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Religion im Lexikon

Von Amazonen, Monstern und Olympischen Spielen

600 Stichwörter in drei Bänden sollen die Welt der Religionen dem interessierten Laien phänomenal und theoretisch erschliessen. Die ersten beiden Bände sind gerade erschienen; ein dritter sowie ein Registerband stehen in Kürze zu erwarten. Die vorliegenden Bände geben einen – noch nicht endgültigen – Einblick in die Anlage des Lexikons durch Verlag und Herausgeber sowie in seine Leistungsfähigkeit. Vom Abendmahl bis zur von Bhagwan Shree Rajneesh begründeten Osho- Bewegung spannt sich der Rahmen der beiden Bände. Nicht nur die Weltreligionen: Buddhismus, Christentum, Hinduismus, Islam und Judentum, werden vorgestellt, sondern auch neue und alte religiöse Bewegungen wie Manichäismus und Diätetik werden in ihren Phänomenen, ihrer Geschichte und mit Blick auf die sie prägenden Persönlichkeiten erläutert.

Knapp definiert werden auch die theoretischen Hintergrundbegriffe der Religionswissenschaft (wie beispielsweise Alltag, Kommunikation oder Mythos) sowie in verschiedenen Kulturen religiös hochbesetzte Themen (wie Blut oder Haar). Hervorzuheben sind besonders die Länder- und Regionenartikel, die jeweils Landkarten zur Verbreitung und Häufigkeit der Religionen beziehungsweise Konfessionen und zu den wichtigsten Kultorten bieten. Auch Ortsartikel, beispielsweise zu Lourdes, Jerusalem, Mekka und New York, fehlen nicht.

Weiteres Nachdenken, manchmal auch Schmunzeln regen die zahlreichen, häufig farbigen Abbildungen an: die Prozession, die Bhagwan täglich in seinem Rolls-Royce veranstaltete; ein für ein Voodoo-Ritual eingerichteter Raum oder «fliegende» Yogis. Damit ist die Benutzung dieses Lexikons selbst schon ein nicht nur intellektuelles, sondern zugleich sinnliches Vergnügen. Angesichts der Fülle der aufgenommenen Begriffe wie auch der Vielzahl der angerissenen Perspektiven fällt es schwer, bestimmte Artikel besonders herauszuheben. Ob es um Amazonen, Beschneidung, Intellektuellenreligion oder Lebensreformbewegung geht – anregend sind die Artikel allesamt.

Der Ansatz dieses Lexikons ist interdisziplinär. Es macht Ernst mit den religionssoziologischen Einsichten Max Webers und Ernst Troeltschs, wonach Religion individuelles Handeln ebenso wie menschliche Gesellungsformen zutiefst durchdringt und prägt. Religion wirkt – wie alle starken menschlichen Antriebe – nicht immer friedensfördernd, sondern äussert sich auch gewaltsam. Deshalb werden religiöse Dimensionen von Konflikten offen angesprochen: den Themen Apartheid, Antisemitismus, Aussenseiter, Feindbilder, Krieg etwa sind eigene Artikel gewidmet. Ein Vorzug dieses Lexikons besteht somit darin, dass Häresie und Inquisition nicht als vereinzelte Stichwörter unter den Lemmata stehen.

Faktentreue, Lesbarkeit, Publikumsorientierung und Problematisierung der gegenwärtigen Entwicklungen und Trends sind die entscheidenden Ideale, denen sich die etwa 200 Autoren mit unterschiedlicher akademischer Vorbildung (aus Kultur-, Sozial-, Literatur-, Religionswissenschaft und Theologie) verpflichtet wissen. Angesichts des Mutes, das weite Feld der Religionen lexikalisch aufzubereiten, und der grossen integrativen Leistung der Herausgeber verstummen manche Einwände. Gleichwohl bleibt unklar, warum den Jesuiten ein Artikel gewidmet ist, den Franziskanern beispielsweise aber nicht. Als wenig informativ und konzeptionell schwach ist der Artikel über Frömmigkeit zu beurteilen. Man vermisst nicht nur eine Definition sowie religionsgeschichtliche und religionssoziologische Überlegungen, sondern auch Hinweise auf die wichtigsten frömmigkeitsprägenden Werke der Weltliteratur. Hier helfen die «Theologische Realenzyklopädie» oder das «Evangelische Kirchenlexikon» weiter, die allerdings vornehmlich aus der christlichen Tradition heraus argumentieren. Diese Beobachtung zu einer Grenze des Religionslexikons macht deutlich, dass es nur neben anderen Lexika den ihm zukommenden distinkten Ort finden kann. – Es wird ihn aber auch sicher finden.

Angelika Dörfler-Dierken

Metzler-Lexikon Religion. Gegenwart – Alltag – Medien. Bd. 1: Abendmahl–Guru; Bd. 2: Haar–Osho-Bewegung. Hrsg. von Christoph Auffarth, Jutta Bernard, Hubert Mohr unter Mitarbeit von Agnes Imhof und Silvia Kurre. Verlag J. B. Metzler, Stuttgart 1999. Bd. 1: 532 S., Fr. 149.–; Bd. 2: 632 S., Fr. 149.–.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 25.11.1999

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