Pressespiegel

Kirche-Religion-Gesellschaft


Direkt zur Online-Ausgabe der NZZ

Aargauer Zeitung

Basler Zeitung

Berner Zeitung

Blick

Freiburger Nachrichten

Neue Luzerner Zeitung

Neue Zürcher Zeitung

St.Galler Tagblatt

Tages-Anzeiger

Facts

Sonntagsblick

Sonntagszeitung

Weltwoche

Wochenzeitung

 

Fabrikation eines Mythos

Neues zur Entstehung der «Protokolle der Weisen von Zion»

Im internationalen Kontext des neuzeitlichen antisemitischen Schrifttums nehmen «Die Protokolle der Weisen von Zion», die erstmals 1905 in Russland veröffentlicht wurden und durch zahlreiche nachfolgende Neuauflagen und Übersetzungen weiteste Verbreitung fanden, eine herausragende Sonderstellung ein. Diese ergibt sich aus zwei eng miteinander korrelierten Faktoren - erstens daraus, dass die «Protokolle», wie kein anderes Werk ihres Genres, zu einem Handbuch einschlägiger Vorurteile wurden, deren Instrumentalisierung im Verlauf des Jahrhunderts verheerende Konsequenzen zeitigte; zweitens daraus, dass Herkunft und Autorschaft der «Protokolle» trotz weitreichenden kritischen Recherchen niemals definitiv geklärt werden konnten, was naturgemäss zu üppigen Legendenbildungen führte und eben dadurch dem politischen Missbrauch Tür und Tor öffnete.

Gewiss nicht zufällig haben Schriftsteller wie Danilo Kiš («Das Buch der Könige und Narren», 1983) oder Umberto Eco («Das Foucaultsche Pendel», 1988), die mit besonderer Vorliebe an der Schnittstelle zwischen Faktizität und Fiktionalität operieren, die dunkle Entstehungsgeschichte und die unheilvolle Rezeption der «Protokolle der Weisen von Zion» belletristisch aufgearbeitet; und man ist anderseits kaum erstaunt, dass national-patriotisch engagierte Autoren wie Alexander Solschenizyn («Das Rote Rad», 1983 bis 1991) und Igor Schafarewitsch («Russophobie», 1989) implizit oder explizit auf die «Protokolle» Bezug nehmen, um vor der «Überfremdung», der «Ausbeutung», ja der «Vernichtung» Russlands zu warnen und somit das Judentum nach altem Muster erneut zu diabolisieren.

Auftraggeber, Adressat

Im Hintergrund solcher Abwehr steht bei den neuen antisemitischen Mythomaniaken (die treffende Begriffsbildung ist dem Kulturkritiker Shimon Markish zu verdanken) eine durchaus ähnliche Befürchtung wie damals, als im späten Zarenreich der Antagonismus zwischen liberal gesinnten Reformern und reaktionären Anhängern der Autokratie sich verschärfte. Auf Grund neuester Erkenntnisse ist davon auszugehen, dass die Lancierung der «Protokolle der Weisen von Zion» kurz nach der Jahrhundertwende in höchsten russischen Regierungskreisen beschlossen und auf deren Veranlassung durch den politischen Geheimdienst vorbereitet wurde. Als Drahtzieher der Aktion hat man den ultrakonservativen Bürokraten Iwan Goremykin ausgemacht, der 1899 von Zar Nikolai II. als Innenminister entlassen worden war und der nun in Absprache mit Pjotr Ratschkowskij, dem Koordinator der zaristischen Auslandspionage in Paris, ein «Dokument» erarbeiten liess, welches belegen sollte, dass die Einführung des Kapitalismus in Russland «des Teufels» sei, dass die Aufnahme ausländischer Kredite, die Vergabe von Monopolen, die Förderung der Industrialisierung, die Milderung der Zensurbestimmungen und in Verbindung damit die fortschreitende Volksaufklärung dem langfristigen Programm einer «jüdisch-freimaurerischen Verschwörung» entspreche, die darauf angelegt sei, das russische Imperium auszupowern und, als Fernziel, die Weltherrschaft des Judentums zu etablieren.

Das grosse Paradoxon der an diesem Punkt einsetzenden Entstehungsgeschichte der «Protokolle» besteht darin, dass die nachmals millionenfach verbreitete Schmähschrift zunächst nur für eine einzige Person, nämlich eben für Nikolai II., bestimmt war. Durch dessen präsumptiven Beichtvater, den orthodoxen Theologen und Publizisten Sergei Nilus, sollte der Text persönlich überreicht und mündlich kommentiert werden. Das sorgsam eingefädelte Vorhaben misslang, weil Nilus entgegen allgemeiner Erwartung nicht zum Beichtvater des Zaren ernannt wurde und also auch keinen privaten Zugang zu ihm erhielt. Ein Gratisakt war's gleichwohl nicht. Denn Nilus veröffentlichte die «Protokolle» ein paar Jahre später als Annex zu seinem Buch «Das Grosse im Kleinen» (2. Aufl. 1905), mit dem dann tatsächlich die desolate Erfolgsstory des antisemitischen Pamphlets begann - bis 1917 wurde es allein in Russland mehr als ein dutzendmal nachgedruckt. Ein Exemplar der «Protokolle» fand sich, nebenbei bemerkt, in der spärlichen Hinterlassenschaft der letzten russischen Zarin, Alexandra Fjodorowna, die 1918 an ihrem Verbannungsort Jekaterinburg zusammen mit ihrer Familie ermordet wurde.

