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Zwischen Judentum und Judenstaat

Israel auf dem schwierigen Weg zu einem integrierten Kollektiv

Von Moshe Zimmermann, Richard-Koebner-Zentrum für Deutsche Geschichte, Jerusalem*

Die Selbstverständlichkeit, mit der man heute den Begriff «Judentum» verwendet, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass er erst relativ spät in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen ist. Erst vor gut 200 Jahren – vor allem im Zuge der Aufklärung, der Emanzipation und der Säkularisierung – begann man, nach Definitionen für die Wesensinhalte des jüdischen Kollektivs zu suchen. Zu einem inhaltlichen Konsens des Begriffes «Judentum» gelangte man dabei allerdings nicht. Je nach Wahl der historischen Epoche, je nach Ort und Zeit der unterschiedlichen Versuche jüdischer Selbstbestimmung sind verschiedene, durchaus in Konflikt stehende «Judentümer» zu unterscheiden.

Bevor sich das problematische Wort «Judentum» durchsetzen konnte, dienten Begriffe wie «Israel» oder «die Juden» zur Beschreibung des jüdischen Kollektivs. In der hebräischen Bibel ist Israel ein Volk, das sich von anderen Völkern seiner Umwelt hinsichtlich der dat, der politischen und religiösen Gesetzgebung, unterscheidet. Im Laufe der Zeiten und mit zunehmendem Verlust staatlicher Unabhängigkeit des jüdischen Volkes verlagerte sich der Akzent schon in der Antike zunehmend auf den religiösen Bereich der Gesetzgebung, während der politische Aspekt in den Hintergrund trat. Für Jahrhunderte blieb die Religion dann der Faktor, über den «die Juden» definiert wurden.

Judentum als Religion und Nation

Im 19. Jahrhundert entdeckte die jüdische Reformbewegung schliesslich in der Antike «das wahre Judentum». Rasch verstand sie sich als dessen Nachfolge und wandte die Bezeichnung «Israelit» auf den gläubigen Juden an; denn nach Meinung der Reformbewegung hatten die talmudische Zeit und das Mittelalter das Judentum (als Religion) auf Irrwege geführt. Diese Epochen waren folglich durch die direkte Anknüpfung der Reformbewegung an die Antike aus der Geschichte auszuklammern.

Die jüdische Orthodoxie in Mittel- und Osteuropa, paradoxerweise auch ein Produkt erst des 19. Jahrhunderts, versuchte zwar, dem Verständnis der Reformbewegung eine alternative Bestimmung des Judentums entgegenzusetzen. Sie unterschied sich dabei allerdings nicht von ihrer Konkurrentin in der grundsätzlichen Annahme, Judentum sei als Religion zu verstehen.

Judentum jedoch ist keineswegs unbedingt als Religion zu definieren. Dies war schon lange vor der Gründung der Zionistischen Bewegung im Jahre 1897 erkannt worden. Konsequent wurde die Definition des Judentums als Nation zunächst jedoch eher von Kreisen der nichtjüdischen Bevölkerung aufgegriffen, insbesondere von den Gegnern der Judenemanzipation seit der Französischen Revolution.

Seit Ende des Jahrhunderts war die zionistische bzw. die national-jüdische Denkrichtung das Element, das die internen Diskussionen um den Begriff «Judentum» prägte. Abgelehnt wurde der Zionismus gleichermassen vom Reformjudentum und von der Orthodoxie, weil es um eine neue, auf einer säkularen Basis stehende Definition des Judentums ging. Judentum als Nation war eher Erbe des europäischen Nationalismus als Teil einer jüdisch-religiösen Tradition. Die Entstehungsgeschichte des nationalen Begriffes «Judentum» beruht also primär auf dem Versuch, sich von religiösen Definitionen zu distanzieren.

