wirkung in der Vorkriegszeit hatte seine Entscheidung von 1948 ihre Logik, die, wie Ladislav Hejdánek schreibt, «in der engen Verbindung zwischen seiner linken Gesinnung und seinem theologischen Verständnis des Evangeliums wurzelte». Eine politische Position zu beziehen und Verantwortung dafür zu übernehmen gehörte dazu. Vor allem aber lag Hromádka sehr viel daran, dass die neue Gesellschaft sich nicht ohne christlichen Beitrag formt und entwickelt. Und er wollte auch für seine Kirche einen Platz in den neuen politischen Verhältnissen finden und sichern.

Dass er sich den Februar-Putsch der Kommunistischen Partei nicht wünschte, steht ausser Frage. Er war sich aber dessen bewusst, dass es sich um eine tiefgreifende und langfristige gesellschaftliche Veränderung handelte, der eine ablehnende Haltung nicht gerecht würde. Die ganze Hoffnung setzte er, und darin war er nicht allein, auf die Veränderung des Systems von innen, eine Art frühe Variante der Strategie des «Wandels durch Annäherung». Sicherlich wurde Hromádkas Haltung auch durch die linksfreudige gesellschaftliche Atmosphäre, die damals in Europa herrschte, gestützt, wie auch durch die damals sehr populäre Vorstellung, man würde Masaryk mit Marx in einem besonderen tschechoslowakischen Weg zum Sozialismus verbinden können.

Instrumentalisiert

Machte sich Hromádka, der den Krieg im amerikanischen Exil als Professor für christliche Ethik an der Universität in Princeton verbrachte und erst 1947 nach Hause zurückkehrte, keine Illusion vom Kapitalismus, so zeigte er sich doch als zu wenig kritisch, ja fast naiv in seinem Glauben an die Entwicklungsmöglichkeiten des Sozialismus sowjetischen Typs, der die sozialistische Idee der Gleichheit und Gerechtigkeit für alle pervertierte und für Machtzwecke missbrauchte. So konnte auch Hromádka die Instrumentalisierung seiner Aktivitäten in der Friedensbewegung und dem Weltkirchenrat als Aushängeschild und Vorzeigechrist durch das Regime nicht verhindern, wenn er auch seine prominente Position zu Interventionen zum Beispiel für die verhafteten Adventisten nutzte und auch politisch differenzierte Positionen öffentlich vertrat.

Brachte Hromádkas Wirkung in dem und für das sozialistische System Früchte, dann war es sicherlich der Dialog zwischen Christen und Marxisten, der sich zu Beginn der sechziger Jahre in der Tschechoslowakei und auch anderswo in Europa entfaltete und wichtige, inzwischen verschüttete, geistige Impulse brachte. Schien sich damals Hromádkas Strategie der Einmischung zu erfüllen, war dann das Erwachen am 21. August 1968 um so schrecklicher. Auch für Hromádka brach mit dem Einmarsch der Warschauer-Pakt- Staaten der Glaube an die Entwicklungsfähigkeit des sozialistischen Systems zusammen. In einem Protestbrief an den sowjetischen Botschafter Tscherwonenko bezeichnete er den Einmarsch als die grösste Tragödie seines Lebens. Einsam und verlassen starb Josef Lukl Hromádka am zweiten Weihnachtsfeiertag 1969. Sein Weg und sein Schicksal wird die tschechischen Protestanten noch lange beschäftigen und beunruhigen.

Alena Wagnerová

 

© Neue Zürcher Zeitung - 19.11.1999

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