Pressespiegel

Kirche-Religion-Gesellschaft


Direkt zur Online-Ausgabe der NZZ

Aargauer Zeitung

Basler Zeitung

Berner Zeitung

Blick

Freiburger Nachrichten

Neue Luzerner Zeitung

Neue Zürcher Zeitung

St.Galler Tagblatt

Tages-Anzeiger

Facts

Sonntagsblick

Sonntagszeitung

Weltwoche

Wochenzeitung

 

Aufgeklärte Esoterik

Verkannte Traditionen des Denkens

Esoterik scheint so etwas wie das Unbewusste der Wissenschaften zu sein: Ihrem analytisch- historischen gilt das synthetisch-analogische Denken der Esoterik förmlich als das Andere, als das längst Überwundene ihrer selbst, dem sie nur mit grössten Berührungsängsten begegnen. Es fehlt ihnen weitgehend das Verständnis dafür, Esoterik als eine historische Ausformung des menschlichen Denkens der Neuzeit zu untersuchen, als ein informelles Bedeutungssystem, das quer zum Kanon der grossen Religionen und der sich etablierenden exakten Wissenschaften steht. Symptomatisch dafür ist, dass vor allem im deutschsprachigen Raum keine universitären Forschungseinrichtungen existieren, die die Phänomenologie und Geschichte der Esoterik zum Gegenstand nehmen würden. Esoterik wird fast ausschliesslich einer populär- oder parawissenschaftlichen Szene überlassen, die allerdings mühelos ganze Verlagsprogramme und Buchhandlungen mit Publikationen füllt und zahllose, gut besuchte Seminar- und Vortragsveranstaltungen hervorbringt.

In Frankreich jedoch ist die Lage nicht ganz dieselbe: An der Pariser «Ecole pratique des hautes études» wurde bereits 1965 ein Lehrstuhl für die Geschichte der Esoterik eingerichtet, den seit 1979 Antoine Faivre innehat. Nicht zufällig erschien vor kurzem auch in Paris der monumentale «Dictionnaire critique de l'ésotérisme», unter der Leitung von Jean Servier und verlegt von den renommierten «Presses universitaires de France». Die Rede von einem «kritischen» Lexikon im Titel scheint programmatisch: Sie verspricht eine analytische und historische – und damit nichtesoterische – Beschreibung der Denkformen und der Geschichte der Esoterik.

Was aber ist Esoterik aus kultur- und religionswissenschaftlicher Sicht? Leider wird in dem Lexikon gerade diese grundsätzliche Frage nicht klar beantwortet, weder im Vorwort von Servier, das gegenüber den nachfolgenden Artikeln stark abfällt, noch im entsprechenden Artikel «ésotérisme», der nur die Wortgeschichte seit dem 19. Jahrhundert rekonstruiert. Antoine Faivre und andere Forscher (etwa Wouter Hanegraaff, der den vor kurzem in Amsterdam neu geschaffenen und damit zweiten europäischen Esoterik-Lehrstuhl, bestimmt zur Erforschung der «history of hermetic philosophy and related currents», innehat) haben jedoch sehr wohl theoretische Überlegungen zu einer Bestimmung der Esoterik unternommen.

Die Denkform der Esoterik, wie sie sich seit der frühen Neuzeit in Europa in verschiedenen Systemen herausgebildet hat (in Hermetik, Magie, Alchemie, Astrologie, christlicher Kabbala, Theosophie, Naturmystik, Magnetismus usw.), charakterisiert Faivre durch vier Eigenschaften: Esoterik zeichnet sich erstens durch ein analogisches Denken aus, durch die Wahrnehmung also von verborgenen «Korrespondenzen» und «Harmonien» in den Dingen – gemeint sind etwa die berühmten Analogien von Mikrokosmos (Mensch) und Makrokosmos (Welt) oder von «oben» (überirdische Welten) und «unten» (irdische Welt); zweitens durch die daraus hervorgehende Vorstellung einer «belebten» oder «beseelten» Natur; drittens durch «Imagination» als dem esoterischen Erkenntnisprinzip, das die verborgenen Korrespondenzen zwischen den Dingen aufdeckt; viertens schliesslich durch die «Erfahrung der Transmutation», d. h. des Übergangs in einen «höheren Zustand», als das Ziel der esoterischen Erkenntnis. Während Faivre diese vier Komponenten zumindest für die «westliche Esoterik» seit der Renaissance als Konstanten erachtet, kombinieren neuere Ansätze (z. B. Hanegraaff) die Typologie esoterischer Denkformen mit einer stärker historischen Perspektive. Esoterik kann demnach nicht als ein allgemeiner Typus des Denkens gelten, sondern ist, letztlich wie alles Wissen, immer geschichtlich zu verstehen.

