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Ein Treibhaus des Todes

Philip Gourevitchs Studie über den Genozid in Rwanda

Was 1994 in Rwanda geschah, hätte man schon damals gern ins «Herz der Finsternis» abgeschoben: an einen Ort, der zwar auch in Joseph Conrads gleichnamigem Roman nicht ausschliesslich von «Schwarzen» besiedelt ist, aber dennoch geographisch tröstlich fern der westlichen Zivilisation liegt. Als in dem zentralafrikanischen Land die Opfer eines mit maximaler Schlagkraft und Brutalität in Szene gesetzten Genozids bereits mit sechsstelligen Zahlen aufgerechnet wurden, quetschten sich die Sprecher der Uno noch unbehaglich um den Gebrauch des für die Ereignisse einzig zutreffenden Ausdrucks herum; denn bei einem Völkermord - der in diesem Falle sowohl längerfristig vorauszusehen wie auch vom Leiter der Blauhelm-Truppen in Rwanda unmittelbar angekündigt worden war - hätte laut der Uno- Konvention Handlungszwang bestanden. In den Augen der Öffentlichkeit wiederum drohten Ursachen und Folgen des Bürgerkrieges zu verschwimmen: nach Wochen des fassungslos mit angeschauten Mordens neigte man irrtümlicherweise zur Annahme, bei den in die Auffanglager ausserhalb der rwandischen Grenze strömenden Flüchtlingen - denen man mit der Bereitwilligkeit des schlechten Gewissens Hilfe leistete - handle es sich um Überlebende der Opfer- und nicht der Täterseite.

«Wir möchten Ihnen mitteilen, dass wir morgen mit unseren Familien umgebracht werden», hat der amerikanische Journalist Philip Gourevitch - aus einem authentischen Dokument zitierend - seine «Berichte aus Rwanda» betitelt: das vehemente j'accuse des Verfassers verbirgt sich hinter dem schmerzhaft linkischen Wortlaut eines Appells, den sieben rwandische Geistliche zur Rettung der Menschen aufgesetzt hatten, die in ihrer Kirche Zuflucht suchten. Die Priester wurden kurz darauf zusammen mit ihren Schutzbefohlenen massakriert oder vertrieben; aber allein schon die nach wie vor unstabile Lage in der damaligen Kriegsregion lässt es als dringlich erscheinen, dass der Notruf nun wenigstens im Rahmen von Gourevitchs detaillierter Studie zur Kenntnis genommen wird.

Unbehagliche Neugier

Die ausführliche, von Momenten des expliziten Positionsbezuges begreiflicherweise nicht freie Darstellung des Konflikts und seiner Vor- und Nachgeschichte erweitert Gourevitch durch die so unvermeidbaren wie kaum zu beantwortenden Fragen, zu welchen der Blick auf die Ereignisse in Rwanda zwingt. «Sie lesen dies», heisst es am Anfang des Buches, « . . . weil Sie genauer hinschauen wollen, und vermutlich macht auch Ihnen Ihre Neugier zu schaffen.» Man mag sich dabei wieder an den seltsamen Zwang erinnern, mit dem man 1994 die Bilder wüst zerhackter oder aufgeschwemmt im Wasser treibender Leichen betrachtet hatte: sah man nun hin, weil man - gewissenhaft - nicht weg schauen oder weil man - mit einem schwerer einzugestehenden Frisson - eigentlich hinschauen wollte? Suchte man hier insgeheim das für einmal im Objektiv des Photographen eingefangene Spiegelbild der menschlichen Nachtseite?

Gourevitch überlässt dem Leser die weitere Auseinandersetzung mit diesem Denkanstoss; Antworten, Rwanda im besondern wie die condition humaine allgemein betreffend, werden in seinem Buch gesucht, aber nicht gefunden. Er schildert, neben hundert Akten von Feigheit und Verrat, mit grosser Ausführlichkeit den Einsatz eines Hotelmanagers, der - durchaus nicht als Held mit silberner Brustwehr, sondern vielmehr durch geschicktes Lavieren und Manipulieren - eines der wenigen dauerhaften Refugien für die verfolgten Angehörigen der Tutsi-Minderheit geschaffen hatte; auf die Frage, warum dieser eine sich nicht von der geistigen Pest der Angstmacherei und Propaganda habe infizieren lassen, erhält Gourevitch einen Bescheid, der in seiner Selbstverständlichkeit schon wieder unverbindlich wirkt: «Ich bin ein Mann, der Nein sagen kann, wenn es sein muss.» Warum aber sah die überwältigende Mehrheit in den auf offener Strasse stattfindenden Schlächtereien keinen zwingenden Grund zum «Nein», wie kam es soweit, dass vielmehr eine ganze Population den Genozid mittrug?

