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Hoffnung der Palästinenser auf volle Herbergen im Heiligen Land

Bed & Breakfast in Bethlehem

Das Städtchen Bethlehem erwartet für das kommende Jahr einen gewaltigen Besucherstrom. Am Geburtsort Jesu setzen die Palästinenser alles in Bewegung, um an dem erwarteten Geschäft teilzunehmen. Die bis anhin fast nur gruppenweise unter israelischer Führung anreisenden Tagestouristen sollen künftig die palästinensische Realität kennenlernen.

Wok. Bethlehem, im Oktober

«Sandwiths» steht fein säuberlich geschrieben auf einem Schild vor Umm Milads winziger Imbissbude nur wenige Schritte nördlich des Krippenplatzes in Bethlehem. Im Frühling erst hat Umm Milad am Rande der Altstadt ihr Lokal eröffnet. Und sie beklagt sich bitterlich. «Kein Mensch kommt hierher. Die Touristen bleiben auf dem Platz unten. Haben sie Angst vor uns?»

Eine unsichtbare Grenze

Über Bethlehems Krippenplatz zieht sich eine unsichtbare Grenze, die so einfach nicht überwunden werden kann. Noch bis vor wenigen Jahren war der Ort nicht mehr als ein Parkplatz. An seiner Nordseite stehen das Gebäude der Stadtverwaltung und die Omar-Moschee, dahinter liegt die Altstadt. An der Westfront reihen sich Souvenirläden. Die einstige britische Militärkaserne auf der Ostseite, wo sich bis 1995 die israelische Polizei eingeigelt hatte, ist niedergerissen. An ihrer Stelle entsteht mit schwedischem Geld ein Neubau, der den Namen Friedenszentrum tragen wird. Am Südende des Platzes, an der Stelle also, die Bethlehems Ruhm überhaupt begründet, da steht, eigenartig verschachtelt und seltsam hässlich, die Geburtskirche Jesu. Erbaut über jener Grotte, wo Maria niedergekommen ist und ihr Neugeborenes in eine Krippe gelegt haben soll.

Seit kurzem ist der Krippenplatz sauber gepflästert. Kleine Bäume werfen spärlichen Schatten auf schmucke Holzbänke, die so gar nicht ins Heilige Land passen wollen, sondern ganz so aussehen, als wären sie temporär aus der Einkaufszone einer nordeuropäischen Kleinstadt entliehen worden. Im Abstand von wenigen Minuten spucken klimatisierte Reisebusse Touristen aus. In Herden folgen die Fremden ihren Führern über den Platz und verschwinden alsbald im Gewimmel bunter Sonnenhüte vor der Kirche.

Endlich hat sich ein Touristenpaar nordwärts über die unsichtbare Grenze gewagt, und, Gott sei gepriesen, den Weg in Richtung Umm Milads Imbissbude eingeschlagen. «Ahleen wa sahleen», sei willkommen, grüsst Umm Milad den eintretenden, rot gebrannten Fremden. «How much is the juice?» will er wissen. «Helga, sieben Schekel kostet ein Saft, ist das okee?» brüllt er. Doch die draussen wartende Helga will nicht irgendeinen Saft, sondern Grapefruitsaft. Wenn sie doch nur wüsste, wie ausgezeichnet Umm Milads Früchtecocktail schmeckt, frisch zubereitet in dem riesigen Mixer, dem Prunkstück der ganzen Imbissbude. Keine Ahnung hat sie, diese Fremde, wieviel dieser Mixer gekostet hat. Zwei, drei, nein vier Monatslöhne etwa. Und nun will sie Grapefruitsaft. Helgas Mann verlässt das Lokal, und das Paar trottet zum Krippenplatz zurück.

Angst vor Terroristen

«Die israelischen Fremdenführer treiben ein ganz mieses Spiel», wettert ein palästinensischer Tourismusfachmann. «Sie erzählen die wildesten Geschichten über uns Palästinenser und machen die Leute glauben, dass man hier nur übers Ohr gehauen wird und hinter jeder Ecke Terroristen lauern. Kein Wunder, haben die Touristen Angst.» Noch vor zehn Jahren, während des Höhepunkts der Intifada, des palästinensischen Volksaufstands gegen die israelische Besetzung, war Bethlehem für Fremde tatsächlich ein gefährlicher Ort. Damals gerieten in der Altstadt israelische Soldaten und palästinensische Jugendliche beinahe täglich aneinander; die einen warfen Steine, und die andern antworteten mit Tränengas und feuerten aus ihren Gewehren mit Gummi beschichtete Metallgeschosse ab. Fast immer gelang es den Shebab, den jungen Palästinensern, ihren israelischen Verfolgern in den verwinkelten Gassen zu entwischen. Des Katz-und-Maus-Spiels überdrüssig, ersann Israels Inland-Geheimdienst eine List. Verkleidet als harmlose Touristen, gelang es einigen Agenten, sich unter die Bevölkerung zu mischen und seit langem gesuchte Halbwüchsige, in israelischer Diktion Terroristen, in spektakulären Aktionen auszuschalten.

