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Geschichte der Zukunft

Georges Minois' monumentale Darstellung

Georges Minois ist ein Mann der historischen Totalen. Er hat bereits eine «Geschichte der Hölle» verfasst, eine des Selbstmords, des Alters und des Atheismus. Seine seit einigen Monaten auf deutsch vorliegende «Geschichte der Zukunft» ist geradezu monumental, und dies nicht nur in Hinsicht auf ihren Umfang von 830 Seiten, sondern auch und vor allem bezüglich ihres Anspruchs, ein so universelles Thema wie das der Zukunftsschau von ihren Anfängen bis in das 20. Jahrhundert hinein zu verfolgen.

Der Wunsch des Menschen nach Vorhersage scheint universell, was nicht verwundert, liegt doch bereits unserem täglichen Handeln eine Antizipation der Zukunft im kleinen zugrunde. Dieser Wunsch nach Zukunftsgewissheit ist paradox, denn sobald wir tatsächlich wüssten, was bevorsteht, stünde die Zukunft bereits fest, und jegliche Handlung verlöre ihre Freiheit und ihren Sinn. Schlimmer noch: die Kenntnis der Zukunft wäre in der Regel eine Qual, wie schon Cicero feststellte. Cicero gehört zu jenen, die der Vorhersage schon früh misstrauten: Warum eigentlich, fragte er, sprechen die Orakel stets so unverständlich, wenn sie doch vorgeben, etwas Wichtiges sagen zu wollen?

Skepsis

Auch Georges Minois ist ein Skeptiker, und diese Distanz zum Gegenstand kommt der Darstellung durchaus zugute. Die spannende Frage dieses Buches ist keineswegs, ob eine Prophetie zutraf oder nicht. Dies wäre für Minois allenfalls dem Zufall oder einer besonders geglückten Analyse der jeweiligen Gegenwart zu verdanken. Er möchte viel lieber zeigen, in welcher Weise Vorhersagen von der Gesellschaft eingefordert und verarbeitet werden, wie das noch Ungeschehene in der Gegenwart wirkt und – nicht selten – manipuliert wird.

Minois beginnt seine Geschichte der Zukunft bei den «alten Völkern», den Orakeln der Griechen, den frühen astrologischen Verfahren Babyloniens, der Prophetie der israelitischen Königszeit und den Methoden keltischer und germanischer Wahrsager. Die Prophezeiungen der jüdisch-christlichen Tradition erschliessen eine neue Dimension der Zukunft, indem sie die sinnstiftenden Ereignisse des Weltgeschehens in die kommende Zeit verlegen und der heidnisch-antiken Idee einer ewigen Wiederkehr das Modell einer einmaligen Erlösung entgegenstellen. Diese Neuerungen begründen ein christliches «Zeitalter der Prophezeiungen», dessen Entwicklung der Autor auch als Verlustgeschichte erzählt, denn die anfangs in hohem Masse prophetisch inspirierte Religion des Christentums wandelte sich mehr und mehr zu einer Institution, die die Prophetie bekämpfte – oder doch – zu monopolisieren versuchte. Jeder neue Entwurf heilsgeschichtlicher Zukunft, durch die millennaristischen Bewegungen des Hoch- und Spätmittelalters, die Entwürfe der Spiritualen, die Minois mit Detailkenntnis nachzeichnet, brachte eine Infragestellung des kirchlichen Deutungsmonopols mit sich.

Die Spur der Gegenwehr reicht von Augustinus bis zum V. Laterankonzil (1516), das verbot, den Zeitpunkt des Weltendes vorherzusagen. Wenn man so will, erbte der säkulare Staat die Aufgabe, die Deutung der Zukunft zu beherrschen. Für Thomas Hobbes etwa gilt: Es gibt keine Wunder mehr, keine neuen Zeichen, keine neuen Propheten. Wir haben uns allenfalls mit der Interpretation bestehender Zeichen und Schriften zu beschäftigen, und dies erledigt zweckmässigerweise der Souverän. Es ist nur konsequent, dass die Beherrschung des gesellschaftlichen Zukunftsbildes zu den zentralen Themen der grossen Utopien und Gegenutopien des 18. bis 20. Jahrhunderts wurde, denen Minois ein eigenes Kapitel widmet.

Die Kirchen- und Staatsmänner fürchteten die freie Prophetie und Wahrsagung natürlich nur deshalb, weil sie nach wie vor erfolgreich war. Da half es wenig, dass Dante die Zukunftsdeuter in den 8. Kreis der Hölle verbannte. «Der erste Prophet war der erste Schurke, der einem Dummkopf begegnete», so später Voltaire, und Schurken und Dummköpfe haben zeitlos Konjunktur. Gelegentlich spürt man den Überdruss, mit dem der Autor sich selbst und den Leser durch die endlose Galerie der Vorhersagekunst und ihrer Irrtümer leitet.

