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Der Historiker als Weltenrichter

Fragwürdige Aspekte des gegenwärtigen Booms an historischen Aufarbeitungen

Von Jörg Fisch*

Die jüngste Welle der historischen Aufarbeitungen, die primär die Epoche des Zweiten Weltkrieges betraf, hat den Historikern eine prominente Rolle verliehen, zumal viele ihrer Urteile direkte politische oder juristische Konsequenzen hatten. Doch haben die Historiker damit eine Rolle übernommen, die ihnen nicht zusteht, nämlich Richter zu sein. Geschichtsschreibung ist stete Annäherung an die Wahrheit und ist daher von ganz anderer Qualität als das juristische Urteilen.

Historische Urteile werden in der Öffentlichkeit nur selten wahrgenommen. Kommt es doch einmal zu einer Debatte über sie, dann liegen die Kriterien für ihre Prüfung nahe: ist ein Urteil wahr oder falsch, gerecht oder ungerecht, angemessen oder unangemessen, parteilich oder unparteilich, begründet oder unbegründet? In der Schweiz sind in jüngster Zeit infolge staatlichen Eingreifens teilweise andere Kriterien für das Gewicht eines historischen Urteils eingeführt worden. Dabei haben sich drei Kategorien von historischen Wahrheiten herausgebildet.

1.Gesetzlich geschützte historische Wahrheiten. Wer eine solche öffentlich in Frage stellt oder gar leugnet, wird strafrechtlich verfolgt. Es geht hier weder um eine generelle Kritik an der Gesetzesbestimmung gegen den Rassismus und noch weniger darum, die Wahrheit der einen bisher in der richterlichen Praxis geschützten Aussage über einen historischen Sachverhalt – die nationalsozialistische Judenvernichtung – anzuzweifeln. Hingegen stellt sich die Frage, wie künftige weitere Aussagen über historische Sachverhalte in den Genuss eines solchen gesetzlichen Schutzes kommen können. Wie gewichtig und wie gut bezeugt müssen sie sein? Jedenfalls muss ein Anerkennungsverfahren entwickelt werden, durch das eine Aussage jeder möglichen Diskussion entzogen wird. Wer entscheidet darüber? Die Historiker? Ein Gericht? Die Regierung? Das Parlament? Oder gar guteidgenössisch das Volk? Wer verhindert, dass ein Rennen zwischen Interessengruppen entsteht, von denen jede diejenige historische Wahrheit, die ihr am nächsten steht, gesetzlich schützen will?

2.Amtlich privilegierte historische Wahrheiten. Solche entstehen, wenn diejenigen, die ein historisches Urteil abgeben, von der Staatsmacht mit besonderen Vollmachten ausgestattet werden, mit deren Hilfe sie sich den Zugang zu Informationen erzwingen können, die Nichtprivilegierten nicht zugänglich sind oder ihnen jedenfalls nicht zugänglich gemacht werden müssen. Prototyp dafür ist die Bergier-Kommission, die sich unter Androhung strafrechtlicher Sanktionen nahezu beliebig Informationen verschaffen kann. Dabei kann sie sich nicht nur auf einen einfachen Verwaltungsakt, sondern auf einen referendumsfähigen Beschluss des Parlaments und damit de facto auf ein Gesetz stützen. Nun werden vom Staat in Auftrag gegebene historische Untersuchungen auch anderswo durchgeführt (allerdings nicht mit gleichem gesetzgeberischem Aufwand abgesichert). Sie sind so lange unproblematisch, als die Auskünfte, die von den Privilegierten verlangt werden, sich auf unkontroverse Faktenerhebungen beschränken. Wenn jemand damit beauftragt wird, in nicht allgemein zugänglichen Akten die Goldkäufe der Nationalbank zusammenzuzählen, dann brauchen nicht noch hundert andere dasselbe zu tun. Wenn hingegen historische Urteile verlangt werden, die ihrer Natur nach weder eindeutig noch zwingend noch jemals abgeschlossen sind, dann erhalten die Privilegierten gegenüber den Ausgeschlossenen einen unaufholbaren Vorsprung. Die Bergier-Kommission dient laut Bundesbeschluss in der Tat «allgemein der historischen Wahrheitsfindung». Erst recht erwartet die Öffentlichkeit von ihr keine blosse Buchhalterarbeit.

