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Äusserer Zwang oder Schweizer Kontinuitäten?

Die bisherigen Forschungen zur Flüchtlingspolitik 1933–45

Am 10. Dezember wird die Bergier-Kommission ihren Flüchtlingsbericht veröffentlichen. Damit wird das fragwürdigste Kapitel der Schweizer Kriegsgeschichte erneut aufgegriffen, das seit dem Ludwig-Bericht mit sich wandelnden wissenschaftlichen Fragestellungen und Methoden oft und in den letzten Jahren verstärkt untersucht worden ist, aber trotzdem lange umstritten blieb.

tmn. Die öffentliche Diskussion um die schweizerische Flüchtlingspolitik im Krieg ist so alt wie ihr fatalster Beschluss: Am 13. August 1942 veranlasste Heinrich Rothmund, der Chef der Polizeiabteilung des EJPD, die Grenzschliessung, was zu Zeitungsartikeln, öffentlichen Protesten, diskreten Vorsprachen beim Bundesrat und schliesslich, am 22./23. September, zu einer Nationalratsdebatte über die Flüchtlingsfrage führte. Nicht gering zu achten ist die Tatsache, dass mitten im Krieg ein frei gewähltes Parlament und – trotz (Nach-)Zensur – die Presse ein auch sicherheitspolitisch brisantes Thema diskutieren konnten und der Regierung teilweise laut widersprochen wurde. Obwohl diese Proteste nicht ganz erfolglos waren, blieb die Zulassungspraxis rigide, bis am 12. Juli 1944 die Weisung erfolgte, dass Juden generell aufzunehmen seien. Die relativ grosse Zahl von – zumeist allerdings nur kurzfristigen – Flüchtlingen bei Kriegsende (106 470 Menschen, 2,5 Prozent der Bevölkerung) trug dazu bei, dass vorerst die Leistung und nicht das Versagen im Gedächtnis blieb. Wie im Film «Die letzte Chance» (1944/45) schien ein Happy-End zu triumphieren. So meinte etwa Robert Ginesy in einem 1948 erschienenen Buch, es habe keine Rückweisungen gegeben. Da kritischere Stimmen etwa aus Holland nicht fehlten, wurde im Rahmen der administrativen Rechenschaften nach Kriegsende nicht nur ein «Tätigkeits- und Schlussbericht der eidgenössischen Zentralleitung der Heime und Lager» (1950) verfasst, sondern auch ein von Oscar Schürch 1951 vorgelegter Bericht zur Flüchtlingspolitik. Der vorsichtige Text blieb unveröffentlicht: Man wolle nicht «Unruhe in eine Frage bringen, die heute wohl im wesentlichen als geregelt angesehen werden darf».

Der Ludwig-Bericht

Durch eine ausländische Aktenedition entstand jedoch schon kurz darauf, im März 1954, der Skandal um die schweizerische Mitverantwortung für den J-Stempel (vgl. NZZ 1. 12. 99). Nach einer Interpellation von Nationalrat Hans Oprecht veranlasste Bundesrat Feldmann im Juni, dass der Rechtsprofessor und ehemalige Basler Regierungsrat Carl Ludwig die Flüchtlingspolitik untersuchte. Ludwig legte schon am 30. September 1955 seinen Bericht vor, doch erschien er gedruckt erst im Herbst 1957, unter anderem weil Rothmund und der EJPD-Vorsteher im Krieg, Eduard von Steiger, Raum zu einer Stellungnahme erhielten. Der Ludwig-Bericht ist vierzig Jahre grundlegend geblieben, eine – zumal angesichts der rasch ausgeführten Arbeit – nicht alltägliche historiographische Leistung. Wegen der Aktenfülle war der Jurist auf die Polizeiabteilung angewiesen, die seinen Fragenkatalog beantwortete und insofern Einflussmöglichkeiten besass; viele wohl relevante Dokumente im EJPD wurden in derselben Zeit vernichtet.

