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Moral der Geschichte

Schuld und «Mitschuld» Pius' XII.

Von Hanno Helbling

In einem soeben erschienenen Buch wird Papst Pius XII. vorgeworfen, zu den Judenverfolgungen im Zweiten Weltkrieg geschwiegen zu haben. Problematisch ist allerdings, aus diesem objektiven Versagen eine faktische Mitbeteiligung am Holocaust abzuleiten. Pius XII. ist daran gescheitert, dass er seinen religiös begründeten Absolutheitsanspruch nicht in Übereinstimmung mit seinem politischen Agieren zu bringen vermochte.

Ein tiefer Zwiespalt bestimmt die Existenz und das Wirken Eugenio Pacellis, der von 1939 bis 1958 als Papst Pius XII. die römisch-katholische Kirche regierte und mit einem Weltgeschehen voller «Blut und Tränen» konfrontiert war. Einerseits war er von dem Absolutheitsanspruch seines Amts durchdrungen; andererseits war er seinem intellektuellen und charakterlichen Zuschnitt nach ein diplomatisch geschulter Künstler des Möglichen. Je genauer man Bedingtheiten und Begrenzungen seiner Persönlichkeit zu erfassen sucht, um so weiter entfernt man sich von dem Bild des im wörtlichsten Sinn gott-unmittelbaren Herrschers, das sein Selbstverständnis prägte. Je gerechter man ihm wird, um so zweifelhafter erscheint die Autorität, die er in einer höchsten Gerechtigkeit begründet sehen musste.

Der Historiker, der sich mit Pius XII. auseinandersetzt, wird von einem analogen Zwiespalt bedroht. Die dominierende Frage, ob der Papst so früh, so deutlich, so unbedingt wie nur immer möglich gegen die Vernichtung der Juden im Dritten Reich hätte protestieren sollen, ist schnell beantwortet; natürlich, das hätte er tun sollen. Die zweite Frage ist (ebenso natürlich) die, warum er es nicht getan hat. Und da würde es naheliegen, eine Antwort von ihm selbst zu erwarten; er hat sie aber nicht gegeben, nicht direkt jedenfalls, und zwar deshalb, weil er glaubte, verständlich genug protestiert zu haben – verständlich genug im Rahmen dessen, was dem Papst unter den gegebenen Umständen möglich war. Die Bedingtheit seines Verhaltens wäre demnach in der Situation, nicht in der Person begründet; wie aber, wenn nur eben ihm, Pacelli, auf Grund seiner individuellen Voraussetzungen ein anderes Verhalten nicht möglich war?

Person oder «Umstände»

An diesem Punkt muss der Historiker wissen, was er wissen will. Fragt er den «Umständen» nach, die den Papst von einem entscheidenden Schritt zurückhielten? Darüber geben die nun schon seit langem bekannten Quellen genaue Auskunft. Die Verpflichtung zur Neutralität während des Kriegs; die latente Bedrohung des Vatikanstaats durch das faschistische Italien; die Sorge um die Katholiken in «Grossdeutschland», die geringe Oppositionsbereitschaft der meisten deutschen Bischöfe: auf der Ebene einer klugen Politik waren und sind solche Hindernisse ernst zu nehmen. Wer sich mit ihnen auseinandersetzt, läuft aber Gefahr, eben die Ebene zu akzeptieren, auf der sie gültig sind und deshalb für Pius XII. unzweifelhaft gültig waren. – In der Konstitution «Gaudium et spes» des Zweiten Vatikanums wird gesagt, durch die Atombombe werde die Lehre vom «gerechten Krieg» ausser Kraft gesetzt. So etwas kann die Kirche demnach feststellen. Sie hätte auch feststellen können, dass der Holocaust die Regeln einer klugen Politik ausser Kraft setze.

In einem soeben erschienenen Buch über Pius XII. lässt der englische Historiker John Cornwell die «Umstände» fürs erste zurücktreten und sucht die Gründe für das Verhalten des Papstes in seiner Person. Er kann dazu Aufschlussreiches und teilweise Neues mitteilen. Die Rolle, die der Sekretär der Kongregation für ausserordentliche Angelegenheiten bei dem schwer umkämpften Abschluss des Konkordats mit Serbien im Frühjahr 1914 spielte, lässt die frühe Entstehung einer kirchenpolitischen Konstante erkennen. Die Begegnung des Nuntius mit Wilhelm II. im Sommer 1917 «offenbart», wie Cornwell sagt, «Pacellis Überzeugung, dass der Papst an der Spitze der katholischen Hierarchie den einzigartigen Auftrag habe, das Schicksal der Völker zu bestimmen». Seine Konfrontation mit den Münchner Unruhen von 1919 hat ihm Anlass zu Äusserungen über Juden und Bolschewiken gegeben, die ein doppeltes (und in Anbetracht seiner Herkunft nicht überraschendes) Vorurteil verraten.

