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Wieviel Geld vor den Nazis gerettet wurde

Der Junz-Bericht beleuchtet ein düsteres historisches Kapitel

Die dem Volcker-Bericht angefügte Junz-Studie schätzt den Gesamtbestand der jüdischen Vermögen, die aus vier von den Nazis besetzten Ländern sowie aus Deutschland und Österreich in «sichere Häfen» geführt wurden, auf 3 Mrd. $. Dabei werden auch die schauerlichen bürokratischen Mechanismen beleuchtet, die zu den Enteignungen durch die Nazis führten.

pra. Zusammen mit dem Volcker-Bericht ist am Montag eine ausführliche Studie von Helen B. Junz veröffentlicht worden, die abzuschätzen versucht, wie viele jüdische Gelder überhaupt vor dem Zugriff der Nazis während und vor dem Zweiten Weltkrieg gerettet werden konnten. Ziel der Studie ist es, die Grössenordnung der Gelder auszuloten, die in jener Zeit allenfalls auch bei Schweizer Banken in Sicherheit gebracht werden konnten. Das Resultat ergibt die Summe von 3,0 Mrd. $ zu damaligen Preisen, die aus den sechs untersuchten Ländern Deutschland, Österreich, Frankreich, Niederlande, Ungarn und Polen ins Ausland – nicht nur in die Schweiz – fliessen konnte (vgl. NZZ vom 7. 12. 99).

Berechnung der beweglichen Vermögen

Der mutmassliche Geldabfluss wurde indirekt auf Grund von Steuer- und anderen Einkommens- und Vermögensdaten, die zum Teil aus den Enteignungsprotokollen der Nazis stammen, geschätzt, da Untersuchungen über die Geldzuflüsse in die einzelnen Zielländer mangels Daten nicht die gewünschten Ergebnisse brachten. Im wesentlichen versuchte Junz in einem ersten Schritt, die Vermögenslage der jüdischen Wohnbevölkerung in den sechs Ländern zur Zeit vor dem Zugriff der Nazis zu rekonstruieren. In einem zweiten Schritt untersuchte sie die Struktur dieser Vermögen und berechnete den Anteil der mobilen Vermögenswerte, die sich für einen Transfer ins Ausland überhaupt eigneten. Nach weiteren Korrekturen und Annahmen zieht sie daraus die geschätzten Beträge, die auf ausländische Banken geflossen sein könnten. Naturgemäss sind diese Schätzungen mit beträchtlichen Unsicherheiten behaftet. Dieses Verfahren hat zudem den Nachteil, dass nicht quantifiziert werden konnte, wieviel Geld in welchen «sicheren Hafen» geflossen ist. Die Studie nennt lediglich die Schweiz und die USA als wichtigste Destinationen ausserhalb der besetzten Gebiete. An dritter Stelle wird Grossbritannien erwähnt.

Die Rekonstruktion der jüdischen Vermögen in den sechs Ländern relativiert deren Ausmass. Die Studie kommt auf einen Gesamtbestand der jüdischen Vermögen in den sechs Ländern in den Jahren 1938/39 (für Deutschland 1933) von kaufkraftbereinigt insgesamt 12,1 Mrd. $. Diese Summe stand aber im Besitz von nur 21% aller Juden in dem fraglichen Gebiet. Die grosse Mehrheit wird als vermögenslos oder arm identifiziert, wobei die Unterschiede zwischen den Ländern sehr gross sind. Während in den stark mittelständisch strukturierten Ländern Deutschland und Österreich 63% bzw. 55% der Juden Vermögen besassen, lag die entsprechende Quote in Ungarn bei 20% und in Polen, wo weitaus die meisten Juden lebten, bei 8%. Insgesamt weichen Vermögensstand und -verteilung gemäss der Studie nicht wesentlich von den Werten für die Gesamtbevölkerung ab. Unterschiede können ausserdem zu einem guten Teil dadurch erklärt werden, dass die jüdischen Minderheiten zu einem weit überdurchschnittlichen Teil in den Städten lebten.

Schauerliche Enteignungsbürokratie

Wieviel Geld vor dem Zugriff der Nazi-Schergen in Sicherheit gebracht werden konnte, war von Land zu Land verschieden und hing vom Vorgehen der Besatzer bzw. von den Erwartungen der Bevölkerung ab. Die Studie stellt die schauerlichen Mechanismen kurz dar, nach denen die Juden in den verschiedenen Ländern ihres Eigentums beraubt wurden. Erschreckend wirkt dabei die «kafkaeske» bürokratische Präzision, mit der unter dem Deckmantel einer angeblichen «Rechtsstaatlichkeit» die Juden kaltblütig ihres Besitzes beraubt wurden. Zwei Beispiele seien hier erwähnt: Aus Österreich, dem auf Grund der Quellenlage am besten dokumentierten Fall, konnte nur wenig Kapital rechtzeitig expatriiert werden. Offenbar wurden die österreichischen Juden vom Anschluss und von seinen Folgen überrascht. Viele wurden bereits in den ersten Wochen gezwungen, ihre Unternehmen und Häuser vor allem NS-Parteimitgliedern zu einem minimalen Preis zu überlassen. Junz staunt über den hohen Anteil von Betroffenen, die sechs Wochen nach dem Anschluss ihre Vermögenswerte in die obligatorischen Register eintrugen – und damit dem Zugriff der Nazis auslieferten.

Als die Deutschen in die Niederlande einmarschierten, konnte die Enteignungsmaschinerie bereits auf die Erfahrungen in Deutschland und Österreich zurückblicken und entsprechend forsch vorgehen. Die Juden in den Niederlanden wurden gezwungen, ihr gesamtes Finanzvermögen und später auch Schmuck und Kunstgegenstände auf Konti bei der Bank Lippman, Rosenthal & Co. einzuzahlen. Anfänglich wurde die Fiktion aufrechterhalten, die Menschen seien noch im Besitz dieser Vermögenswerte und müssten lediglich ein eingeschränktes Verfügungsrecht in Kauf nehmen. Bald wurden die Konti jedoch zusammengeführt, die Wertgegenstände veräussert und der Ertrag nach Berlin gesandt.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 10.12.1999

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