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Konkurrierende jüdische Geschichtsbilder

Gemeinsames Narrativ für aschkenasische, sephardische und orientalische Juden?

Von Dan Diner, Tel Aviv, Direktor des Simon-Dubnov-Instituts für jüdische Geschichte an der Universität Leipzig

Das israelische Geschichtsbewusstsein ist im Wandel begriffen. Dies ist vornehmlich auf die zunehmende Akzeptanz innerer Differenzierung im jüdischen Gemeinwesen zurückzuführen. Über Jahrzehnte hinweg war das osteuropäische jüdische Geschichtsverständnis prägend. Ihm kam das Gewicht einer geradezu hegemonial wirkenden Geschichtserzählung zu. Diese wiederum stand der deutsch-jüdischen Geschichtserfahrung entgegen – verbunden mit dem Prozess der Emanzipation, Akkulturation und Assimilation der deutschen Juden vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis zur katastrophischen Wirkung des Nationalsozialismus –, und dies noch vor dem Holocaust. Seither galt die deutsch-jüdische Geschichte, vornehmlich ihre hohe Zeit im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als so etwas wie eine negative Folie des sich zunehmend national verwandelnden jüdischen Selbstverständnisses.

Nationaler und universeller Diskurs

Nicht nur in Israel, in der gesamten jüdischen Welt wurde der deutsch-jüdische Weg der Emanzipation als eine Perspektive herausgestellt, vor deren Nachahmung man sich besser hütet. Schliesslich sah sich die eher pessimistisch argumentierende Geschichtsschreibung ostjüdischer bzw. nationaljüdischer Tradition durch die katastrophischen Zeitläufte gleichsam bestätigt. Über viele Jahrzehnte hinweg bestimmte sie auch die Richtung jüdischer Geschichtsschreibung.

In einem grundlegenden Beitrag zur Historiographie der Assimilationsgeschichte der Juden im 19. Jahrhundert hat Jonathan Frankel eine seit den sechziger Jahren anhaltende Einebnung der traditionell dichotomischen Perspektiven ostjüdischer und westjüdischer Herkunft diagnostiziert und dabei vorgeschlagen, dieser Gegensatz sei weiter abzuschleifen. Damit würde ein höheres Mass an Wirklichkeitsnähe wie an historiographischer Integration der jeweiligen Emanzipationserfahrungen erreicht. Ein solches Begehren mag neben dem Fortschreiten der internationalen Forschung zur jüdischen Geschichte nicht zuletzt auch der in der israelischen Gesellschaft fühlbar wachsenden Bereitschaft geschuldet sein, den je unterschiedlichen Historien der verschiedenen Judenheiten mehr Raum zu geben.

Eine solche Tendenz für die sechziger Jahre festzustellen dürfte im Falle Israels als verfrüht gelten. Heute ist sie jedoch unübersehbar geworden und lässt paradoxerweise auf eine zunehmend sichtbare Stärkung des israelischen Selbstbewusstseins schliessen. Bekannt sind inzwischen die Arbeiten der sogenannten «neuen Historiker», die sich vornehmlich politisch kontroverser Gegenstände israelischer Zeitgeschichte annehmen. Auch bei ihren Befunden sind Spurenelemente der deutsch-jüdischen Erfahrungsgeschichte zu verspüren. Deutlich wird das etwa dann, wenn es darum geht, die Haltung der deutsch-jüdischen bzw. der mitteleuropäisch- deutschsprachigen Einwanderung im arabisch- jüdischen Konflikt als ausgleichendes Element zu berücksichtigen.