In der Folge stiessen die wenigen Besucher, die sich trotz der Intifada noch in Bethlehems Altstadt getrauten, auf misstrauische Blicke der Einheimischen. Sie taten gut daran, an jeder Ecke sich als naive Ausländer auszugeben, abgekommen vom ausgetretenen Touristenpfad zwischen Reisebus und Geburtskirche. Zu sehen gab es in der Altstadt ohnehin nicht viel. Die meisten Läden und Lokale waren aus Protest gegen die israelische Besatzung geschlossen. Wo die engen Gassen nicht von parkierten Autos verstopft waren, stapelten sich Schutt und Unrat. Und an den Fassaden zeugten zahllose Graffiti der Shebab nicht nur von einem gnadenlosen Kampf gegen die Besatzer, sondern auch von einem Gerangel unter den verschiedenen Gruppierungen um Vorherrschaft im Widerstandskampf.

Im opferreichsten Jahr der Intifada, 1989, geriet Umm Milads ältester Sohn in eine Konfrontation mit israelischen Soldaten, wurde angeschossen und starb an den Folgen der Verletzungen. Milad heisst auf arabisch Geburt. In christlichen Familien in Palästina ist es üblich, Knaben, die um die Weihnachtszeit geboren werden, Milad zu taufen. Das Photo von Umm Milads Sohn, aufgenommen kurz vor seinem Tod, hängt, in Gold gerahmt, über der Theke der Imbissbude. Es zeigt einen zwölfjährigen Buben, der gebannt in die Kamera blickt.

Das Geschäft des Jahrtausends

Am 21. Dezember 1995 verliessen die israelischen Truppen die Stadt. In einer farbenprächtigen Zeremonie wurde auf dem Krippenplatz im Beisein Yasir Arafats die während 28 Jahren streng verbotene palästinensische Flagge gehisst. Die Abkommen von Oslo sahen vor, dass rund acht Quadratkilometer des Stadtgebiets von Bethlehem und der beiden angrenzenden Gemeinden Beit Jalla und Beit Zahour unter vollständige Kontrolle der palästinensischen Autonomiebehörden fielen. Der Jubel war ebenso gross wie die Hoffnung auf eine goldene Zukunft. In den bessern Kreisen der Stadt besuchte man sich gegenseitig zum Kaffee und war sich einig: Aufs Jahr 2000 hin musste in der Stadt etwas geschehen. Es lockte das Geschäft des Jahrtausends.

Aus den Kaffeegesprächen der besseren Bürger entwickelten sich Diskussionsgruppen, phantastische Projekte entstanden in den Köpfen. Fünf Millionen Besucher, so die damalige Rechnung, wurden fürs Jahr 2000 im Heiligen Land erwartet. Und ein guter Teil von ihnen sollte, darin waren sich alle einig, in Bethlehem Station machen. Vorbei seien nun die Zeiten, da Israel das Geschäft mit den Fremden für sich allein beanspruchen konnte und die Entwicklung eines palästinensischen Tourismus systematisch verhinderte. Die Besucher sollten mehr als nur den Silberstern küssen, der in der Grotte den Geburtsort Jesu geographisch exakt festhält. Die Fremden sollten in Bethlehem bleiben, einkaufen, übernachten und vor allem so viele Dollars wie möglich ausgeben. Der zu erwartende Geldsegen liess die Gemüter sich erhitzen. Die noch junge Autonomiebehörde forderte einen Teil des Kuchens, die Inhaber der Souvenirläden und die wenigen Hotelbesitzer verlangten Subventionen, und die Bürgermeister der drei Gemeinden unter der Autonomieregierung gerieten aneinander. Die in den Golfländern reich gewordenen Palästinenser, die nur allzu gerne ins Millenniumsgeschäft eingestiegen wären, hielten sich abseits. Doch die Zeit drängte. In der Stadt standen nur wenige hundert Hotelbetten zur Verfügung, wo, ums Himmels willen, sollten die Heerscharen von Fremden wohnen können?

