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Überlebende des Holocaust in der Schweiz

Jüdische Schicksale – ein Projekt der Oral history

Gespräche, in denen Personen unterschiedlicher sozialer und geographischer Herkunft aus ihrem durch den Nationalsozialismus beschädigten Leben erzählen, sind vom einem Historiker-Team aufgenommen und bearbeitet worden. Nun liegt ein Buch vor, das Einblicke in das Erleben der Katastrophe dieses Jahrhunderts aus der Perspektive von elf Opfern gibt und daran erinnert, dass Menschen unter uns leben, die bisher kaum über ihr Schicksal gesprochen haben und die zum Teil auch heute noch anonym bleiben wollen.

He. Im Sommer und Herbst 1997 haben Eva Lezzi und Raphael Gross als Zeithistoriker auf Initiative des Zürcher Anwalts Marc R. Richter, der auch die Sponsorensuche für das Projekt an die Hand nahm, Gespräche mit in verschiedenen Landesteilen der Schweiz wohnhaften Überlebenden des Holocaust geführt. Bei der Auswahl der Gesprächspartner – von denen einzelne bis heute staatenlos sind – wurden die Autoren von Gabor Hirsch, dem Leiter der Kontaktstelle für Überlebende des Holocaust, unterstützt.

Der nun unter dem Titel «Eine Welt, die ihre Wirklichkeit verloren hatte . . .» vorgelegte Band ist ein Beispiel von Oral history – von mündlich erfragter und erzählter Geschichte –, wie es bisher für die Schweiz fehlte.* Dass die Gespräche während der Zeit stattfanden, als die Schweiz daran war, auf äusseren Druck ihr Verhalten während des Zweiten Weltkrieges umfassend aufzuarbeiten, kommt im aufgezeichneten Material zwar zum Ausdruck – denn mündliche Geschichte ist nie reine Erinnerung, sondern bezieht den aktuellen Kontext unweigerlich mit ein. Doch die Autoren und erst recht die Zeitzeugen möchten die Protokolle nicht für politische Zwecke instrumentalisiert sehen.

Erinnerung auch an die Toten

Die Arbeit soll Erlebtes und Erlittenes festhalten, an das vielleicht bald niemand mehr erinnert und das für die erzählenden Überlebenden auch Erinnerung an ihre Toten ist. Der Moment, in dem man die Mutter, den Vater, ein Geschwister zum letztenmal sah – meist, ohne zu ahnen, dass es der Abschied auf immer sei –, bleibt ein ständiger Schmerz. Und der Topos, dass man sich mitunter schämt, am Leben geblieben zu sein, wo doch die Nächsten untergingen, kommt in mancher Erzählung vor. Auch die Angst, die eigenen Aussagen könnten falsch aufgefasst werden, wird da und dort zum Thema. Könnte die geschilderte Ambivalenz, in der man sich als Kind befand, das erlebte, dass es als medizinisches Versuchsobjekt eine gewisse Vorzugsbehandlung genoss, als Entschuldigung der Täter aufgefasst werden?

Das Erleben der Nazi-Herrschaft und der Zeit im Konzentrationslager manifestiert sich in den verschiedenen Erinnerungen keineswegs uniform. Für einige gab es keine Gefühle mehr in der Zeit, sondern nur noch wache Überlebensstrategie. Lernen aus erlebten Situationen, rasches Reagieren auf Veränderungen konnten helfen, in immer neuer Bedrängnis zu bestehen. Einzelne erzählen von ihren Rettern, die ihnen im letzten Moment zu medizinischer Versorgung oder zu Nahrung verhalfen. Der Überlebenswille wurde bald vom Wunsch genährt, die Angehörigen wiederfinden zu wollen, bald auch vom Wunsch, die Täter als Verlierer zu erleben.

Für viele der Opfer bedeutete zwar das Kriegsende Befreiung – einige waren bereits auf einem der Todesmärsche, mit denen die Nazis beim Näherrücken der Alliierten die Konzentrationslager evakuierten –, doch die Odyssee durch die Lager dauerte noch Jahre an. Im günstigeren Fall waren es Flüchtlingslager in der freien Welt, im ungünstigen stalinistische Arbeitslager, wohin jüdische Flüchtlinge aus den von Deutschland besetzten und von der Sowjetarmee befreiten Gebieten zum Teil verschleppt wurden.