Er verweilt dann gerne und greift sich mit einer Mischung aus Scharfsinn und Humor eine besonders farbenfrohe Figur heraus, um ein Exempel zu statuieren: So verfährt er etwa mit Nostradamus, dessen heutige Wertschätzung u. a. auf der Tatsache beruht, dass er den Tod Heinrichs II. im Turnier vorausgesagt haben soll. Eine erstaunliche Leistung, die jedoch Nostradamus selbst ebensowenig aufgefallen war wie den Zeitgenossen. Auch seine späteren «Treffer» wurden stets erst ex post entziffert. Was aber nützt es, immer erst im nachhinein zu wissen, dass der grosse Nostradamus vielleicht sogar die Dreyfusaffäre vorausgesagt hatte? Ciceros listige Frage nach der Undeutlichkeit der Orakel ist spätestens jetzt beantwortet, denn bleibenden Erfolg hatte die Prophetie immer nur dort, wo sie ihre Vorhersagen in poetische Vieldeutigkeit kleidete. Dieses rhetorische Rezept ist ertragreicher, als all die Salben und Zaubertränke es waren, die Nostradamus zu Beginn seiner Karriere verkaufte. Zukunft war immer auch ein Geschäft und ein Stück Unterhaltung, die selbst aus der Apokalypse ein schaurig- schönes Erlebnis machte.

Mehr als Anekdoten

Mitte des 17. Jahrhunderts warnte ein französischer Astrologe vor einer Sonnenfinsternis, die zwar nicht das Ende der Welt mit sich bringe, wohl aber schädliche Einflüsse. Wie gut, dass er zugleich besondere Kerzen feilbot, die ihren Einfluss mildern konnten. Kurz darauf lesen wir, wie unaufgeregt Samuel Pepys das apokalyptische Jahr 1666 verarbeitete: «Ich bin bei meinem Buchhändler gewesen und habe ein vor etwa zwanzig Jahren erschienenes Buch über eine Prophezeiung gekauft, die das jetzige Jahr 1666 betrifft und in der es heisst, es sei das Zeichen des Tiers. Ich ging nach Hause, begann zu lesen, ass dann zu Abend und legte mich zu Bett.» Ein halbes Jahr später kam er darauf zurück: «Ich ging nach Hause und begann die Rede von Potters über 666 zu lesen, die mich sehr interessiert. Dann hörte ich auf, ass zu Abend und legte mich zu Bett.»

Minois überlässt uns mit diesem Buch keine blosse Anekdotensammlung. Immer wieder reizt ihn nicht der Inhalt, sondern das Umfeld der Vorhersage; so etwa, wenn er die «soziokulturelle Notwendigkeit» der Astrologie diskutiert. Schon zu Dantes Zeiten hatte der neuerliche Aufstieg der Astrologie begonnen, dem sich bald auch die allerchristlichsten Interpreten nicht mehr entziehen konnten oder wollten. Minois möchte hinter dem Aufstieg der Astrologie den grossen Methodisierungsprozess der Neuzeit erblicken, der nun auf das Gebiet der Geschichtsinterpretation und der Vorhersage übergriff. Er suggeriert gelegentlich, wir stünden in einem langen Prozess des «Erwachsenwerdens», wie es am Ende des Buches einmal heisst, der in der Nüchternheit der postmodernen Gegenwart endet: Diese entwirft kaum mehr Visionen, allenfalls noch Szenarien, deren Hierarchie nicht mehr durch das gesellschaftliche Sehnen gesteuert wird, sondern durch Wahrscheinlichkeiten.

Das Buch glänzt als lesenswertes Referenzwerk zum Thema der Zukunftsschau, nicht durch solche teleologischen Konstrukte. Es bleibt – nicht zuletzt in seiner Beispielfülle – mehrdeutig und anregend, wie auch die Lehre, die Minois aus seiner Arbeit zog: «Die einzig sinnvolle Vorhersage ist die falsche Vorhersage, d. h. diejenige, die Entscheidungen herbeiführt, die ihr Eintreffen verhindern. Den Krieg vorauszusagen ist nur dann nützlich, wenn es dazu dient, den Krieg zu vermeiden.»

Arndt Brendecke

Georges Minois: Die Geschichte der Zukunft. Orakel, Prophezeiungen, Utopien, Prognosen. Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. Verlag Artemis & Winkler, Düsseldorf/ Zürich 1998. 830 S., Fr. 80.–.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 08.12.1999

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