Mit einer präsidialen Verfügung setzte Arafat als Vorsteher der Autonomiebehörde im März 1997 der Diskussion, die längst zum Gezänk ausgeartet war, endlich ein Ende und hiess ein Vorhaben namens «Bethlehem 2000» gut. Einem eigens dafür eingesetzten Minister standen über 200 Millionen Dollar zur Verfügung, gespendet von Regierungen rund um die ganze Welt, die auf diese Weise zum Gelingen des nahöstlichen Friedensprozesses beitragen wollten. Ihr Geld sollte an dem Ort investiert sein, wo die Botschaft an die Welt erging: «Friede auf Erden den Menschen, die guten Willens sind.» Seither ist in Bethlehem die Hölle los.

Interesse der Privatinvestoren

«Fragen Sie uns nicht, ob wir bis Weihnachten fertig sind», stöhnt die Informationsbeauftragte von «Bethlehem 2000», «in der Stadt wird noch während fünf Jahren gebaut werden.» Doch, so versichert sie, die wichtigsten Verbindungswege sollen bis Ende Jahr begehbar sein. Da, wo im Herbst noch zahllose Bauarbeiter in aufgerissenen Strassen wühlten, sollen die Touristen auf blitzblanken Plattenbelägen gehen können und, so die Erwartung, endlich die unsichtbare Grenze auf dem Krippenplatz überschreiten und den Weg in die Altstadt finden. Der Physiker Nabil Kassis, der seit anderthalb Jahren dem Projekt als Minister vorsteht, weiss von der Kritik von allen Seiten, die sich über «Bethlehem 2000» lustig macht. Seine Gegner werfen ihm und seinen Mitarbeitern vor, ausser einem gigantischen täglichen Verkehrschaos bisher gar nichts erreicht zu haben. Die völlig vernachlässigte Infrastruktur dieser Stadt sei innerhalb eines Jahres komplett erneuert worden, sagt er. Diese Leistung lasse sich sehen und werde auch vom Privatsektor honoriert. Bereits heute hätten die Privatinvestitionen die Aufwendungen der öffentlichen Hand überschritten. Dies sei ein Zeichen für Friede und Stabilität, das sich in der ganzen Region auswirken werde. Doch profitieren davon auch die Kleinen?

Umm Milad ist seit zwei Jahren Witwe. Nach dem Tod ihres Mannes war niemand da, der seine Schuhmacherei übernommen hätte. Umm Milad hat noch zwei Söhne, die sie so sehr liebt, wie sie ihr auch zur Last fallen. Beide sind schwer von Begriff, so langsam, dass sie in der Schule sitzenblieben und immer auf Mutters Hilfe angewiesen sein werden. So nahm Umm Milad die Dinge selbst in die Hand, borgte sich viel Geld und wandelte die Schuhmacherei in eine Imbissbude um. Eine Kühlvitrine liess sie einbauen und eine Toilette für die Gäste. Der gewölbte Raum wurde weiss gestrichen, drei kleine Tische wurden hingestellt, und nun war alles bereit für die Touristen, so glaubte sie. – «Diet-Coke, haben Sie kein Diet- Coke? Wissen Sie, no calories, no sugar.» Umm Milad versteht die junge blonde Frau, die eben ihr Lokal betreten hat, nicht. Was will sie? Warum will denn niemand ihre «Sandwiths»?

Moshe Dayans Vermächtnis

«Von den rund drei Milliarden Dollar, die jährlich von Touristen im Heiligen Land ausgegeben werden, flossen bisher nur gerade drei Prozent in palästinensische Taschen», sagt Ghassan Andoni, der Direktor der privaten Reiseagentur Alternative Tourism Group in Beit Zahour. «Doch die meisten der Sehenswürdigkeiten liegen in palästinensischem Gebiet. Mindestens ein Drittel der Einnahmen stünden uns deshalb zu. Ob wir wollen oder nicht, Tourismus wird auf Jahre hinaus unsere wichtigste Einnahmequelle sein.» Andoni, auch er ein Physiker, stiess als politischer Gefangener in israelischer Haft auf eine Biographie Moshe Dayans. Ein Gedanke Dayans lässt ihn seither nicht mehr los. Der israelische General soll einmal gesagt haben, von ihm aus könnten Palästinenser zu Kampfpiloten in der israelischen Armee ausgebildet werden. Niemals aber würde er es zulassen, dass Palästinenser als Fremdenführer Touristen durch Israel geleiteten. Und so kam es dann auch. Als Tellerwäscher, Taxifahrer und Teppichhändler spielten die Palästinenser der besetzten Gebiete während der vergangenen drei Jahrzehnte in Israels Tourismusindustrie lediglich eine Randrolle. Das soll sich nun ändern.