Indem Ludwig vorwiegend amtliche Akten nüchtern auswertete, vermittelte er ein anschauliches Bild der verschiedenen «Flüchtlingswellen» und der jeweils ergriffenen behördlichen Massnahmen. Obwohl der Helferwille, die «sehr erheblichen finanziellen Leistungen» für die Flüchtlinge und die schwierigen Zeitumstände nicht vergessen werden dürften, schloss Ludwig doch, dass «eine weniger zurückhaltende Zulassungspolitik unzählige Verfolgte vor der Vernichtung bewahrt hätte». Etwa 10 000 abgewiesene Flüchtlinge fand er dokumentiert; die aufgenommenen listete er gemäss den Kategorien des damaligen Rechts auf, weshalb er zwischen den vor Kriegsbeginn eingetroffenen 9909 «Emigranten» (davon 6654 Juden) und den danach einreisenden 55 018 «Zivilflüchtlingen» (21 858 Juden) unterschied, wozu sich 251 «politische Flüchtlinge» im behördlichen Sinn gesellten. Die später oft wiederholte Gesamtzahl von fast 300 000 erfolgreich Schutz Suchenden gab insofern einen verzerrten Eindruck, als für die 103 869 Militärinternierten das Heimatland aufzukommen hatte, 66 549 «Grenzflüchtlinge» meist nur kurze Zeit und 59 785 Kinder vor allem für dreimonatige Ferienaufenthalte in der Schweiz weilten.

Der Ludwig-Bericht wurde in der Öffentlichkeit freundlich aufgenommen und als notwendig begrüsst; der Tenor lautete, man müsse aus den Fehlern lernen, aber auch Verständnis für die schwierige Position der damaligen Behörden haben. Mehr Aufsehen erregte Alfred A. Häsler 1967 mit «Das Boot ist voll». Indem er sich auf Ludwig stützte, wählte Häsler statt des wissenschaftlich trockenen einen journalistischen Stil und erweiterte sein Material vor allem um Quellen aus dem Archiv des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds. So entstand ein Buch, das die Perspektive der Behörden um viele Einzelschicksale erweiterte, damit das Schicksal der Betroffenen in den Mittelpunkt rückte und die hartherzigen Verantwortlichen anklagte, allerdings den Gegensatz zwischen ihnen und einer anteilnehmenden Bevölkerung wohl allzu krass sah.

Trotz Ludwigs Standardwerk und Häslers Bestseller haperte es mit der Aufnahme ihrer Erkenntnisse noch lange. Die wiederholt bearbeiteten und neu aufgelegten «Abrisse» von Fritz Schaffer oder Dändliker/Bandle boten Geschichtsklitterung. In der volkstümlichen «Illustrierten Geschichte der Schweiz» von 1961 verkündete Emil Spiess, die Schweiz habe ihre «Sendung als humanitärer Staat erfüllt»; er überging die fatalen Fakten mit wenigen gewundenen Formulierungen ebenso wie Peter Dürrenmatt in seiner Schweizer Geschichte (1963). Schulbücher behandelten bis in die achtziger Jahre die Flüchtlingspolitik nicht oder unter verfälschenden Titeln wie «Liebestätigkeit». Noch im Comic «Die Schweizer Geschichte in farbigen Bildern erzählt» von 1983 fehlen die Flüchtlinge.

Dabei lag schon seit 1970 Edgar Bonjours Neutralitätsgeschichte vor, worin er die Flüchtlingsproblematik als Produkt der Staatsraison behandelte, aber als Zeitzeuge von Brotneid und verhärteten Herzen sprach: «Die ganze damalige Generation hat versagt und ist mitschuldig.» Fatalerweise verschrieb sich Bonjour bei der Zahl der aufgenommenen Flüchtlinge, aus 295 381 wurden 395 381 (Bd. 6, S. 42) – eine Angabe, die, auf 400 000 aufgerundet, zumindest bei Urs Schwarz fortlebte («Vom Sturm umbrandet», 1981). Werner Rings, der selbst 1942 als Flüchtling in die Schweiz gekommen war und mit «Die Schweiz im Krieg» den Bonjour-Bericht gleichsam für das Fernsehen (und für ein oft aufgelegtes Buch) adaptierte, widmete dem «dunklen Punkt» eine von zwölf Sendungen. Dem Bundesrat wollte er gerecht werden: Fehlende Kooperationsbereitschaft der Kantone, Sorgen der Armee und fremdenfeindliche Reaktionen im Volk hätten es der Landesregierung sehr schwer gemacht.