3.Gewöhnliche historische Wahrheiten. Darunter fallen alle sonstigen Aussagen über historische Sachverhalte, ob sie nun von Fachleuten oder von Laien gemacht werden. Die Urteilenden sind zwar vielfältigen gesellschaftlichen Einflüssen und Abhängigkeiten unterworfen. Aber weder sie noch ihre Urteile haben einen rechtlichen Sonderstatus.

Umgekehrte Abhängigkeit

Die sowohl vom Bundesrat als auch von der Kommission gewünschte offizielle Bezeichnung der Bergier-Kommission lautet «Unabhängige Expertenkommission Schweiz - Zweiter Weltkrieg». In dieser Betonung der Unabhängigkeit liegt eine unfreiwillige Ironie – als wäre sie in irgendeiner Weise gefährdet. Würden die Auftraggeber, also Regierung und Parlament, auch nur im geringsten versuchen, die Kommission zu beeinflussen oder gar zu zensieren, so müsste diese sich lediglich an die Öffentlichkeit wenden. Der internationale Aufschrei wäre so laut, dass die Kommission vollends unangreifbar würde.

Die Frage der Abhängigkeit stellt sich ganz anders. Durch die Privilegierung ist nicht der Beauftragte vom Auftraggeber abhängig geworden, sondern der Auftraggeber vom Beauftragten. Regierung und Parlament können die Aussagen der Kommission, nachdem sie diese einmal privilegiert haben, nicht mehr wie gewöhnliche historische Urteile behandeln; sie müssen ihnen den Status privilegierter historischer Wahrheiten verleihen. Sie sind also in besonderer Weise daran gebunden. Dies wird jedesmal deutlich, wenn die Kommission Zwischenergebnisse veröffentlicht, und es wird nach der Veröffentlichung des Schlussberichts bestimmt noch viel deutlicher werden. Da herrscht jeweils eine gespannte Atmosphäre, weil jede Diskussion als blosse Krittelei erscheint, weil andere, nichtprivilegierte Diskussionsteilnehmer von vornherein in einer ungünstigen, ja geradezu unglaubwürdigen Situation sind. Selbst wenn die Auftraggeber von manchen Urteilen der Kommission alles andere als überzeugt wären, so müssten sie es sich doppelt und dreifach überlegen, ob sie es sich leisten könnten, jene Urteile zu ignorieren.

Gefährliche Macht

Das Ergebnis scheint für die Historiker als Berufsgruppe erfreulich, ja geradezu schmeichelhaft. Sie haben innerhalb des skizzierten Dreistufenmodells in solchem Umfang Ansehen, Autorität und Macht gewonnen, wie es in einem System, in dem historische Urteile nur nach den Kriterien der Geschichtswissenschaft geprüft würden, nie der Fall wäre. Die von ihnen abgesegneten Wahrheiten werden zu Grundlagen von Gesetzen oder richterlichen Erlassen, und sie setzen Politiker unter Zugzwang. Doch es ist eine gefährliche Macht. Es mag eine Macht der Historiker sein. Aber es ist keine Macht der Historie, der Geschichtswissenschaft. Diese beruht, wie jede Wissenschaft, auf Wahrheit, nicht auf Macht oder Autorität.

Die Macht der Historiker ist nur geborgte Macht, geborgt von der Politik – die Gesetze und Erlasse werden ja schliesslich von der Politik, nicht von der Wissenschaft, gemacht und vor allem durchgesetzt und können von ihr auch jederzeit verändert oder aufgehoben werden. Der Preis für die Macht der Historiker liegt darin, dass die letztinstanzliche Entscheidung über die Wahrheit historischer Urteile von der Wissenschaft über die Zwischenstufe der Gerichte auf die Politik übergeht. Das zeigt sich im dreistufigen Modell sehr deutlich. Es hat nichts mit Wissenschaft zu tun, sondern nähert sich einem juristischen Instanzenzug an, in dem die nächsthöhere Instanz jeweils die Entscheidung der untergeordneten aufheben kann. Die Grundlage für eine solche Revision ist nicht die Wahrheit des Urteils, sondern die Autorität des Gerichts. Wenn das Bundesgericht den Entscheid eines untergeordneten Gerichts umstösst, dann beruht dieser Vorgang letztlich auf der höheren Autorität des Bundesgerichts, die wieder in politischen Entscheidungen gründet: die vom Volk beschlossene Verfassung verleiht ihm diese Autorität. Natürlich kann man hoffen, dass der Entscheid des Bundesgerichts der Wahrheit näherkommt und gerechter ist – aber seine Rechtsgültigkeit und Verbindlichkeit beruht nicht darauf.