Der «Dictionnaire critique de l'ésotérisme» nun verfährt überraschenderweise eher typologisch und ahistorisch, wenn in ihm verschiedenste Ausformulierungen des esoterischen Denkens – geradezu die Esoteriken aller Zeiten und Zivilisationen – nebeneinandergestellt werden. Was die afrikanischen, lateinamerikanischen, keltischen, chinesischen, indischen, römischen, mesopotamischen, ägyptischen, islamischen, jüdischen und schliesslich auch die westlich-europäischen Kulturen untergründig miteinander verbindet, ist das «höhere» Wissen der Esoterik. Dahinter steht die Vorstellung der Esoterik als eines gnostischen Typus von Wissen, eines informellen Wissens also über die verborgenen physischen und metaphysischen Zusammenhänge der Welt, das alle Religionen und Kulturen liiert – «un même ésotérisme d'un bout à l'autre de l'humanité dans l'espace et dans le temps», wie Servier in der Einleitung schreibt. Esoterische Denkformen und Symbole erweisen sich folglich, nach C. G. Jungs Begriff, als «archetypisch».

Damit vermeidet das Lexikon zwar eine eurozentristische Perspektive, allerdings um den Preis einer ahistorischen Vermischung von kulturellen Systemen. Geht man dagegen von einem historischen Begriff von Kultur, Religion, Denken und Wissen aus, kann man ein unveränderliches Muster esoterischen Wissens nicht mehr annehmen – mehr noch: die Vorstellung der Esoterik als einer immerwährenden Weltreligion, als einer prisca theologia oder einer philosophia perennis, erweist sich ihrerseits als eine esoterische. Als Alternative zur universalistischen Esoterik des «Dictionnaire critique de l'ésotérisme» ist gegenwärtig nicht zufällig ein zweites, englischsprachiges Lexikon in Arbeit, das von einem historisch und kulturell präziseren Esoterikbegriff ausgeht, der europäischen Esoterik seit der Renaissance. Das Lexikon, herausgegeben unter anderen von Faivre und Hanegraaff, wird «Dictionary of Gnosis and Western Esotericism» heissen.

Wenn im deutschsprachigen Raum die Esoterikforschung seit kurzem, wenn auch ohne feste Einrichtungen, sondern vor allem mit Kongressen, zunehmend an Konturen gewinnt (im Oktober fand in Göttingen eine Tagung über «Hermetismus als Kulturphänomen in der frühen Neuzeit» statt), dann vorwiegend auf der Basis eines historisch präziseren Esoterikbegriffs. Davon zeugt auch der von Monika Neugebauer-Wölk herausgegebene Band «Aufklärung und Esoterik». Er macht deutlich, dass «Esoterik in der Aufklärung» bei weitem nicht auf den Gegensatz von Irrationalismus und Vernunft reduziert werden kann.

Noch und gerade das 18. Jahrhundert eignete sich esoterische Denkformen (von der Hermetik über die Alchemie bis zur Kabbala) produktiv an, letztlich auch als Teil des Säkularisationsprozesses des Christentums. An der Freimaurerei wird deutlich, dass Esoterik im 18. Jahrhundert nicht nur, etwa unter den polemischen Schlagworten «Aberglaube» und «Schwärmerey», als Inbegriff eines Denkens vor der Vernunft galt. Es gibt auch so etwas wie eine «vernünftige Hermetik», eine «philosophische Kabbala», eine «aufgeklärte Esoterik», in der die Kategorie des Geheimnisses mit Vernunft definiert, die «Transformation» des Menschen als politische Utopie verstanden wird. Noch und gerade an der Aufklärung also zeigt sich, dass das Studium der Geschichte des menschlichen Denkens den Begriff der Vernunft erweitern und sich jenem Feld öffnen muss, das in der europäischen Neuzeit zusammen mit der Säkularisation der Religionen und dem analytisch-wissenschaftlichen Denken aufgekommen ist: der Esoterik.

Andreas Kilcher

 

Dictionnaire critique de l'ésotérisme. Publié sous la direction de Jean Servier. Presses universitaires de France, Paris 1998. 1449 S., fFr. 980.–.

Monika Neugebauer-Wölk (Hrsg.): Aufklärung und Esoterik. Verlag Felix Meiner, Hamburg 1999. 477 S., Fr. 167.–.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 02.12.1999

Recherche
Links
Archiv
Suchen
Impressum

Nach oben