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Eine Frau als Nachfolgerin von Ignatz Bubis?

Charlotte Knobloch und der Zentralrat der Juden Deutschlands

Charlotte Knobloch kandidiert für die Nachfolge von Ignatz Bubis, dem verstorbenen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland. Ihre Chancen stehen nicht schlecht, denn sie ist seit 1985 Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde in München, einer der grössten Gemeinden in Deutschland überhaupt. Allerdings ist fraglich, ob der Zentralrat tatsächlich zum erstenmal eine Frau an seine Spitze wählen wird.

spl. München, 22. November

Die Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde in München, Charlotte Knobloch, hat ihr Interesse an der Nachfolge des im August verstorbenen Ignatz Bubis als Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland in einem Pressegespräch bekräftigt. Die gebürtige Münchnerin steht seit 1985 ihrer Gemeinde vor, seit 1997 war sie zudem Stellvertreterin Bubis'. Bis heute gebe es keine offiziellen Kandidaten, in der nächsten Zeit werde sich aber abzeichnen, wer sich ebenfalls um die Nachfolge bewerbe. Neben Knobloch gelten die Frankfurter Michel Friedmann und Salomon Korn sowie der Düsseldorfer Paul Spiegel als Kandidaten. Eine Prognose ist jedoch schwierig, da die Wahl über verschiedene Stufen läuft und erst im Januar definitiv entschieden wird. Zunächst entsenden die jüdischen Gemeinden Delegierte zum Ratstag des Zentralrats. Dieser wird aus seiner Mitte drei Personen auswählen, die künftig dem Präsidium angehören. Parallel dazu wählen die Abgeordneten der einzelnen Gemeinden ihre Vertreter ins Direktorium des Zentralrats. Dieses Direktorium wird im Dezember aus seiner Mitte weitere sechs Mitglieder für das künftige Präsidium auswählen. Das neunköpfige Präsidium wird schliesslich im Januar aus seiner Mitte den neuen Präsidenten bestimmen.

Freude über die Kandidatur in München

Knobloch werden gute Chancen eingeräumt, künftig der Jüdischen Gemeinde in Deutschland vorzustehen. Die 67jährige hat Erfahrung in der Führung einer Gemeinde, ist bereits Mitglied des Zentralrats und zählt zu dessen profiliertesten Sprechern. Dass ihre Gemeinde sehr traditionell ausgerichtet ist, bringt der Münchnerin zwar Kritik von seiten liberaler Juden ein, für die Wahl könnte dies hingegen von Vorteil sein. Ebenso erfüllt Knobloch, die als Mädchen den NS-Terror im Versteck bei einer Bauernfamilie überlebte, eine Voraussetzung, die entscheidend ist. Wie der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Berlin, Nachama, sind viele Gemeindemitglieder der Meinung, dass auf jeden Fall jemand, der die Shoah erlebt habe, zum Vorsitzenden gewählt werden sollte. Knoblochs grosses Handicap ist jedoch, dass sie die erste Frau in dieser Stellung wäre. Dessen ist sie sich auch bewusst. Für einen Teil der Gemeinde sei es schlichtweg undenkbar, eine Frau an der Spitze zu haben. Sie hoffe dennoch, dass man sie nach ihren Leistungen und nicht nach ihrem Geschlecht beurteilen werde.

Von der 1933 12 000 Mitglieder zählenden Münchner Gemeinde hatten 1945 gerade noch 60 Personen überlebt. In den folgenden Jahren kamen hauptsächlich Vertriebene aus dem Osten hinzu. Auch heute noch stellt die Integration von Zuwanderern aus den GUS-Ländern laut Knobloch die grösste Herausforderung für die Gemeinden dar. In den vergangenen acht Jahren habe sich ihre Gemeinde verdoppelt. Den jüdischen Gemeinden in Deutschland gehören heute insgesamt 75 000 Personen an. Die grösste Gemeinde stellt Berlin mit 11 000 Mitgliedern vor Frankfurt und München mit rund 7000 Mitgliedern. In München ist man über Knoblochs Kandidatur sehr erfreut. Denn eine Präsidentin würde einen Prestigegewinn bedeuten. Als zweitgrösste jüdische Gemeinde in Deutschland fühlt man sich hier gewissermassen auch an der Reihe. Bubis sei aus Frankfurt gekommen, sein Vorgänger Galinski aus Berlin. Nun sei es an der Zeit, dass ein Münchner Vertreter das Präsidium übernehme.

Das Judentum nach aussen tragen

Knobloch betont, es gehe ihr in erster Linie darum, die Politik Bubis' – seinen unermüdlichen Kampf um ein Miteinander von Juden und Nichtjuden in Deutschland – fortzusetzen. Sie teile dessen pessimistische Sicht, er sei mit seiner Politik gescheitert, nicht. Denn Bubis sei mit grosser Selbstverständlichkeit in Deutschland präsent gewesen und habe es geschafft, das Judentum nach aussen zu tragen. Ihr Wunsch sei immer gewesen, dass das Judentum in Deutschland zahlenmässig wieder die Grösse erreiche, die es vor 1933 gehabt habe. Die grösste Aufgabe des Zentralrats werde entsprechend in den kommenden Jahren die Förderung der weiteren Integration von Zuwanderern sein. Auch die schnelle Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter sei jedoch wichtig. Es sei nicht nachvollziehbar, dass monatelang gefeilscht werde, während jeden Tag mehr Anspruchsberechtigte stürben. Nachdem jahrelang keine Fortschritte in den Verhandlungen erzielt worden seien, dürfe man sich nicht wundern, wenn jüdische Anwälte heute mit «Brachialgewalt» vorgingen. Es sei tragisch, dass die Diskussion durch die geringe Kooperationsbereitschaft von Wirtschaft und Politik auf ein falsches Geleise geraten sei und antisemitische Gefühle sogar noch bestärke.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 24.11.1999

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