Hier liegt für die Geschichtswissenschaft eine grosse Gefahr, die zugleich eine grosse Versuchung ist. Es ist die Gefahr der Umwandlung des Wissenschafters in einen Richter, der Zurückstufung der Wahrheit auf Kosten der Macht. Sie realisiert sich immer dann, wenn historischen Aussagen und Urteilen juristischer Charakter gegeben wird oder wenn aus ihnen juristische Konsequenzen gezogen werden. Die Anwendungsmöglichkeiten sind zahlreich. Wenn Archäologen nachweisen, dass in einer bestimmten Gegend die Spuren des Volkes X älter sind als diejenigen des Volkes Y, folgt daraus das Recht des Volkes X, das Volk Y aus jenem Gebiet zu vertreiben? Wenn ein Staat sich in einem Krieg feige, verbrecherisch, tapfer, grossmütig, egoistisch oder wie auch immer verhalten hat, folgt daraus je nachdem die Verpflichtung, seinen Gegnern nachträglich Genugtuung zu verschaffen, oder die Verpflichtung der Gegner, dem betreffenden Staat eine Belohnung auszustellen? Das bedeutet nicht, dass Historiker keine Urteile fällen sollen und dürfen. Aber ihre Urteile sind moralischer, nicht juristischer Art. Sie gründen nicht auf Macht, sondern auf Wissenschaft und damit auf einem nie abgeschlossenen und nie abschliessbaren Versuch der Wahrheitsfindung. Ein Abschluss ist nur durch einen Machtspruch möglich.

Es genügt indessen nicht, dass die Historiker selber auf den Anspruch, Richter zu sein, verzichten. Die Geschichtswissenschaft muss sich auch mit Entschiedenheit dagegen verwahren, dass ihre Ergebnisse, soweit es sich nicht um blosse Banalitäten handelt, zur Grundlage juristischer Urteile werden. Wenn ihre Erkenntnisse unmittelbare materielle Konsequenzen haben, dann wird sie selbst parteiisch. Dann werden z. B. Kriegsschäden von den Historikern beider Seiten im Hinblick auf Entschädigungen zusammengestellt, und jede Seite versucht, die eigenen Schäden möglichst hoch zu veranschlagen. Das bedeutet nicht, dass solche Fragen nicht gestellt werden dürfen und nicht beantwortet werden sollen. Aber es sind nicht wirklich historische, sondern juristische Fragen.

Provisorische Urteile

Hier sind juristische Verfahren anzuwenden. Zuerst sind die Rechtsgrundlagen festzulegen, auf Grund deren überhaupt im juristischen Sinne von Recht und Unrecht gesprochen werden kann. Danach ist ein Richter bzw. ein Gericht zu bestimmen, und schliesslich müssen beide Seiten versuchen, ihre Standpunkte in einem ordentlichen Verfahren mit Klägern und Beklagten, Anklägern und Verteidigern so gut wie möglich zu untermauern. Hier bestehen klare Grenzen. Sie betreffen vor allem die Zuständigkeit von Gerichten und Rechtsordnungen. Wo kein Gesetz ist, hat kein Richter etwas zu sagen. Der Historiker kennt demgegenüber keinerlei Zuständigkeitsgrenzen. Er kann sich mit allem und jedem beschäftigen, über alles und jedes urteilen. Der Preis dafür ist, dass sein Urteil rechtlich keine Bedeutung hat und auch nicht haben darf.

Von Schiller stammt der Satz, die Weltgeschichte sei das Weltgericht. Schiller sagt aber nicht, die Historiker seien die Weltenrichter. Die Weltgeschichte tritt bei ihm vielmehr das Erbe Gottes an. Das endgültige, den Menschen offenbar werdende Urteil erfolgt bei ihm wie in der christlichen Tradition erst am Ende der Geschichte. Deswegen können die Urteile der Historiker immer nur provisorisch sein. Jeder Anspruch auf ein endgültiges Urteil ist eine Vorwegnahme des Jüngsten Gerichts. Die Justiz muss diese Anmassung der Endgültigkeit des Urteils auf sich nehmen. Sie bezahlt dafür mit der Möglichkeit des Justizirrtums. Deshalb begrenzt sie, zumal als rechtsstaatliche Justiz, das Feld der ihrem Urteil unterworfenen Fragen.

* Der Autor ist Professor für Geschichte der Neuzeit an der Universität Zürich. 

 

© Neue Zürcher Zeitung - 04.12.1999

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