Diesem Aspekt geht Gourevitchs Studie mit besonderer Eindringlichkeit nach; und die himmeltraurige Fülle der Evidenz führt auch zu einer im Masse des Möglichen schlüssigen Interpretation des Bürgerkrieges, vor allem auf seiten der Täter. Zunächst, indem der Autor den Refrain in Frage stellt, mit dem die Ereignisse in Rwanda gern kommentiert wurden: es handle sich um einen ethnischen Konflikt, der endemisch gewesen und nun mit eruptiver Gewalt zum Ausbruch gekommen sei. Der Stellenwert der ethnischen Zugehörigkeit wird im historischen Rückblick relativiert, indem diese erst durch die belgische Kolonialpolitik zu einem inoffiziell über Macht und Privilegien entscheidenden, offiziell in Ausweispapieren und Dokumenten festgeschriebenen Faktor wurde, welcher der Minderheit der Tutsi zumindest bis zur Unabhängigkeit einen Vorzugsstatus sicherte; Begriffe wie «endemisch» und «eruptiv» müssen insofern mit Vorsicht verwendet werden, als sie ein quasi naturhaftes Geschehen suggerieren, wo tatsächlich eine von langer Hand orchestrierte Vernichtungsaktion ins Werk gesetzt wurde:

1994 galt Rwanda in grossen Teilen der Welt als Beispiel für das Chaos und die Anarchie eines zusammenbrechenden Staates. In Wirklichkeit aber war der Völkermord das Produkt von Ordnung, Autoritarismus, Jahrzehnten moderner politischer Theorien und Indoktrinierung in einem der am penibelsten verwalteten Staaten der Geschichte.

Wie macht man Menschen zu Mördern?

Als eigentlicher Katalysator der Gewalttätigkeiten sollten sich die Interahamwe-Milizen erweisen, die nach einem auch aus anderen, etwa islamistischen Kontexten bekannten Muster formiert wurden: Jugendliche mit durch eine schlechte Wirtschaftslage verbauten Zukunftsaussichten liessen sich durch das gefährlich zu Kopf steigende Gemisch von pseudomilitärischem Drill und Feindbildpolitik, durch solide Faustpfänder von Waffen und Geld für die Interessen einer zweifelhaften Autorität rekrutieren. Im Falle Rwandas hiess dies, dass die durch Bevölkerungsmehrheit und Staatsmacht schon etablierte Vormachtstellung der Hutu ein für allemal gegen die einstige Tutsi-Aristokratie durchgesetzt werden sollte: die Ereignisse im benachbarten Burundi - wo 1993 der Bürgerkrieg sozusagen mit umgekehrten Rollen präludiert worden war, indem ein Hutu-Aufstand von den machthabenden Tutsi blutig niedergeschlagen wurde - schienen die Notwendigkeit dieser «Endlösung» zu bestätigen.

Bezeichnenderweise gehörten neben den Tutsi auch gemässigte rwandische Hutu, die sich der anrollenden Mordmaschinerie möglicherweise in den Weg gestellt hätten, zu den ersten Opfern auf den akribisch erstellten schwarzen Listen der Interahamwe. Wer sich dem Aufgebot zum Morden widersetzen wollte, riskierte den eigenen Tod - mit diesem Argument suchten sich später auch viele zu rechtfertigen, die an den Massakern teilgenommen hatten. Gourevitch hebt immer wieder die traurige Einmaligkeit dieses Bürgerkrieges hervor, die darin bestand, wie schnell und widerstandslos eine ganze Bevölkerung sich für das beschwerliche Geschäft des Abschlachtens mit Keulen und Macheten gewinnen liess.

Die existentielle Frage, mit der einen der rwandische Genozid konfrontiert - diejenige nach der schieren Menschenmöglichkeit des Geschehenen -, vermochte Gourevitch mit seinen Recherchen und zahllosen Gesprächen höchstens einzukreisen. Die Täter und Mitläufer, welche sich überhaupt auf ihr Handeln ansprechen liessen, wichen den traumatischen Erinnerungen durch Ablehnen der Verantwortung, mit diffusen Floskeln oder unreflektiert tönenden Schuldzugeständnissen ebenso beharrlich aus, wie die Überlebenden der Opferseite sich auf die Brennpunkte des Entsetzens konzentrierten, die ihr ganzes vormaliges, normales Leben aufgezehrt zu haben schienen. Für den letzten, unverschämtesten Tabubruch, das Töten von Angesicht zu Angesicht, darf es vielleicht auch gar keine nachvollziehbare Erklärung geben; dafür aber, dass solches im Angesicht der Weltöffentlichkeit möglich war, zieht Gourevitch die Verantwortlichen explizit - und jeden gewissenhaften Leser implizit - zur Rechenschaft.

Angela Schader

 

Philip Gourevitch: Wir möchten Ihnen mitteilen, dass wir morgen mit unseren Familien umgebracht werden. Berichte aus Rwanda. Aus dem Amerikanischen von Meinhard Büning. Berlin-Verlag, Berlin 1999. 427 S., Fr. 42.-.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 15.12.1999

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