Für die Mehrheit der Zionisten – die ihrerseits eine kleine Minderheit innerhalb der jüdischen Gesellschaft ausmachten – war im Vorfeld der Gründung des Staates Israel der säkulare Inhalt des neuen Judentums eine Selbstverständlichkeit. Sie sahen die Aufgabe des Judentums fortan entweder in der Rettung der Juden oder in der Schaffung einer Mustergesellschaft – eine Mission, die zeitlich mit dem 20. Jahrhundert und geographisch mit dem Lande Israel assoziiert werden konnte.

Nur eine Minderheit war es, die auf den Zionismus als säkularen Vorspann für eine messianische Wiederherstellung der jüdischen Theokratie setzte. Sie begriff das Judentum in einem engen orthodoxen Kontext und leitete den Zionismus aus dieser Vorstellung ab. Allerdings wuchs diese Minderheit seit Gründung des Staates Israel im Jahre 1948 nicht nur stetig an, sie konnte sich auch im politischen Diskurs profilieren: Zu dieser Entwicklung hat vor allem die Abwertung der säkularen Werte wie Sozialismus, Liberalismus oder Toleranz in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beigetragen.

Antisemitismus und Shoah

Spätestens seit der Entstehung des modernen Antisemitismus war die Definition des Judentums von der Auseinandersetzung mit der Judenfeindschaft geprägt. Die antisemitische Auffassung vom Judentum hatte auch im innerjüdischen Diskurs Folgen. Konstant in diesem internen Diskurs blieb das Axiom: Die Gemeinschaft der diskriminierten, verfolgten Juden ist es, die weitgehend das Judentum ausmacht.

Der Holocaust (Shoah) gilt diesem Geschichtsverständnis gewissermassen als schrecklicher Höhepunkt der Leidensgeschichte. Entsprechend wurde die Shoah – nicht nur in Israel – zur «zivilen Religion» der Juden aufgewertet. Judentum hiess fortan: im Schatten der Shoah leben. Ein derartiges Verständnis des Judentums wurde im Laufe der Zeit zum Kern der Identität der jüdischen Bevölkerung in Israel, aber auch in der Diaspora. Das Ergebnis ist paradox: Judentum in Israel ist heute einerseits die Shoah, anderseits aber die religiöse orthodoxe «Tradition» – eine alternative Kombination, die im krassen Gegensatz zum neuen Verständnis eines nationalen säkularen Judentums steht.

Mit dem allmählichen Vordringen des Shoah- Bewusstseins und der in der Folge entstandenen Definition des Judentums als «Leben im Schatten der Shoah» wurde allerdings die Ablehnung der Diaspora durch das zionistische Judentum äusserst problematisch. Denn eine Identifikation mit den Opfern der Shoah war nicht möglich, ohne die generelle Ablehnung der Diaspora zu relativieren. Es war nur folgerichtig, dass nun ein Bild vom Zustand der Diaspora vor der Shoah konstruiert wurde, mit dem man sich identifizieren konnte: Das romantische Bild eines nicht reformierten und nicht säkularen Judentums.

Israelische contra jüdische Identität

Die Bedeutung dieser Wende für das Selbstverständnis des Zionismus als «wahres Judentum» war extrem: das israelische Judentum war fortan gewissermassen entsäkularisiert und zum Monopolprodukt der Orthodoxie innerhalb des als Religion verstandenen Judentums geworden. Dadurch unterscheidet es sich krass vom amerikanischen Judentum.

Soziologen und Politologen möchten von jüdischen Israeli in Meinungsumfragen immer wieder wissen, ob für ihre individuelle Identität die jüdische oder die israelische Komponente vorrangig sei. Bereits die Fragestellung zeigt, dass die Auffassung vom «Israelitum» (oder Zionismus) als «wahrem Judentum» nicht verinnerlicht wurde. Bei der Suche nach dem jüdischen Element im «Israelitum» erfolgt dann ein Rückgriff auf eine religiöse, ja orthodoxe Definition des Judentums. Nur so könne in den Augen der israelischen Gesellschaft die angebliche Diskrepanz zwischen Israelitum und Judentum aufgehoben werden. Hätte man für den Staat den Namen Judäa statt Israel gewählt, wären vielleicht die Bezeichnungen Jude und Judentum dienliche Begriffe geworden, um die Idee vom neuen Judentum im Zionismus zu untermauern. Da man aber zu einer auch im Zionismus völlig neuen Begrifflichkeit – Israeli und «Israelitum» – kam, trat die brennende Frage nach der Beziehung zwischen Judentum und «Israelitum» sofort auf die Tagesordnung.