Etwa drei Jahre ist es her, seit eine ältere amerikanische Touristin in Beit Zahour vom Weg abkam. Die alte Dame hatte beim Besuch der historischen Weide, also da, wo vor fast 2000 Jahren die Engel den Schäfern die frohe Botschaft von Jesu Geburt angekündigt haben sollen (Lukas Kap. 2, Vers 9), den Anschluss an ihre Reisegruppe verloren. Frau Tawil, deren Haus unweit dieser bedeutsamen Weide steht, bat die durstige Fremde herein, umsorgte sie, und die Amerikanerin, erstmals in ihrem Leben in einem palästinensischen Haus, verstand die Welt nicht mehr. Da lebten diese Araber, vor denen sie so gewarnt worden war, doch genau gleich wie sie zu Hause. Der Kühlschrank, die Salonmöbel, CNN am Fernsehen – es war wie daheim in Michigan. Und als Frau Tawil, deren drei Söhne John, Robert und Edward heissen, sich gar noch als gläubige Katholikin zu erkennen gab, da war das Eis endgültig gebrochen. Dass es unter diesen Arabern gar Christenmenschen gab, das hatte die Amerikanerin noch nie gehört; Christen, denen die Kennedys noch etwas wert waren. Das wollte sie nach ihrer Rückkehr überall erzählen.

Der Wunsch nach einem normalen Leben

Seither fanden viele andere Fremde den Weg ins Wohnzimmer der Tawils, als zahlende Gäste allerdings. Andonis Agentur hat in der Region unter unzähligen Bewerbern 30 Familien ausgesucht, die in ihren Häusern Gästezimmer anbieten. Bed & Breakfast, eine in Palästina bis anhin völlig unbekannte Form der Beherbergung, war damit etabliert. So sitzt man denn in Tawils Salon, ein Glas Arak und Pistazien vor sich, und lauscht endlosen Geschichten. Episoden aus der Intifada werden aufgewärmt, ruhmreiche Zeiten, da die Bevölkerung Beit Zahours sich weigerte, Steuern an Israel abzuliefern, Soldaten das Dorf während Wochen abriegelten und in der Nacht die Shebab von Haus zu Haus gingen und Nahrungsmittel verteilten. Heute ist alles anders. John und Robert arbeiten als hochbezahlte Croupiers im palästinensischen Kasino in Jericho. Da nehmen sie der fast ausschliesslich israelischen Kundschaft ihr Geld ab, Palästinenser erhalten als Kunden keinen Einlass. Und was geht John, dem alle Johnny sagen, durch den Kopf, wenn Israeli, die all ihr Geld verspielt haben, in ihrer Wut ihn als dreckigen Araber beschimpfen? Gar nichts. Gegen guten Lohn würde er auch für den Teufel arbeiten, sagt Johnny, der sich nichts mehr wünscht, als endlich ein ganz normales Leben führen zu können. Die Zeit der Shebab ist vorbei.

Für einen Viertel von Johnnys Lohn schuften derzeit unzählige Bauarbeiter im Jasser-Palast, der, man mag es kaum glauben, als Fünfstern- Plus-Hotel mit 260 Zimmern seine Tore bereits im Dezember öffnen soll. Dem historischen Bau, der in Bethlehem an der Hauptstrasse Jerusalem– Hebron liegt, wurden monströse Neubautrakte angefügt. Fünfzig Millionen Dollar kostet das Projekt, hauptsächlich getragen von palästinensischen Investoren. Einer von ihnen sitzt im Baubüro und versprüht Optimismus. «Wir Palästinenser haben die Länder am Golf aufgebaut», sagt er, «und nun tun wir hier dasselbe.» Der distinguierte ältere Herr hat in jungen Jahren seine Heimatstadt Nablus verlassen und verdiente am Golf einen Haufen Geld, kam zu Ruhm und Ehren, denn heute reist er mit einem saudischen Pass durch die Welt. Eine Erfolgsstory wie jene Rafik Hariris, des ehemaligen libanesischen Ministerpräsidenten, der in Saudiarabien Multimillionär geworden ist? «Ach wissen Sie, mein Freund Hariri ist in meiner Firma gross geworden. Er telefoniert mir beinahe täglich.» So ist das also.

Umm Milad hat Konkurrenz erhalten. Unten an der Strasse, also gleich da, wo die Touristenbusse sich entleeren, wirbt nun auch Williams Supermarket um die Gunst hungriger Fremder. Seine Version des «Sandwiths» heisst, auch hier fein säuberlich angeschrieben, «Sandawhere».

 

© Neue Zürcher Zeitung - 22.11.1999

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