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Das Haus des Lebens

Jüdische Grabkunst von der Antike bis heute

Anders als in der modernen christlichen Welt werden in der jüdischen Gemeinschaft die Gräber nicht nach einer gewissen Zeit aufgelöst. Wo – wie dies in Europa oft geschah – die Juden ihre Friedhöfe nicht erweitern durften, schufen sie durch Erdaufschüttungen neue Grabstellen. Dabei wurde der alte Grabstein neben dem neuen wieder aufgestellt, was etwa die hohe Dichte der Steine in Prag erklärt. Dem Friedhof, der schon bei Hiob «Beth hachajim», Haus des Lebens, genannt wird, kommt daher in der jüdischen Welt neben der religiösen und sozialen Bedeutung auch eine Rolle als historische Quelle zu. Dies hatte zur Folge, dass die Forschung sich lange fast ausschliesslich mit Grabinschriften befasste.

Die Untersuchung der jüdischen Grabkunst hingegen fristete im Schatten der Epigraphik lang ein kümmerliches Dasein, sieht man einmal ab von den hellenistischen Mausoleen im Kidrontal, für die sich anfangs die Besucher Jerusalems, bald aber auch Altertumsforscher und Architekturhistoriker interessierten. Allmählich entstanden kunstgeschichtliche Studien: etwa zu den reichen Grabdekorationen der spätantiken Nekropole von Beth Schearim. Doch ist die Mehrzahl der jüdischen Friedhöfe noch immer nicht erschöpfend auf ihren künstlerischen Gehalt hin untersucht worden. Gleichwohl hat sich Hannelore Künzl von der Hochschule für jüdische Studien in Heidelberg an die Zusammenstellung einer für den deutschsprachigen Raum grundlegenden Übersicht über die Entwicklung der jüdischen Grabkunst von der Antike bis heute gewagt, in der sie den Forschungsgegenstand kritisch diskutiert.

Obwohl Einfachheit als Charakteristikum jüdischer Grabstätten gilt, entstanden in den verschiedenen Kulturkreisen der Diaspora unterschiedliche Formen des Grabes – von den reich ausgestatteten antiken Katakomben und reliefgeschmückten Sarkophagen bis zum seit dem Mittelalter üblichen Einzelgrab mit Grabstein. Dessen Schmuck beschränkte sich zunächst auf die Form, wie der Wormser Fünfpass-Stein von 1314 beweist. Ebenfalls auf dem Wormser Friedhof findet sich der 1365 aufgestellte erste mitteleuropäische Grabstein mit einer figürlichen Darstellung (in Form einer Blume). Seit der Renaissance lassen sich dann vermehrt ornamentale und symbolische Elemente nachweisen. Dabei kamen trotz Bildverbot nicht nur Darstellungen aus der unbelebten Natur oder der Pflanzen- und Tierwelt zum Zug. So tauchen neben den schon in der Antike beliebten Endzeit- und Messias-Symbolen des Lulav oder der Menora vermehrt auch menschliche Figuren auf – wie einst schon auf dem spätantiken Jahreszeitensarkophag aus der Katakombe der Vigna Randanini in Rom.

Die chronologische Abhandlung der Grabkunst wird von Künzl ab dem Mittelalter aufgefächert in einen aschkenasischen und einen sephardischen Ast. Während von der Grabkunst Spaniens fast nichts erhalten ist, finden sich auf dem 1614 gegründeten sephardischen Friedhof von Ouderkerk bei Amsterdam, der dank Jacob van Ruisdaels romantischen Bildern einem breiten Publikum bekannt ist, Sarkophage mit biblischen Szenen wie jener der Ribca Ximenes, ja sogar mit hochbarocken Moses-Darstellungen. In Italien näherten sich die Grabsteine seit dem Barock stark katholischen Vorbildern an, und ab dem 19. Jahrhundert findet man in Ferrara, Rom oder Venedig sogar monumentale Grabhäuser, grossfigurige Genien und Bildnisbüsten von Verstorbenen. In aschkenasischen Ländern wie Deutschland, Polen oder Tschechien wurden die Steine zwar auch immer üppiger im Stil der Zeit bearbeitet, aber die menschliche Gestalt kam dabei nur vereinzelt zum Einsatz.

Künzls kunst- und architekturgeschichtliche Studie, in der auch halachische Vorschriften der Friedhofsgestaltung erörtert und die Geschichte der jüdischen Gemeinden in der Diaspora beleuchtet werden, findet ihren Abschluss in einem Exkurs zur Grabgestaltung nach dem Zweiten Weltkrieg und in einem analytischen Überblick über die Grabsymbolik. Dass in dieser sorgfältigen, aber überschaubaren Arbeit Spezialthemen wie beispielsweise die Friedhöfe der Landjudengemeinden im deutschsprachigen Raum keinen Platz fanden, ist bedauerlich, aber dennoch verständlich. Was allerdings den 1750 angelegten Judenfriedhof von Endingen-Lengnau – einen der bedeutendsten der Schweiz – betrifft, konnte vor kurzem eine vierbändige Dokumentation mit der Herausgabe der letzten beiden Volumen, die die bis 1850 entstandenen Grabsteine in Bild und Transkription präsentieren, abgeschlossen werden. Zusammen mit den beiden bereits 1991 erschienenen, sich mit geschichtlichen Aspekten befassenden Bänden bilden sie ein Grundlagenwerk, das sowohl den Historikern und Epigraphikern als auch den Kunstwissenschaftern nützliche Dienste leisten kann.

Roman Hollenstein

 

Hannelore Künzl: Jüdische Grabkunst von der Antike bis heute. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1999. 216 S., Fr. 89.90. – Judenfriedhof Endingen-Lengnau. Die Grabsteine. 1750 bis 1850. Band 3 und 4. Hrsg. Verein für die Erhaltung der Synagogen und des Friedhofes Endingen-Lengnau. Zürich 1998. ISBN 3-9520180-1-5. 246 S. und 189 S., je Fr. 50.– (alle vier Bände Fr. 130.–).

 

 

© Neue Zürcher Zeitung - 08.12.1999

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