In den Zeiten Ben-Gurions und der sich im wesentlichen aus Osteuropa rekrutierenden Elitegruppen der vorstaatlichen Epoche konnte man «Israelitum» noch als zionistisch-säkulare Bezeichnung für das neue Judentum erklären. Dieses Judentum war dann allerdings streng mit dem spezifischen Ort des Staates Israel und seinen nach Europa reichenden historischen Wurzeln verknüpft. Daraus ergab sich ein doppeltes Problem: Einerseits war für Diasporajuden, die nicht zionistisch orientiert waren oder zumindest nicht nach Israel emigrieren wollten – und dies war und ist die Mehrheit der Juden –, die Gleichsetzung von Judentum und «Israelitum» trotz eventuellen prozionistischen Sympathien inakzeptabel. Andererseits breitete sich infolge des Umstandes, dass die israelische Gesellschaft innerhalb von weniger als zehn Jahren zu einer «orientalischen» Gesellschaft wurde, d. h. zu einer Gesellschaft, die zur Hälfte nicht mehr europäischer Herkunft war, eine Tradition vom Judentum aus, die sich von der Auffassung der europäischen oder alteingesessenen israelischen Juden unterschied.

Der Druck, Israel in neuer Form als jüdisch zu definieren, kam allerdings in gleichem Masse von den «orientalischen» Einwanderern wie von den bereits in Israel lebenden religiösen Zionisten europäischer Herkunft. Verschiedene Judentümer mit ganz unterschiedlichem Hintergrund versuchten fortan, ihre Vorstellung vom Judentum in Israel durchzusetzen. Ziel der Bestrebungen war stets, das «Israelitum» für die eine oder andere Auffassung des Judentums zu gewinnen bzw. zu vereinnahmen.

Alleinvertretungsanspruch der Orthodoxie

Das an seine Tradition und seinen Ort gebundene amerikanische Judentum hat nicht versucht, den Pluralismus der Judentümer zu ersticken: In religiöser Hinsicht gibt es in Amerika seit je mindestens drei Judentümer – orthodox, konservativ und liberal (Reform).

Im israelischen Judentum hingegen war schon in der Gründerzeit für zwei von den drei Formen des Judentums kein Platz mehr. Die Orthodoxie wurde in Israel – und in Europa – alsbald zur «Alleinvertreterin des Judentums». Das israelische Oberrabbinat handelt strikt nach den Regeln der Orthodoxie und lehnt die Mitarbeit von Reformrabbinern prinzipiell ab. Da das Rabbinat aber staatliche Funktionen wahrnimmt, verschafft es auf diesem Wege der Orthodoxie ein staatliches Monopol. Judentum als Religion ist in Israel also nur in der Form der Orthodoxie legitim. Und dieses Judentum – hier liegt der Kern der Angelegenheit – gilt immer stärker als konstitutives Element des «Israelitums».

Neben der alleinigen Beanspruchung der religiösen Form des Judentums durch die Orthodoxie hat inzwischen überdies eine Vereinnahmung der Begriffe «Nation» und «Zionismus» durch die orthodoxe Position in Israel eingesetzt. Während der Diskussion um die gesetzliche Regelung der Konversion, z. B. mit der ein Übertritt zur jüdischen Religionsgemeinschaft auch im Rahmen des Reformjudentums zugelassen werden sollte, prägten die Vertreter des orthodoxen Monopols den Slogan «Ein Volk – eine Konversion» (nicht: «Eine Religion – eine Konversion»). Die Orthodoxie masst sich also die Entscheidung über die Zugehörigkeit zur israelischen Nation (unter Ausschluss der israelischen Nichtjuden) an.