Folgenreicher Fernsehfilm

Ein anderer, amerikanischer Fernsehfilm hatte auch in der Schweiz Folgen: Nach der Ausstrahlung von «Holocaust» (1979) forderte der SP- Nationalrat Hansjörg Braunschweig die Berücksichtigung neuer Forschungsergebnisse im Schulunterricht, und seine Interpellation wurde mit den Voten der Parlamentsdebatte von 1942 veröffentlicht. Markus Imhoof baute eine kurze Passage Häslers zum erfolgreichen Film «Das Boot ist voll» (1981) aus. In den Medien wurde die Thematik regelmässig behandelt, so in dieser Zeitung durch Rückblicke und Rezensionen von Alfred Cattani; klare Worte fanden sich nunmehr auch in Schulbüchern und selbst in Peter Dürrenmatts – überarbeiteter – Schweizer Geschichte von 1976.

Zu Ludwigs Sicht der Behörden und Häslers Plädoyer für Opfer und Helfer gesellte sich mit André Lasserres «Frontières et camps» 1995 eine gründliche Beschreibung des Lagerlebens: Finanzierung, Unterbringung, Arbeit, Ausbildung und Entlassung, wobei stets klar war, dass die vorübergehend Aufgenommenen, aber weitgehend Entmündigten gleichsam unter Quarantäne ihrer Weiterreise zu harren hatten. Jacques Picard wies in «Die Schweiz und die Juden» (1993) nach, wie die Solidarität der einheimischen Juden erpresserisch missbraucht wurde, indem die zahlenmässig kleine Gemeinde mit Millionenbeträgen für ihre Glaubensbrüder aufzukommen hatte. Die bisher letzte Synthese zur Flüchtlingspolitik legte Jürg Stadelmann 1998 vor. Besonders interessierte ihn die Wahrnehmung der damaligen Schweizer, die mit Flüchtlingen aus einem traditionellen Krieg rechneten und auch anhand völkerrechtlicher Kriterien damit umzugehen wussten, nicht aber mit den Opfern eines beispiellosen Terrors.

Alte und neue Deutungsmuster

Dass wir Schweizer – wie Bundesrat Villiger es 1995 formulierte – «Schuld auf uns geladen» hatten, wurde inzwischen kaum mehr bestritten. Unterschiedlich beurteilte man die Gründe: Oft wurde die schwierige Versorgungslage angeführt oder deutsche Drohungen – die allerdings nicht belegt sind, wie schon Ludwig bemerkte. Während die älteren Deutungsmuster die Flüchtlingspolitik (wie überhaupt fragwürdige Handlungen der Schweiz im Krieg) mit der deutschen Bedrohung und Übermacht erklärten, betonte man in den letzten zwei Jahrzehnten weniger «objektive» Gefahren als «subjektive» Ängste. Unbestritten bleibt, dass das Naziregime ohne Zutun der Schweiz Minderheiten verfolgte. Die jeweils ergriffenen schweizerischen Massnahmen wurden aber nun vermehrt in helvetische Traditionen eingeordnet, die über 1939 und auch über 1933 zurückreichten. Namentlich war dies die Angst vor Überfremdung und im besonderen vor «Verjudung» – gerade durch die Abwehr jüdischer Immigration sollte ein «roher» Antisemitismus deutscher Art hierzulande verhindert werden. Grundsätzlich behandelte diese Problematik Jacques Picard im erwähnten Buch, während Heinz Roschewski in «Rothmund und die Juden» (1997) untersuchte, welche grauenhaften Folgen der «diskrete», kaum bewusste Antisemitismus haben konnte. In Uriel Gasts Dissertation über die Eidgenössische Fremdenpolizei 1915–1933 (1997) wurde die Entwicklung des Überfremdungsdiskurses bis zum Ersten Weltkrieg zurückverfolgt, nachdem Aaron Kamis-Müller bereits 1990 den Antisemitismus derselben Epoche behandelt hatte. Auf seinem Buchumschlag war ein «J» auf einem Einbürgerungsgesuch von 1916 zu sehen; die Vorweg- und Übernahme rassistischer Kriterien durch Schweizer Behörden wurde jedoch erst nach 1996 zu einem Medienthema. So fanden sich gestempelte «J» schon ab 1936 auf Formularen der Fremdenpolizei (Laurent Droz/ Guido Koller, «Schweiz. Zeitschrift für Geschichte», 1999; vgl. NZZ 17. 5. 99). Die Frage, wann man in der Schweiz von der systematischen Judenvernichtung wusste, behandelte Gaston Haas in seiner Dissertation von 1994: Über Massenerschiessungen berichtete ein Diplomat schon im Sommer 1941, Photos erstickter Juden schickte ein anderer im Frühling 1942 nach Bern, als ein Mitglied der Schweizer Ärztemission bereits von den Vergasungen in Auschwitz erfahren hatte. Weshalb das IKRK unter dem Einfluss Bundesrat Etters 1942 trotzdem darauf verzichtete, einen Appell gegen Grausamkeiten an der Zivilbevölkerung zu veröffentlichen, erörterte Jean-Claude Favez (1988).