«Hitlers Papst»?

Die frühen politisch-ideologischen Optionen Pacellis, die Cornwell hervorhebt, sind zuverlässig bezeugt; weniger vertrauenerweckend die karikierenden Anekdoten, mit denen der Autor seine Darstellung würzt. Bedenklicher ist jedoch, dass er im weiteren Verlauf der Geschichte mehr und mehr die erwähnte methodische Grenze verwischt. Um das Verhalten Pius' XII. während des Kriegs zu beurteilen, wägt er nun doch die «Umstände» ab, auf die es gerade nicht hätte ankommen dürfen. Da aber hätte er, wenn schon, ein vollständigeres Bild geben müssen. Den Briefwechsel mit deutschen Bischöfen (wie vor allem mit Konrad v. Preysing) darf man nicht ausser acht lassen, solange man den Überlegungen des Papstes folgen will. Wer ihm den Gedanken eines «Kreuzzugs gegen den Bolschewismus» zuschreibt, darf nicht unterschlagen, dass er in einem Gespräch mit dem ungarischen Ministerpräsidenten Miklos v. Kallay am 3. April 1943 eben diesen Gedanken ablehnte, und zwar mit dem Hinweis auf die jetzt alles überschattenden Untaten des Nationalsozialismus. Und wer ihm eine sogar neutralitätswidrig deutschfreundliche Gesinnung zur Last legt, müsste versuchen, diesen Vorwurf mit der Tatsache zu vereinbaren, dass sich Pius XII. im Sommer 1941 bemüht hat, die amerikanischen Katholiken für Roosevelts Interventionspolitik zu gewinnen.

Cornwell bekennt, dass er seine Untersuchung begonnen habe, um den Papst gegen ungerechtfertigte Angriffe in Schutz zu nehmen; immer mehr aber habe er sich davon überzeugen müssen, dass die Kritik an Pius XII. mehr als gerechtfertigt sei. Die Originalausgabe seines Buchs trägt den Titel «Hitler's Pope»; was man so verstehen kann und wahrscheinlich soll, dass Pacelli mit Hitler gemeinsame Sache gemacht – dass er durch sein Schweigen (sein viel zu leises Sprechen) den Holocaust gefördert habe. Dieses Urteil begründet Cornwell mit Argumenten, die man endlos erörtern kann und gewissenhafter erörtern muss, als er es tut. Und es ist zwar vernichtend, aber zu wenig radikal. – Den Alliierten ist vorgeworfen worden, dass sie die Bahnstrecke nach Auschwitz nicht bombardiert haben. Was dies bewirkt hätte, wissen wir nicht; aber schlimmer konnte es das, was geschah, nicht machen. Eine solche Unterlassung kann ein schwerer Fehler sein, doch wer sie begeht, solidarisiert sich nicht mit dem Verbrechen, gegen das er vielleicht etwas hätte tun können.

Die Schuld des Papstes liegt nicht in einer mehr oder weniger falschen, auch nicht in einer ganz falschen Politik, sondern darin, dass er den religiös begründeten Absolutheitsanspruch seines Amtes in kein Verhältnis zu seiner Politik brachte, oder umgekehrt: dass er nicht erkannte, wie sehr jener – unter anderem: moralische – Absolutheitsanspruch diese Politik hätte relativieren müssen. Der über allem thronende Herrscher, der Träger einer universalen Verantwortung, darf die grossen Entscheidungen auch dann nicht der Kleinkunst seines Aussenministers überlassen, wenn er selbst dieser Aussenminister ist (er hätte ihn um so eher entlassen können). Pius XII. war, jenseits aller Einsichten und Irrtümer, seiner historischen Aufgabe nicht gewachsen; aber «Hitlers Papst» war er nicht.

John Cornwell: Pius XII. Der Papst, der geschwiegen hat. Aus dem Englischen übersetzt von Klaus Kochmann. Verlag C. H. Beck, München 1999. 484 S.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 20.11.1999

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