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Auf den Knien zu Babalú Ayé

Kubaner suchen Heilung beim «schwarzen» heiligen Lazarus

Von Knut Henkel*

Die Erschöpfung steht Enrique Azcuy ins Gesicht geschrieben. Schweiss rinnt in kleinen Bächen über sein von Staub graues Gesicht. Lumpen hat er sich um die Knie gewickelt, auf denen er sich taumelnd vorwärtsbewegt. Die Sonne brennt unbarmherzig auf seinen blossen Rücken. Nur noch wenige hundert Meter sind es, die er vor sich hat. Mit schmerzverzerrtem Gesicht biegt der muskulöse 23jährige, angefeuert von seinem jüngeren Bruder, in den Kirchhof ein. Das weissgekalkte Portal der Basilika von San Antonio de los Baños ist noch knapp vierzig Meter entfernt. Die drei Glocken im Turm schlagen in unregelmässigem Abstand. Enrique ist fast am Ziel seiner Wallfahrt zu Ehren des heiligen Lazarus angelangt. Er hält inne, mustert den belebten Kirchhof, reibt sich den Schweiss aus den Augen und atmet tief durch. Dann nimmt der junge Schwarze die letzten Kräfte zusammen und wankt den Stufen zum Eingangsportal entgegen.

Tausende von Kubanern befinden sich wie Enrique auf dem Weg zur Wallfahrtskirche. Viele von ihnen haben eine promesa abgelegt, ein Gelübde, damit der mächtige San Lázaro alias Babalú Ayé ihnen helfen möge. Babalú Ayé ist im afrokubanischen Götterhimmel der Santería der Herr über die Krankheiten, und von ihm erhoffen sich die zahlreichen Pilger Linderung von ihren Leiden. Einige robben mit blossem Oberkörper über den steinigen Weg, andere bewegen sich wie Enrique keuchend auf den Knien vorwärts. Begleitet werden die Pilger zumeist von Angehörigen. Die benetzen ihnen die Lippen, sammeln Spenden für den Heiligen und schlagen den Büssern manchmal mit Ruten über den Rücken. All das hängt vom Gelübde ab, das die zumeist unter einer Krankheit leidenden Gläubigen im Laufe des Jahres ablegten und nun am Tag des heiligen Lazarus, dem 15. Dezember, einlösen.

Enrique erhofft sich Linderung für sein chronisches Asthma. Raúl, der sich einige hundert Meter hinter ihm auf dem Rücken robbend auf der staubigen Strasse fortbewegt, hat ein Magenleiden, das ihm der Babalú Ayé heilen soll. Raúl, so erzählt es seine Schwester den Neugierigen, ist den ganzen Weg von Matanzas, also rund 180 Kilometer, hierher gerobbt. Niemand zweifelt an den Worten der von den Reisestrapazen gezeichneten Frau, und einige nicken anerkennend mit dem Kopf.

Aus der Kirche dringen Choräle ans Ohr. Tausende von Kerzen erhellen das Innere der Basilika, der Rauch von Zigarren hängt schwer in der Luft. Rund um das Standbild des heiligen Lazarus drängt sich ein Pulk von Menschen. Hinter einer Holzabsperrung haben drei Nonnen alle Hände voll damit zu tun, Blumen, Zigarren und schwere Plastikbeutel mit Münzen in Empfang zu nehmen - Spenden zu Ehren des Heiligen. Eine weitere Ordensfrau in sorgsam gestärkter Tracht steht am Mikrophon vor dem Altar. Zwischen den Gebeten und Chorälen wird sie nicht müde, die Gläubigen aufzufordern, das Rauchen der Zigarren einzustellen. Doch niemand interessiert die flehentlich vorgetragene Bitte der verhärmten Nonne, die streng durch ihre schmucklose Stahlbrille auf die Menge blickt.

Babalú Ayé liebt den Duft der Zigarre, erklärt Juan, der dem Katholizismus genauso wie der Santería anhängt. Zigarren dürfen bei einer Santeriá-Feier nicht fehlen, denn im Gegensatz zu ihren katholischen Pendants lieben die afrikanischen Götter, die Oríchas, den Duft der Zigarre und das Aroma des Rums. Ohnehin sind die etwa 30 Oríchas, die sich aus dem über 600 Gottheiten zählenden Pantheon der Yoruba in Kuba erhalten haben, wesentlich lebenslustiger als ihre sittsamen katholischen Pendants. Sie können eifersüchtig und leidenschaftlich sein, lieben und hassen, und sie schätzen die irdischen Freuden. Hinter der heiligen Barbara verbirgt sich Changó, der Gott des Donners und des Krieges. Franz von Assisi ist gleichzusetzen mit Orulá, dem Gott der Weissagung, und die Jungfrau von El Cobre ist für die Anhänger der Santería Ochún, die Göttin des Flusses und der Liebe. Wie dünn die Schicht des Katholizismus, die über der Santería liegt, ist, lässt sich am Ehrentag des heiligen Lazarus bestens studieren.

Enrique lehnt an einem Pfeiler und erholt sich von der Strapaze. Um sich herum hat er zahlreiche Kerzen zu Ehren Babalú Ayés entzündet. Zigarren und Blumen vervollständigen das Arrangement. Neben ihm am Pfeiler lehnt sein 17jähriger Bruder. Der achtet darauf, dass keiner der zahlreichen Neuankömmlinge die Kerzen um seinen Bruder umstösst. Enriques Atem geht rasselnd, das Asthma schüttelt ihn. Der Bruder greift in die Tasche und zieht ein Asthmaspray heraus. Doch Enrique wehrt ab. Babalú Ayé wird ihm schon helfen.

* Der Autor ist Publizist in Hamburg mit Schwerpunktgebiet Kuba

 

 

© Neue Zürcher Zeitung - 15.12.1999

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