Die ganze Energie der dem Terror knapp entkommenen Opfer galt der Suche nach Verwandten, nach einem neuen Aufnahmeland. Bleiben konnten nur wenige, manche der Befragten haben viel später ihren Weg in die Schweiz wieder gefunden. Andre Überlebende des Holocaust wiederum sind erst nach einem Lebensabschnitt im kommunistischen Osteuropa erstmals in die Schweiz gekommen. Und die meisten haben Lebenspartner mit einem vergleichbaren Schicksal gewählt, oft nachdem sie den Ehemann oder die Ehefrau im Krieg verloren hatten. Einzelne haben sich gut zu integrieren gewusst, beruflich wie familiär. Andere leben vereinsamt.

Die Schweiz: mitunter schwierige Heimat

Dieses Gespräch sei ein Gedenkstein für die in Auschwitz umgekommenen Eltern, meint eine Frau, die schon lange vor dem Krieg als Kind in der Schweiz eingebürgert worden war und nach der Besetzung Frankreichs vergebens versucht hatte, ihren arbeitshalber in Paris weilenden polnischen Eltern Papiere für eine Wiedereinreise zu organisieren. Die meisten Interviewten sprechen mit Dankbarkeit über die Schweiz, die sie als Flüchtlingskinder, über die grüne Grenze oder als Tuberkulosekranke erreichten. Doch bei vielen blieb auch nach dem Krieg die Angst, es könnte sich wieder eine Katastrophe anbahnen, und sie sprachen wohl auch deshalb kaum über ihr Schicksal. Und manche wollen auch heute anonym bleiben, weil ihr berufliches Umfeld nicht über ihre jüdische Identität, über ihre Leidensgeschichte ins Bild gesetzt werden soll.

Mitunter bringt die Diskussion über die Rolle der Schweiz im Krieg manche Erinnerung erst wieder hoch. Dass es heute jedoch mehr Antisemiten geben soll als noch vor wenigen Jahren, bezweifelt ein Arzt: Er glaube, Antisemitismus sei eine Sache des Charakters. Solche Züge könnten verstärkt werden, aber dass einer ganz plötzlich Antisemit werde, weil amerikanische Juden sich für Zahlungen an die Opfer einsetzten, sei unvorstellbar. Ein ehemals rumänischer Sozialist, der vor dem Krieg in Frankreich studiert hatte, bevor ihn das Schicksal der Deportation erreichte, geht mit der Schweiz hart ins Gericht: Schweizer Grenzsoldaten verteidigten wohl die Schweiz vor deutschen Truppen, jedoch auch vor unerwünschten jüdischen Flüchtlingen.

Die Biographien sind in ihrer Vielfalt des Erlebten und des Erzählstils beeindruckend. Als Orientierungshilfe ist jedem Gespräch eine Kurzbiographie vorangestellt. Nur schon die Tatsache, dass Menschen unter uns leben, die in Polen, Rumänien, der Slowakei, Ungarn, Belgien, Frankreich oder Deutschland geboren wurden und die Katastrophen dieses Jahrhunderts durchgestanden haben und davon ein lebendiges Zeugnis ablegen, macht die Lektüre des Buches zur Pflicht. Es verleiht der Zeitgeschichte ein Gesicht. Ein schreckliches Gesicht. Nicht von ungefähr sagte einer der Herausgeber bei der Präsentation, es wäre zu wünschen gewesen, dass diese Publikation gar nicht hätte entstehen können. Doch die historische Realität will es anders.

 

* Eine Welt, die ihre Wirklichkeit verloren hatte . . . Jüdische Überlebende des Holocaust in der Schweiz. Herausgegeben von Raphael Gross, Eva Lezzi und Marc R. Richter. Limmat-Verlag, Zürich 1999.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 30.11.1999

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