Die Interpretation der Geschichte

Der gegenwärtige Kulturkampf in Israel betrifft nun auch die Aneignung der Vergangenheit. In der stark historisch orientierten israelischen Gesellschaft ist die Darstellung der Geschichte eine entscheidende Waffe in der Auseinandersetzung um «das Judentum». Nun geht es dabei insbesondere um die Geschichte des Zionismus. Die Antwort auf die Frage nach der «Geburtsstunde des Zionismus» wird zum Schlüssel für die adäquate Definition des Judentums und dient der Rechtfertigung des Hegemonieanspruchs: Ist der Zionismus gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstanden, so ist er als Träger eines neuen, säkularen Judentums zu verstehen. Dieser Sicht folgte die hegemoniale Interpretation der Geschichte innerhalb und ausserhalb Israels bis ins letzte Drittel des 20. Jahrhunderts hinein.

Ist der Zionismus jedoch eine Bewegung, die «das Judentum» seit der Zerstörung des Zweiten Tempels begleitet und die ihren Ausdruck im religiösen Gebet erhalten hat, so ruht der Staat Israel auf anderen als den bisher vom säkularen Zionismus genannten Fundamenten.

Dass sich diese zweite Interpretation der Geschichte in den letzten Jahren zunehmend erfolgreich durchsetzen konnte, beruht nicht zuletzt auf der Tatsache, dass eine zum Zeitpunkt der Staatsgründung im Jahre 1948 in der israelischen Gesellschaft wenig repräsentierte Art des Judentums nach der Massenimmigration von Juden aus den Ländern des Orients ein dominierender Faktor der Gesellschaft wurde. Die «orientalische» jüdische Religiosität mit dem ihr eigenen Verständnis Zions und des Zionismus steht für ein weiteres stark religiös betontes Judentum in Israel.

Identitätsbilder

Die unterschiedlichen historischen Interpretationen des Judentums evozieren die Erinnerung an unterschiedliche Orte und Landschaften. So stehen im Mittelpunkt des Streits um die jüdische Geschichte Jerusalem gegen Javne; der Kibbuz gegen das urbane Zentrum; die Altstadt Jerusalems gegen die Neustadt Tel Avivs, usw. Aus dem vielfältigen Repertoire werden Bilder des säkular- religiösen Kompromisses konstruiert: mit der Vereidigung israelischer Soldaten vor der Westmauer (Klagemauer) in der Jerusalemer Altstadt wird ein Szenarium geschaffen, das die religiöse Erinnerung an die Zerstörung des Tempels mit der Wiedergeburt organisierter jüdischer Macht kombiniert. So wird versucht, eine bestimmte Definition von Judentum zu propagieren.

Die Landkarte Israels zeigt eine Vielfalt von Judentümern, deren national-orthodoxe Variante gegenwärtig als besonders dominant hervortritt. In der andauernden Debatte unter Juden und Nichtjuden um die Frage des Judentums und der jüdischen Identität in Israel, in Amerika und in Europa wird jedoch deutlich, dass es sehr wohl um einen Pluralismus geht. Da die Geschichte nicht an ihr Ende gekommen ist und «der Prozess des Judentums» (so Martin Buber) sich fortsetzt, ist auch das Ende des Nebeneinanders multipler Judentümer und eines Streites zwischen ihnen nicht absehbar.

* Moshe Zimmermann ist Professor für deutsche Geschichte und seit 1986 Direktor des Richard-Koebner-Zentrums für Deutsche Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem; Träger des Humboldt-Forschungspreises 1993 sowie des Jakob- und-Wilhelm-Grimm-Preises 1997; Autor zahlreicher Publikationen in Deutsch und Hebräisch zu Nationalismus, Antisemitismus und zur deutsch-jüdischen Geschichte. – Publikationen: Wende in Israel. Zwischen Nation und Religion, Berlin 1996. Die deutschen Juden 1914–1945. München 1997.

 

 

© Neue Zürcher Zeitung - 27.11.1999

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