Methodologischer Wandel

Die erwähnten und andere neuere Arbeiten zum Antisemitismus (v. a. Mächler im Sammelband Mattioli, vgl. NZZ 28. 1. 99) sind insofern ein Produkt postmoderner Historiographie, als nationale Wesensart nicht mehr als naturgegeben, sondern als «soziale Konstruktion» verstanden wird, wobei der Abgrenzung vom Fremden eine integrierende Wirkung zukommt – der «heimatlose» Jude erfüllt diese Funktion im Nationalstaat ideal, als Flüchtling erst recht. Auch das verstärkte Interesse an Einzelschicksalen lässt sich in eine allgemeine wissenschaftliche Umorientierung einordnen: die Abkehr von der Struktur- hin zur Alltagsgeschichte und (etwa mittels «Oral history») zur subjektiven Welterfahrung und -deutung. Die Unterwerfung der Massen unter nur langsam sich wandelnde Strukturen kann mit Vorsicht als Interpretationsmuster gedeutet werden, mit dem die Kriegsgenerationen ihre eigene Ohnmacht, aber auch Verstrickungen in totalitäre Mühlen verarbeiteten. Die oft Gruppenidentität stiftende Hinwendung zum schaffenden, aber auch leidenden Individuum mit seinen Wahlmöglichkeiten würde – so betrachtet – Jüngeren entsprechen, die ihre Umwelt vermehrt als Produkt eigener Gestaltungsfähigkeit erfahren haben.

In der Flüchtlingsproblematik ist dieser generelle methodische Wandel in doppelter Hinsicht von Bedeutung: Zum einen wird, wo lange Zeit (deutsche) Zwänge als Erklärung auszureichen schienen, angesichts der erwähnten helvetischen Traditionen betont, dass es – gerade in der Flüchtlingspolitik – Handlungsspielräume gab; so behandelte Jean-Claude Wacker die Basler Flüchtlingspolitik 1992 unter dem bezeichnenden Titel «Humaner als Bern!». Zum anderen führte das Interesse an Einzelschicksalen in den letzten Jahren zu einer Fülle von (Auto-)Biographien von Flüchtlingen und ihren Betreuerinnen, die in ihrer methodischen Reflexion über traditionelle Memoirenliteratur hinausgehen können, so in Saul Friedländers «Wenn die Erinnerung kommt» (1978). Stefan Kellers «Grüningers Fall» (1993) trug zur Rehabilitation des St. Galler Polizeioffiziers 1996 bei. Auch andere im eigenen Land lange verfemte Judenretter erhielten Biographien, Louis Haefliger 1988, Carl Lutz 1986 und 1995. Ebenfalls jüngeren Datums sind wissenschaftliche Kollektivbiographien zu nationalen Flüchtlingsgruppen etwa von Hermann Wichers, Claudia Hoerschelmann oder Renata Broggini.

Schon dieser unvollständige Überblick zeigt eine reiche Literatur, in die Georg Kreis im Forschungsbericht «Die Schweiz und der Zweite Weltkrieg» (1997) und der Literaturbericht «Die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg» (1997) einführen, während das Bundesarchiv soeben seinen Führer zu den «Flüchtlingsakten 1930–1950» veröffentlicht hat. Die Inventarisierung der 45 000 Flüchtlingsdossiers erfolgte in Kooperation mit der Gedenkstätte Yad Vashem und führte 1996 auch zum Sammelband «Die Schweiz und die Flüchtlinge». Viel Aufsehen erregte darin Guido Kollers Beitrag, weil er die seit dem Ludwig-Bericht genannte Zahl von 10 000 Weggewiesenen dank einer erweiterten Quellenbasis mit 24 398 präziser und deutlich höher angeben konnte. Koller hielt allerdings fest, dass die Zahl der tatsächlichen Wegweisungen noch weit höher liege, da diese nicht immer registriert wurden.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 09.12.1999

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