In der nicht gering zu erachtenden ausserakademischen und publizistischen Geschichtsschreibung sind für eben jene Tendenz die Arbeiten von Tom Segev signifikant. Von ihm wird der deutsch-jüdische Erfahrungskontext als regelrechtes Kontrastelement zum beherrschenden nationalgeschichtlichen Diskurs herangezogen. So etwa in seinem Buch «Die siebte Million», das über die Art der Bewältigung des Holocaust in Israel handelt. Diesem Werk ist in offenbar methodischer Absicht ein Kapitel über die Erfahrungsgeschichte der deutschen Juden im Yishuv vorgeschaltet. Die dabei zur Geltung kommende Perspektive Hannah Arendts dürfte auf eine Neubewertung der deutsch-jüdischen Emanzipationserfahrung und ihres im Unterschied zum ostjüdischen Narrativ stärker ausgeprägten Universalismus hinauszulaufen. Auch Segevs neuestes Buch über die «Briten in Palästina», das eine vorsichtige Rehabilitierung der englischen Mandatsmacht vollzieht, scheint der eher universell gehaltenen Perspektive deutsch-jüdischer Emigration der dreissiger Jahre Rechnung zu tragen.

Neuer Blick auf die Emanzipation

Insgesamt kündigt sich in Israel eine Neubewertung der deutsch-jüdischen Emanzipationsgeschichte an. Bisher war ihre Rezeption auf die Geistesgeschichte allein beschränkt. Die Berücksichtigung universell gestimmter deutsch-jüdischer Denker wurde dabei nicht direkt in den Kontext deutsch-jüdischer Traditionsbildung gestellt. Vielmehr nimmt sie ihren Weg über eine angelsächsische, vornehmlich amerikanische akademische Rezeption. So ist es in Israel zunehmend möglich geworden, deutsch-jüdische Denker universeller Provenienz wie etwa Walter Benjamin nicht mehr analog einer eher verengenden und vereinnahmenden nationalen Perspektive eines Gershom Scholem entlang zu perzipieren, sondern über eine ihre partikulare Reduktionen überschreitenden Wirkungsgeschichte.

Kaum einer anderen Gestalt moderner Geistesgeschichte kommt im die deutsch-jüdische Geschichte inkriminierenden national-jüdischen Diskurs eine so wichtige emblematische Bedeutung zu wie Hannah Arendt. Im Prinzip ist ihr gesamtes Werk als intellektuelle Verarbeitung der Erfahrungsgeschichte des deutschen Judentums von der frühen Emanzipationsphase («Rahel Varnhagen») bis zur Vernichtung («Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft») zu lesen. Nach Jahrzehnten des Beschweigens hält die politische Philosophin nunmehr auch in den öffentlichen und akademischen Diskurs Israels Einzug. Der von Steven Aschheim an der Hebräischen Universität ausgerichteten Konferenz «Hannah Arendt in Jerusalem» kommt so etwas wie eine Initiation öffentlicher Akzeptanz zu. Aller Wahrnehmung nach habe sich auf dieser Konferenz die akademische, mit deutsch-jüdischer Geschichte sich befassende israelische Intelligenz in regelrechten Sympathiekundgebungen für die deutsch-jüdische Philosophin geoutet. Die bevorstehende Drucklegung einer hebräischen Übertragung von «Eichmann in Jerusalem» ist zudem unübersehbares Indiz. Schliesslich handelt es sich bei ihrem Report um einen der Autorin vielleicht kaum bewusst gewordenen Gegenentwurf zum osteuropäischen jüdischen Geschichtsnarrativ. Dieses wiederum war an der Konferenz von Gideon Hausner vorgetragen worden.

Eine integrierte Kollektivgeschichte?

Im israelischen Selbstverständnis stossen verschiedene jüdische Vorgeschichten und die ihnen entsprechenden Narrative aufeinander. Die inneraschkenasischen Erzählstrukturen – das seiner historischen Niederlage wegen eher verschämt sich zurückhaltende und einer individuellen Emanzipation verpflichtete deutsch-jüdische Narrativ sowie die jahrzehntelang übermächtig gewesene osteuropäisch-nationale Geschichtserzählung – stehen da nicht allein. Sie werden zusehends von den Spielarten orientalischen Selbstverständnisses und ihren vornehmlich religiös eingefärbten Erzählmodi herausgefordert.