Von den «Protokollen der Weisen von Zion», für deren Verbreitung in Deutschland Alfred Rosenberg, in den USA Henry Ford sich nachhaltig einsetzten, wusste man bereits 1921 aus einem diesbezüglichen Bericht der Londoner «Times», dass es sich bei dem Text um ein eher grobschlächtiges Falsifikat handelte, das auf der Grundlage einer gegen Napoleon III. gerichteten Streitschrift von Maurice Joly aus dem Jahr 1864 angefertigt worden war. Der Kompilator hatte jeweils dort, wo Joly von «Napoleon» sprach, den Kollektivbegriff «die Juden» eingesetzt, und statt von «Frankreich» war konsequent von der «Welt» die Rede, die nunmehr, nach revidierter Lesart, genauso erbarmungslos von den Juden ausgebeutet wurde wie Frankreich von der bonapartistischen Clique um Napoleon III.

Mit der Eruierung des französischen Subtexts zur geheimpolizeilichen russischen Fälschung war aber die Frage nach dem Übersetzer und Redaktor der «Protokolle» noch keineswegs geklärt, und gerade diese Frage hat in der Folge nicht nur zu abwegigen Konjekturen, sondern auch zu weitreichenden archivalischen Recherchen Anlass gegeben. Die einschlägige Literatur dazu - darunter eine Vielzahl belletristischer Werke - ist kaum noch überschaubar; sie lässt erkennen, dass auch die angesehensten Autoren (Historiker wie Richard Pipes, wie Walter Laqueur) gegen sachliche Fehler und spekulative Trugschlüsse nicht gefeit waren. In den letzten Jahren ist erneut der russische Priester und Publizist Sergei Nilus (1862-1912) als angeblicher Verfasser der «Protokolle» in den Mittelpunkt einschlägiger Forschungsinteressen gerückt, doch konnte seine Urheberschaft weder plausibel erklärt noch gar eindeutig nachgewiesen werden.

Ein Archivfund

Dem Petersburger Archivar Michail Lepechin ist es vor kurzem gelungen, das Falsifikat der «Protokolle der Weisen von Zion» auf einen - und nur einen - Verfasser zurückzuführen. Es handelt sich dabei, wie Lepechin in einem detaillierten Bericht darlegt, den zuerst das Nachrichtenmagazin «L'Express» (18./24. November 1999) publik gemacht hat, um Matwej Golowinskij (1865-1920), einen russischen Literaten und Abenteurer, von dem im Zusammenhang mit den «Protokollen» bisher nicht die Rede war - noch in den neusten diesbezüglichen Darstellungen, etwa in Sawelij Dudakows «Geschichte eines Mythos» (russisch 1993) oder in der jüngsten, stark überarbeiteten und ergänzten Ausgabe von Norman Cohns grundlegender Abhandlung über den «Mythos der jüdischen Weltverschwörung» (deutsch 1998), wird Golowinskij nicht einmal dem Namen nach erwähnt.

Der Lebensgang dieses Autors und seine vielfältigen Aktivitäten sind so vertrackt, zugleich so weitläufig, dass sie hier nicht im einzelnen aufgezeichnet werden können. Festgehalten sei nur, dass sich Golowinskij vom Provinzadligen und Winkelanwalt zunächst zum käuflichen Skandaljournalisten wandelte, dass er dann als bezahlter Handlanger der politischen Reaktion unter Alexander III. ein Auskommen fand, um später in Frankreich unter dem schon erwähnten russischen Geheimdienstagenten Ratschkowskij zu arbeiten, bis er schliesslich, nach dem bolschewistischen Umsturz, zum «roten Arzt» und engagierten Mitarbeiter des sowjetischen Volkskommissariats für das Gesundheitswesen mutierte. In Ratschkowskijs Auftrag fertigte Golowinskij, der auf die Fälschung publizistischer Texte spezialisiert war, die «Protokolle» an, die dann nach Russland gebracht und dort durch Nilus verbreitet wurden.

Ein gewisser Henri Bint, Agent des zaristischen Geheimdienstes in Frankreich und als solcher auch zuständig für die Honorarzahlungen an Golowinskij, verkaufte nach der Revolution von 1917 sein Privatarchiv an einen exilrussischen Diplomaten, der es später in Prag deponierte; dort wurde es 1946 von sowjetischen Agenten behändigt und nach Moskau ins Zentrale Staatsarchiv verbracht. Erst als 1992 die staatlichen Archivbestände öffentlich zugänglich wurden, konnte Michail Lepechin die nachgelassenen Bint-Papiere sichten, und eben dabei stiess er dann auf jene Belege, durch die nun Matwej Golowinskij als Kompilator der «Protokolle der Weisen von Zion» ausgewiesen ist. - Lepechins Entdeckung darf mit Fug und Recht als sensationell gelten. Dem definitiven Nachweis, dass es sich bei den «Protokollen» um eine Fälschung mit eindeutig bestimmbaren Auftraggebern und einem namentlich bekannten Urheber handelt, kommt nicht zuletzt in Russland grosse Bedeutung zu. Denn hier nahm die weltweite Verbreitung dieses Schwarzbuchs einer fiktiven «jüdischen Weltverschwörung» ihren Anfang - in einem Land, wo das Buch heute erneut nachgedruckt, ungestraft verbreitet und in Kreisen des erstarkenden Rechtsextremismus offenkundig auch gelesen wird. Bleibt abzuwarten, wie Lepechins archivalische Funde von den russischen Medien aufgenommen und kommentiert werden.

Felix Philipp Ingold

 

© Neue Zürcher Zeitung - 17.12.1999

Recherche
Links
Archiv
Suchen
Impressum

Nach oben