Eine israelische Historiographie, die sich die Vielfalt der jüdischen Vorgeschichten vergegenwärtigt und diese in ihrer Verschiedenheit und Vielfalt anerkennt, ist als programmatischer Entwurf noch nicht in Sicht – vielleicht mit Ausnahme der in gewisser Hinsicht singulären Studie von Jonathan Frankel über die Damaskusaffäre von 1840. Bei diesem Buch handelt es sich um den gelungenen Versuch, eine national angelegte jüdische Geschichte der Emanzipationszeit zu verfassen, die nicht über die evidenten Unterschiedlichkeiten der jeweiligen Judenheiten hinweggeht, sondern diese zu integrieren weiss.

Die Bedeutung des Ritualmordvorwurfs

Allein mit der Wahl seines Gegenstandes ist Jonathan Frankel den Anforderungen einer pluralistisch geläuterten jüdischen Kollektivgeschichte nachgekommen. So werden die räumlich disparaten Lebenswelten der orientalischen wie der westlichen Judenheiten in einer Erzählung zusammengeführt, in der protonationale Solidaritätsbande sichtbar werden. Im Unterschied zu der in Israel dominanten ostjüdischen Tendenz von Geschichtsschreibung weiss Frankel die westlichen Judenheiten zu rehabilitieren. Die den östlichen jüdischen Lebenswelten verpflichtete traditionelle Nationalgeschichte, die sein eigentlicher Forschungsgegenstand ist, rückt so in den Hintergrund und gibt den sonst ihrer Emanzipationsgeschichte wegen eher vernachlässigten und nur am Rande abgehandelten westlichen Judenheiten Englands und Frankreichs Raum. Kraft ihrer ganzen politischen Bedeutung zur damaligen Zeit zeigen im Buch über die Damaskusaffäre diese Judenheiten aktive Solidarität mit den bedrohten und verfolgten Juden des Orients.

Die in den Territorien des Deutschen Bundes lebenden und ihrer Emanzipation als Gleichstellung harrenden Juden wiederum werfen dabei signifikanterweise in Gestalt religionswissenschaftlicher Traktate ihr kulturelles und geistiges Gewicht in die Waagschale. Dem Gegenstand des Vorfalls in Damaskus, dem Ritualmordvorwurf, kommt in der Geschichtserzählung so etwas wie eine die disparaten Historien der Judenheiten vereinheitlichende Bedeutung zu. Der im Kultischen begründete Ritualmordvorwurf an die Juden zeichnet sich durch seine Zeitlosigkeit aus, zumal er in weite Geschichtsräume ausgreift – in vorchristliche wie in christliche Zeiten. Die kultisch gestiftete Zeitlosigkeit dieser Anschuldigung stellt insofern einen gemeinsamen Gedächtnisraum der verschiedenen Judenheiten her – im Orient ebenso wie im Osten und im Westen Europas.

Mit der Rehabilitierung der westlichen jüdischen Emanzipationsgeschichte im lebensweltlichen Kontext der orientalischen Judenheit kommt dem Werk Jonathan Frankels die Bedeutung eines Versuchs integrierter jüdischer Geschichte zu – und dies nicht zuletzt auch als Reflex eines sich zunehmend verwandelnden israelischen Selbstverständnisses. Genaugenommen handelt es sich dabei um die Rehabilitierung der westlichen Judenheiten in der Konstruktion einer synthetischen jüdischen Kollektivgeschichte.

Literatur:

Jonathan Frankel: The Damascus Affair: «Ritual Murder», Politics, and the Jews in 1840 (New York: Cambridge University Press, 1997).

Jonathan Frankel and Steven J. Zipperstein (ed.): Assimilation and Community: The Jews in Nineteenth-Century Europe (New York: Cambridge University Press, 1992).

Tom Segev: The Seventh Million (New York: Hill & Wang, 1993).

Tom Segev: A Twice Promised Land: Palestine under the British Mandate (Metropolitan Books, 1999).

Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem: A Report on the Banality of Evil (Tel Aviv: Babel). To be published in Hebrew in 2000.

Steven Ascheim (ed.): Hannah Arendt in Jerusalem (Berkeley: University of California Press). To be published in English in 2000.

 

 

© Neue Zürcher Zeitung - 27.11.1999

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